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'Einleitender Vergleich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede'
 
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Einleitender Vergleich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Frankreich ist - auch heute noch - ein zentralistischer Staat [1] . Alle wichtigen Entscheidungen werden in Paris gefällt. Die Regionen, Departements und Gemeinden besitzen daher nur sehr begrenzte Kompetenzen.

Im föderativen System der Bundesrepublik Deutschland wachen dagegen die Bundesländer eifersüchtig über ihre Rechte, die ihnen in der Verfassung (dem Grundgesetz) verbrieft wurden: Das Bildungswesen, die Medien, die Förderung von Kunst und Wissenschaft unterstehen im Wesentlichen den Bundesländern ("Kulturhoheit der Länder"), ebenso obliegt ihnen das Polizeiwesen und die Durchführung der Bundesgesetze durch die Länderverwaltung. Und über den Bundesrat können die Länder sogar an der Gesetzgebung auf Bundesebene mitwirken (Große/Lüger, 2000: 25). Diese Rechte sind ein historisches Erbe der deutschen "Kleinstaaterei" seit dem Mittelalter.

Zentralismus in Frankreich, Föderalismus in Deutschland: diesem Gegensatz werden die Leser im Folgenden immer wieder begegnen. Er zieht sich durch die Geschichte und die gesellschaftlichen Strukturen bis in die Außenbeziehungen hinein. Gewiss existieren gegenläufige Tendenzen: In Frankreich besonders seit den Dezentralisierungsgesetzen ab 1982 und deren Erweiterung durch die Regierung Raffarin seit 2002/03, in Deutschland durch das wachsende Gewicht des Staates (d.h. erst "Bonns" und ab 1990 "Berlins") im Rahmen Europas und der Welt. Gäbe es die Dezentralisierungsgesetze nicht, dann hätte der ohnehin problematische Vergleich zwischen der Region Rhône-Alpes und dem Bundesland Baden-Württemberg eigentlich wenig Sinn; so aber ergibt sich zumindest eine begrenzte Vergleichbarkeit.

Vergleiche setzen - bei allen Unterschieden - gewisse Gemeinsamkeiten voraus. Worin liegen sie?

  • Baden-Württemberg und Rhône-Alpes haben schon im Juni 1986 eine Partnerschaftsvereinbarung abgeschlossen. Diese Partnerschaft wurde bald danach erweitert. Seit dem 9. September 1988 "laufen" zusammen mit Katalonien und der Lombardei die "Vier Motoren für Europa". Sie bilden eine Arbeitsgemeinschaft von vier geographisch nicht benachbarten Regionen, die sich durch ihre exportorientierte Wirtschaft, ihre Forschungsaktivitäten und - in Zusammenarbeit von Wirtschaft und Forschung - ihre Hochtechnologie auszeichnen (Näheres unter Kap. 2.4. und bei Fischer/ Frech, 2001, 9-34). 
  • Beide Regionen nehmen große Flächen ein und weisen eine beachtliche Bevölkerungszahl auf, was in Verbindung mit ihrer Wirtschaftsstärke ihr Gewicht im jeweiligen Staat erhöht: Baden-Württemberg ist nach seiner Einwohnerzahl (10,5 Mio.) wie nach seiner Fläche (35.752 km²) das dritte Land der Bundesrepublik. (Zum Vergleich: Nordrhein-Westfalen: 18 Mio., 34.079 km²; Bayern:12 Mio., 70.548 km²; Niedersachsen: fast 8 Mio., 47.613 km²). 
  • Rhône-Alpes bildet in fast jeder Hinsicht die zweitwichtigste Region Frankreichs nach der Ile-de-France um Paris, die mit ihrer Einwohnerzahl (10,9 Mio.) auf schmalem Raum (12.012 km²) das größte Ballungsgebiet Frankreichs darstellt. 5,6 Mio. Einwohner hatte Rhône-Alpes 1999; aufgrund ihres relativ raschen Bevölkerungszuwachses rechnet die Region für 2010 mit 6 Mio. Einwohnern (Rhône-Alpes l'encyclopédie 1997, 80). In ihrer Ausdehnung (43.698 km²) wird sie nur von der Region Midi-Pyrenées um Toulouse übertroffen (45.348 km²), die mit ihren 2,55 Mio. Einwohnern freilich weniger als 5% der französischen Gesamtbevölkerung stellt. Nach den Kriterien der Fläche und der Bevölkerung handelt es sich also um die zweite Region Frankreichs. 
  • Baden-Württemberg wie Rhône-Alpes könnte man also im Verhältnis zu anderen politischen Regionen im jeweiligen Staat als großflächige und bevölkerungsreiche Regionen bezeichnen, allerdings mit der Einschränkung, dass die französische Partnerregion nur praktisch die Hälfte der Einwohnerzahl des "Ländles" aufweist. Das bestätigt sich ganz sichtbar, wenn man mit dem Auto durch beide Regionen fährt. Nach nur wenigen Kilometern kommt man auf Baden-Württembergs Landstraßen von einem Dorf schon in das nächste, nimmt man hier einige weniger dicht besiedelte Gegenden wie z.B. den Schwarzwald und die Schwäbische Alb einmal aus. In Rhône-Alpes dagegen, abgesehen von den Umgebungen der Städte und einigen Talzonen, taucht nach einem Dorf noch lange nicht das nächste auf: Kilometerlang nur Felder und Wälder - ganz zu schweigen von den Westalpen. 
  • Beide Regionen neigen politisch seit langem eher zur liberalkonservativen Rechten als zur Linken. Diese politische Nähe hat schon in den achtziger Jahren, als Lothar Späth (CDU) Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Charles Béraudier (UDF) Präsident des Regionalrates waren, die eingangs genannte Regionspartnerschaft erleichtert (Weiteres zu den Parteien und Wahlen siehe unter Kap. 2.2. und Kap. 3.2.). 
  • Nicht zu vergessen ist schließlich, dass beide Regionen die Bedeutung des Bildungswesens und der Forschung für ihre Zukunftschancen erkannt haben. Hier investieren sie, gestützt auf ihre Wirtschaftskraft, besonders viel Geld. 

