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'Die Mischehen unter dem Juli-Königtum und dem Zweiten Kaiserreich'
 
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Die Mischehen unter dem Juli-Königtum und dem Zweiten Kaiserreich

Von 1830 bis 1865 in Straßburg geschlossene Mischehen

  Gesamtzahl der Ehen Mischehen % % der deutschen Ehegatten
1830 519 31 7 75
1845 526 48 9,2 64
1850 557 31 5,6 48,4
1855 543 63 11,6 57,2
1860 647 68 10,5 48
1865 585 49 8,4 43
Gesamt 1830 à 1865 3377 290 100 100

Quelle: Heiratsregister der Stadt Straßburg 1830-1865

In den 40 Jahren vor der Annexion wurden im Durchschnitt 7 bis 11% Mischehen registriert. Dieser Prozentsatz stieg stetig bis Ende der 1850er Jahre, dann veringerte er sich aber in den letzten Jahren des Zweiten Kaiserreichs um drei Prozent, was die veränderte diplomatische Situation widerspiegelt. Durch den Konflikt zwischen Preuben und Österreich, der 1866 in Sadowa seinen Höhepunkt erreichte, entstanden erhebliche Spannungen zwischen Straßburg und den deutschen Staaten, die sich auch innerhalb der Straßburger religiösen Gemeinschaften niederschlugen. Demzufolge war der Prozentsatz der Mischehen, der in den Friedenszeiten seit 1830 ständig zugenommen hatte, schlagartig zurück. Von 1860 an befinden sich Straßburg und die deutschen Staaten in eine unsicheren Phase, was auch die Beziehungen der Menschen erheblich beeinträchtigte. In Straßburg, einer Grenzstadt am « Tor Deutschlands », wird dies besonders spürbar: Die Völkervermischung, die in Friedenszeiten die germanische Welt kennzeichnete, ging beträchtlich zurück. Dies fand seinen unmittelbaren Niederschlag in der rasch rückläufigen Zahl der Mischehehen. Das macht deutllich, dass die in Straßburg während des Juli-Königtums und des Zweiten Kaiserreichs registrierte Zahl an grenzüberschreitenden Ehen den Stand der Beziehungen zwischen den deutschen Staaten widerspiegelt. Die Häufigkeit der Eheschließungen dokumentiert die Intensität der Beziehungen zwischen dem Elsass und den deutschen Staaten während einer vierzigjährigen Zeit.

Die Annäherungen begannen oft zunächst auf wirtschaftlicher Ebene. Junge Deutsche aus den Nachbarstaaten kamen nach Straßburg in die Lehre und ließen sich dort nieder, wenn ihr Vertrag zu Ende ging. Andererseits gingen manche Straßburger als Gesellen oder Lehrlinge in badische oder benachbarte Städte und knüpften dadurch Kontakte zu Familien jenseits des Rheins. Wanderschaften waren im Baugewerbe sehr üblich. Auberdem hatte das Buchgewerbe die Tradition beibehalten, nach der Lehre in verschiedene europäische Länder zu ziehen, wobei die Städte in Nähe des Rheins oft am Anfang standen. In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts war Straßburg eine Stadt, die durch den Handel großen Reichtum erworben hatte. Die Aussicht, hier Waren auszutauschen und Geschäfte zu machen, zog sowohl Klein- als auch Grobhändler an. Besonders während des Juli-Königtums und des Zweiten Kaiserreichs konnte man durch den internationalen Handel rasch Reichtum erwerben und dadurch eine wichtige gesellschaftliche Stellung einnehmen. Straßburg ist auf diese Weise zu einem Knotenpunkt des oberrheinischen Handels geworden, in dem die Beziehungen zu den angrenzenden deutschen Staaten besonders gepflegt wurden.

Abbildung 13:

Strassburg, das "Tor zu Deutschland"

 

 

 

 

 

 

 

Internet-Quelle [1]

Der Historiker und Kaufmann Charles Staehling schildert die Verhältnisse um 1850 wie folgt (1): «In langen Wagenkolonnen transportierten Kutscher aus der Freigrafschaft oder den Vogesen Weine aus Burgund, aus Südfrankreich und der Champagne sowie andere für Deutschland bestimmte Waren, um sie in Straßburg auf die deutschen Wagen umzuladen, auf denen umgekehrt Güter aus Sachsen, Nürnberg, Augsburg oder Stuttgart nach hier transportiert worden waren. » 
Zwischen Händlern diesseits und jenseits des Rheins wurden somit enge Kontakte geknüpft und Verbindungen geschlossen, die oft auch zu Hochzeiten führten. Diese Allianzen betrafen sehr unterschiedliche Vermögensschichten, allerdings war die soziale Herkunft der jeweiligen Partner meistens homogen. 

