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'Groupes de résistance'
 
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Die deutschen Widerstandsgruppierungen lassen sich nicht über einen Leisten schlagen. Sie reichen von der linkssozialistischen Berliner Gruppe "Neubeginnen" über den Kreisauer Kreis um Moltke bis hin zu den Rechtskonservativen um Goerdeler und einige Generäle wie von Beck. "Neubeginnen" war schon vor dem Kriegsausbruch aktiv und dachte europäisch, Goerdeler dachte durchaus auch europäisch, glaubte aber, solange es deutsche Siege gab, an die Möglichkeit eines deutsch geführten Europas. Eben diese Haltung erschwerte es der englischen Regierung, sich trotz recht guter Kontakte zum deutschen Widerstand zu einer zielgerichteten Zusammenarbeit zu entschließen. Die Fortentwicklung des Europadenkens bei Goerdeler kam dann in gewisser Weise zu spät.

Am 21.12.1936 hatten Hermann Brill, Otto Braß, Oskar Debus und Franz Petrich für "Neubeginnen" ein Zehn-Punkte-Programm formuliert, in dem als Punkt 6 die Aussöhnung mit Frankreich und die Beteiligung am Ausbau der europäischen Staatengemeinschaft im Rahmen eines reorganisierten Völkerbundes gefordert wurde. Im Februar 1938 wurde das Programm ausführlicher erläutert. U.a. hieß es dann weiter: "Über das neue Europa soll das Primat des Völkerrechts herrschen. Die deutsche Volksfront bekennt sich in diesem Sinne zu einem Völkerbund, der keine ausschließliche Souveränität seiner Mitglieder anerkennt und ein echter Staatenbund ist." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 103f.)

Vergeblich hatte der Legationsrat Adam von Trott zu Solz 1939 während einer USA-Reise versucht, eine konstruktive Verbindung zwischen Exildeutschen, dem Außenministerium der USA und deutschen Widerstandskreisen herzustellen. Als Vorbild für eine künftige europäische Verfassung sah er die USA an, "die durch eine gemeinsame nationale Grenze, durch Zoll- und Währungsunion prima facie die Möglichkeit innerer gewalttätiger Konflikte ausgeschaltet haben." Weiter überlegte er: "Man könnte als Ziel der sozialistischen Kräfte in Deutschland und Gesamteuropa den Ausbau einer Magna Charta der Arbeit anstreben und in die Zuständigkeit eines gemeinsamen höchsten Gerichtshofes legen und einen gesamteuropäischen staatsbürgerlichen Status schaffen, der die Grundlage zu weiteren Zusammenlegungen der administrativen Souveränität auf Teilgebieten des Lebens ermöglichen könnte..." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 105-6).

Wenig später, im Februar 1940, formulierte Ulrich von Hassell, Botschafter a.D., der dem rechten Widerstandsflügel zugerechnet wird, folgende Grundsätze: der Krieg sei schnell zu beenden, Europa bedeute ihm ein Vaterland, das jedoch ein "gesundes, lebenskräftiges Deutschland gerade im Hinblick auf das bolschewistische Rußland" benötige. Für einen dauerhaften Frieden sei Bedingung, "daß die Vereinigung Österreichs (und des Sudetenlandes) mit dem Reich außerhalb der Erörterung steht. Ebenso kommt ein Wiederaufrollen von Grenzfragen im Westen Deutschlands nicht in Frage, während die deutsch-polnische Grenze im wesentlichen mit der deutschen Reichsgrenze im Jahre 1914 übereinstimmen muß." Darüber hinaus sollten als Grundsätze gelten: "Prinzip der Nationalität", aber auch "Wiederaufbau der internationalen Zusammenarbeit in wirtschaftlicher Hinsicht." Schließlich forderte von Hassell als 'Leitgedanken aller europäischen Staaten': "Grundsätze der christlichen Sittlichkeit, Gerechtigkeit und Gesetz als Grundsatz des öffentlichen Lebens, soziale Wohlfahrt als Leitmotiv, effektive Kontrolle der Staatsgewalt durch das Volk in einer der betreffenden Nation angemessenen Weise, Freiheit der Gedanken, des Gewissens und der Geistesarbeit." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 107f.)