Es gibt also durchaus Gemeinsamkeiten, die den Vergleich zwischen beiden Regionen legitimieren. Dennoch überwiegen die Unterschiede. Die wichtigsten seien bereits in diesem einleitenden Überblick genannt:

  • Baden-Württemberg verfügt über ein Budget von etwa 31 Mrd. Euro jährlich, Rhône-Alpes dagegen - so im Jahr 2002 - nur über 1,63 Mrd. Euro. Selbst alle Regionen Frankreichs zusammen kamen im Jahr 2002 nur auf 15,6 Mrd. Euro (Zahlen aus Le Monde, 14.3.2002), d.h. gerade die Hälfte dessen, was allein dem Land Baden-Württemberg zur Verfügung stand. In diesen enormen Budgetunterschieden spiegelt sich die Tatsache wider, dass in Frankreich der Zentralstaat - sei er von der demokratischen Rechten oder der demokratischen Linken regiert - das Heft in der Hand behalten will. Nur wer Geld hat, hat Macht und damit Entscheidungsgewalt. Vielleicht gewährt Frankreich einige gewichtige Konzessionen an die "Unruhe"-Region und Insel Korsika, jedoch geschieht dies (nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge) nur sehr "maßvoll" bei den anderen Regionen, selbst wenn diese schon seit Jahren höhere Anteile am Gesamtsteuereinkommen fordern. Wegen des relativ schmalen Budgets kann sich die Region Rhône-Alpes nur ca. 700 Beschäftigte zu ihrer Verwaltung leisten. Das ist eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu Baden-Württemberg. Schon in den sechziger und siebziger Jahren standen weit über hunderttausend Beschäftigte in den Diensten des Bundeslandes, dem im Unterschied zu Frankreich auch die Lehrer und fast alle Polizisten unterstehen (1962: 117.000, 1971: 166.000, 1979: 208.000, vgl. Bausinger/ Eschenburg, 1981: 260). 
  • Wegen der relativ schwachen finanziellen Ausstattung und politischen Stellung im zentralistischen Gesamtstaat ist Rhône-Alpes auch in seinen Außenbeziehungen viel abhängiger von Paris als Baden-Württemberg von Berlin (s. Kap. 3.5.). 
  • Es handelt sich um zwei "Bindestrich-Regionen" schon der Namensgebung nach. Aber ihre Geschichte verlief sehr unterschiedlich. Historisch war das heutige Baden-Württemberg noch viel stärker zersplittert als die heutige Region Rhône-Alpes. Daraus resultiert zum Beispiel seine besonders dichte Medien-, Theater- und Museenlandschaft. 
  • Am wichtigsten aber scheint, dass das am grünen Tisch (von Pariser Planungsbehörden!) entworfene Konglomerat Rhône-Alpes, das aus ganz unterschiedlichen historischen Territorien gebildet wurde, erst allmählich zusammenwächst. Noch ist das Bewusstsein einer regionalen "rhônalpiner" Identität in der Bevölkerung wenig entwickelt, doch steigt es vielleicht in der Zukunft (s. Kap. 3.4., Einzelheiten: in Große/Kempf/ Michna 1998: 231-253). Auch gab es nicht etwa ein historisches Territorium Rhône und ein anderes namens Alpes, sondern es handelt sich beim Namen um eine Kunstschöpfung, basierend auf den 1955 geplanten Programmregionen "Rhône-Loire" und "Région des Alpes" (letztere mit den Departements Isère, Savoie und Haute-Savoie), die später zu einer Großregion vereint wurden. Ganz anders Baden-Württemberg. Bereits zur Zeit Napoleons entstanden die beiden größeren Staaten Baden und Württemberg. Vereinigt 1952 (daher die Fünfzigjahrfeiern 2002), leben dennoch in vielen Bereichen und auch auf administrativen Ebenen die unterschiedlichen Zugehörigkeiten weiter. Baden-Württemberg ist also in ganz anderem Sinne eine "Bindestrich-Region" als Rhône-Alpes. Baden-Württemberg ist eine Zusammenfügung zweier benachbarter alter Länder, welche inzwischen als eine gewachsene Einheit betrachtet werden darf. Rhône-Alpes dagegen bildet ein Planungsergebnis, das zwar wirtschaftlich geglückt sein mag, aber in seiner heutigen Gestalt - im Unterschied zu manch anderen Regionen Frankreichs, von der Bretagne bis zum Elsass - auf keine historischen Wurzeln verweisen kann. (Vgl. den knappen historischen Überblick in Kap. 3.1.
  • Grundlegende Unterschiede bestehen im Bereich des Bildungswesens, der Medienlandschaft sowie kultureller Einrichtungen wie Theater und Museen. Eine ausführliche Darstellung dieser kulturellen Strukturen findet sich im Beitrag Große.