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'Die Ehen in Akademikerkreisen'
 
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Die Ehen in Akademikerkreisen

Eine Gruppe, die während der gesamten Reichslandphase Schwierigkeiten hatte, sich der elsässischen Gesellschaft anzunähern und sich in die Strabburger Kreise zu integrieren, war zweifelsohne die Welt der Akademiker. Der Kaiser hatte persönlich und mit gröbter Sorgfalt darauf geachtet, dass die Reichsuniversität 1892 gut eingerichtet und mit geräumigen Gebäuden ausgestattet würde, deren Ausführung dem Baustil des Universitätsgebäudes entsprach. Auch hatte er dafür gesorgt, dass die Professoren attraktive Gehälter erhielten. Bismarck hatte der Universität die politische und kulturelle Aufgabe aufgetragen, die elsässisch-lothringische Provinz zu germanisieren und zu einer Bastion der germanischen Kultur zu machen. In den ersten Jahren (1872-90) kamen berühmte Professoren, hervorragende Persönlichkeiten in Philologie, Jura, Politikwissenschaft, evangelischer Theologie und Medizin. Doch weder für die geistige elsässische Elite, noch für die Studenten war diese als fremd empfundene Einrichtung von besonderem Reiz. So ist es kein Wunder, dass es, auber einem Privatdozenten in der Medizin, keinem Akademiker dieser Generation gelang, durch Heirat Zugang zu einer elsässischen Familie zu erhalten.

Nach 1890 änderte sich die Situation jedoch spürbar. Entmutigt durch die kühle Haltung und die Feindseligkeit der Intellektuellen und der Strabburger Öffentlichkeit, verlieben nach 1880 etwa zwanzig Professoren die Stadt. Sie wurden durch eine neue Generation von Professoren abgelöst, die scheinbar weniger überzeugt war von der ihr übertragenenen Mission und die auch nicht unbedingt das gleiche wissenschaftliche Niveau hatte wie ihre Vorgänger. Unter großen Mühen gelang es dem Landesausschuss, einige elsässische Professoren zu berufen. Doch es blieb weiterhin für einen Elsässer äuberst schwierig, einen Lehrstuhl in Strabburg zu erlangen. All dies trug nicht dazu bei, das anhaltende Misstrauen der Elsässer der deutschen Behörde gegenüber zu verringern. Es ist gleichzeitig wohl auch eine Erklärung dafür, dass es von 1890 bis 1914 nur zu fünf Ehen zwischen deutschen Akademikern mit elsässischen Frauen kam.

Drei dieser Fälle verdienen besonderes Interesse: Zunächst Ludwig und Helena Bresslau, Sohn und Tochter von Harry Bresslau, einem sehr berühmten Akademiker, der auf historische Hilfswissenschaften spezialisiert war und 1921 ein riesiges Werk veröffentlichte: die « Monumenta Germaniae historica ». Ludwig, der Medizin lehrte, heiratete 1907 die Tochter eines Strabburger Geschäftsmanns, während sich seine Schwester Helena im Jahre 1912 mit dem jungen Privatdozenten Albert Schweitzer vermählte. Letzerer ging damals schon mehreren Beschäftigungen nach: er war Pfarrer und Prediger in der Nikolauskirche, lehrte Theologie an der Universität, war Musikologe und Organist. Dass Albert Schweitzer die Tochter eines deutschen Universitätsprofessors zur Gattin gewählt hat, ist keineswegs erstaunlich. Mit einem allumfassenden Wissensdurst versehen war er tief in der deutschen Kultur verwurzelt und verkehrte mit den groben deutschen Denkern, Philosophen und Theologen seiner Zeit. Gleichzeitig wusste er auch die französische Literatur und Musik zu schätzen.

Mit Friedrich Spitta bleiben wir auf dem Gebiet der Theologie und der Sakralmusik. Durch seine Ehe mit Mathilde Hiller trat er 1899 in eine Händlerfamilie ein. Der aus Hannover stammende Spitta widmete seinen Unterricht dem Neuen Testament und der praktischen Theologie. Er war Spezialist für Hymnologie und veröffentlichte 1899 das « Evangelische Gesangbuch für Elsass-Lothringen » [1] , in dem er das elsässische Repertoire vom Mittelalter bis zum XIX. Jahrhundert wiederentdeckte. Dessen Inhalt hat den lutherischen Kirchengesang bis in die heutige Zeit beeinflusst. In der « Neuen Kirche » dirigierte er einen akademischen Chor, wo deutsche und französische Gläubige gemeinsam sangen. Sein Unterricht hatte eine starke Wirkung auf mehrere Generationen von elsässischen Pfarrern ausgeübt, denen er den Sinn für Liturgie und « schöne » Gottesdienste verlieh.

Abbildung 23:

 

 

 

 

 

 

 

Internet-Quelle [2]

 

Mit Werner Wittich haben wir es schließlich mit einer schillernden Persönlichkeit zu tun, die dem Elsass viel Interesse entgegenbrachte und versuchte, dessen Seele zu ergründen. Nach dem Studium der Wirtschaftspolitik an den Universitäten Lausanne, Brüssel und Strabburg, wo er promovierte, begann er daselbst eine Laufbahn als Privatdozent, später als auberordentlicher Professor. Er hatte schon früh mit dem sehr frankophilen, von Pierre Bucher belebten Kreis der « Revue alsacienne illustrée » Kontakte geknüpft, wo er 1900 eine Abhandlung über die « Deutsche und französische Kultur im Elsass [3] » veröffentlichte. Er wagte sich darin an ein Tabu des deutschen Denkens heran, indem er die französische und die germanische Kultur auf die gleiche Ebene stellte. Dafür wurde er von vielen Seiten getadelt, insbesondere vom Staatssekretär, und seine Karriere wurde dadurch verlangsamt. Da er sowohl von den politischen Behörden als auch von den Akademikerkreisen schlecht angesehen war, musste Wittig 1907 Strabburg verlassen und nach München ziehen, um einen Lehrstuhl als ordentlicher Professor zu erhalten. Obwohl er der beste Kenner der wirtschaftlichen und sozialen elsässischen Verhältnisse war, musste er bis 1909 warten, bis eigens für ihn ein Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik gegründet wurde. Im Jahre 1911 heiratete er Catherine Fest, die Tochter eines Kleinhändlers aus Haguenau.

Solche Ehen, fünf an der Zahl innerhalb von fünfundzwanzig Jahren, blieben jedoch die Ausnahme. Da sie in einem besonderen Kontext zustande gekommen sind, kann man wohl schwerlich behaupten, dass zu Beginn des XX. Jahrhunderts eine neue Generation von Akademikern mit einer weniger systemkonformen und den elsässischen Realitäten zugänglicheren Geisteshaltung bestanden hätte.