Zwei Beispiele aus den sozial höheren Klassen machen die Verhältnisse deutlich. Das erste betrifft die Handelswelt. Im Juni 1860 wird zwischen Antoinette Marie Sengenwald, Tochter von Louis Sengenwald, Kaufmann und Präsident des Handelsgerichts in Straßburg, und Guillaume Nording aus Stuttgart, Chefingenieur des Zentralen Eisenbahnnetzes in Orléans, die Ehe geschlossen. Sein Vater, Jules Nording, ist Oberer Finanzberater und Kommandeur des Königlichen Ordens der Württemberger Krone. Unter den Trauzeugen befanden sich der Grobvater der Braut, Jean-Conrad Sengenwald, Ritter der Ehrenlegion, neben einem Studienrat und einem Bauingenieur, die beide aus Württemberg stammen.

Das zweite Beispiel betrifft die freien Berufe. Im Jahre 1860 ehelicht der Architektensohn François Maestle, selbst Architekt, die Tochter eines Kaufmanns aus der Gegend von Magdeburg. Trauzeugen waren in diesem Fall ein Bauleiter im Strabenbau, ein ehemaliger französischer Militär, und seitens der Ehefrau ein Chemiker und ein Anwalt.

Die Beziehungen zwischen dem Elsass und dem Oberrheingebiet betrafen jedoch nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die kulturelle und die religiöse Ebene. So wurden angehende elsässische Pastoren gebeten, ihre Ausbildung an einer deutschen Universität zu vervollständigen. Sie besuchten die Theologischen Fakultäten in Tübingen, Marburg, Halle oder Göttingen. Wenn sie nach Frankreich zurückkehrten, waren sie oft voller Bewunderung für die deutsche Geisteshaltung und die deutsche Romantik. Die aubergewöhnliche Mobilität der Theologiestudenten und die Tatsache, dass sie fliebend Deutsch sprachen, trug zur Schliebung zahlreicher Mischehen bei. Die Laufbahn zweier Professoren an der Theologischen Fakultät in Straßburg dokumentiert diesen Austausch von Ideen und menschlicher Beziehungen beidseits des Rheins sehr augenfällig.

Johann Friedrich Bruch, aus der (damals deutschen) Pfalz stammend, absolvierte sein Studium am Evangelischen Seminar in Straßburg, dann lehrte er Dogmatik und bekam später eine Stelle als Hauslehrer in einer Fabrikbesitzerfamilie in Wesserling im Elsass. Zwanzig Jahre lang, von 1828 bis 1848, war er Direktor des protestantischen Gymnasiums und von 1834 an Dekan der Theologischen Fakultät. Er war dem Kultusminister aufgefallen, was ihm 1858 den Orden eines Ritters der Ehrenlegion einbrachte. Im Jahre 1872 wurde er zum ersten Rektor der neuen Reichsuniversität gewählt. Die beispielhafte Karriere dieses Theologieprofessors erlebte fünf verschiedene Regimes. Dabei ist zu beachten, dass der 1871 eingetretene politische Umbruch seine Karriere keineswegs störte.

Die Laufbahn von Jean Guillaume Baum ist ebenso bemerkenswert. 1805 in Rheinhessen, damals französisches Departement, geboren, studierte er in Straßburg, zuerst am protestantischen Gymnasium , dann am Evangelischen Seminar und schlieblich an der Theologischen Fakultät in Straßburg und in Zürich, wo er seine Doktorarbeit machte. 1860 ehelichte er Mathilde Boeckel, die Tochter des berühmten Straßburger Arztes Théodore Boeckel, der im Kampf gegen die Choleraseuchen 1849 und 1854 bekannt wurde. Diese Ehe ist ein beeindruckendes Beispiel für die Verflechtung der evangelischen rheinischen Welt, der Welt der Pastoren, der Akademiker und der Wissenschaftler. Baum begann 1860 eine glänzende Laufbahn an der Theologischen Fakultät in Straßburg, zuerst an der französischen Universität, dann an der Kaiser Wilhelm Universität. Im Jahre 1873 gab er seinen Lehrstuhl auf, dies aber ausschlieblich aus gesundheitlichen Gründen.

  1. Staehling, 1852, 1887.