Goerdeler verfaßte im Sommer und Herbst 1940 mehrere Denkschriften. Zustimmend greift Goerdeler die Rede vom neuen Europa auf, die sich die Nazis zueigen gemacht hatten, fährt dann aber fort: "Die größte Weisheit würde darin bestehen, den bisher selbständigen europäischen Völkern ihre nationale Freiheit und Unabhängigkeit zu lassen und nur einer schrittweisen Angleichung des Zoll-, Wirtschafts- und Verkehrs-, sowie des Rechtswesens zuzustreben. [...] Es ist durchaus vernünftig, daran zu denken, die technisch sehr rückständige französische Landwirtschaft wieder zu beleben. Nach allen Schätzungen könnte sie das Getreidezufuhrbedürfnis Deutschlands dann ungefähr decken. [...] Aber eins erscheint mir immer Voraussetzung einer gesunden Friedenswirtschaft: die einzelnen an einem europäischen Wirtschaftsraum beteiligten Völker müssen ihre nationalen Angelegenheiten selbst verwalten... Genau wie einst Preußen im preußischen Zollverein und im Norddeutschen Bunde muß heute Deutschland im neuen Europa den sichtbaren Vorteil der neuen Ordnung als Anziehungskraft auf die freie Entschließung der Völker wirken lassen, um sie für diese Ordnung und für eine deutsche Führung zu gewinnen." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 110).

Moltke, Kopf des Kreisauer Kreises, verfaßte im April 1941 einen Grundlagentext für den Kreis, der "Ausgangslage, Ziele und Aufgaben" hieß. Moltke forderte das Ende der "Machtpolitik", des "Nationalismus", des "Rassegedankens" und der "Gewalt des Staates über den Einzelnen". Im Falle eines Friedens hielt Moltke die folgende Konstellation für denkbar: "Der Friede bringt eine einheitliche europäische Souveränität von Portugal bis zu einem möglichst weit nach Osten vorgeschobenen Punkt, bei Aufteilung des ganzen Festlandes in kleinere nicht-souveräne Staatsgebilde, die unter sich Verflechtungen politischer Art haben. Einheitlich sind mindestens: Zollgrenzen, Währung, Auswärtige Angelegenheiten einschließlich Wehrmacht, Verfassungsgesetzgebung, möglichst außerdem Wirtschaftsverwaltung." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 114).

Pfarrer Dietrich Bonhoeffer von der Bekennenden Kirche gehörte zu jenen, die internationale Kontakte besaßen und sie für die Anliegen des deutschen Widerstandes zu nutzen suchten. Im September 1941 hielt er sich in der Schweiz auf, ein Paß der Widerstandsgruppe in der Deutschen Abwehr um Oster und Dohnany hatte diese Reise ermöglicht. Er traf dort den Generalsekretär des Weltkirchenrates Visser't Hooft, mit dem er einen Text verfaßte, der an Kontaktleute in England geschickt wurde. Beide fordern die Überwindung des Nationalsozialismus und die Errichtung eines rechtsstaatlichen Systems in Deutschland, sie plädieren für die Errichtung einer neuen internationalen politischen und wirtschaftlichen Ordnung, die die Fehler der Vorkriegszeit nicht wiederholt. Dargestellt wurde das Dilemma des deutschen Widerstandes zwischen Nationalsozialismus, nationalem Patriotismus, auswärtigem Mißtrauen: "Man muß die Frage ins Auge fassen, ob eine deutsche Regierung, die mit Hitler und mit allem, was er darstellt, völlig bricht, Hoffnung hegen kann, ein derartiges Friedensangebot zu erhalten, daß sie einige Aussicht hat, weiterzubestehen. Denn wenn eine solche Regierung gebildet würde, die ein echtes Friedensangebot machte (Räumung aller besetzten Gebiete, Beseitigung aller Naziführer, Bereitwilligkeit zur Entwaffnung), und wenn dieses Angebot dann verworfen würde, so besteht die Gefahr, daß Deutsche aller Kreise und Gruppen in eine nationalistische Opposition getrieben würden und daß für lange Zeit keine deutsche Regierung, die dieses Namens würdig wäre, gebildet werden kann. [...] Wir glauben, daß es möglich ist, in Deutschland Menschen zu finden, die durch ihre Haltung während der letzten Jahre bewiesen haben, daß sie nicht von nationalsozialistischen Ideen vergiftet sind und auf die man sich als loyale Mitarbeiter an einer europäischen Gemeinschaft der Nationen verlassen kann. Und wir glauben, daß man ihnen eine Gelegenheit geben sollte, nicht nur um Deutschlands willen, sondern um ganz Europas willen..." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 122f.)

Adam von Trott zu Solz, der zum Kreisauer Kreis gestoßen war, drang ebenfalls über Visser't Hooft mit einer Denkschrift vom April 1942 bis zu Churchill vor, der sie "sehr ermutigend" fand, ohne daß dies weitere Konsequenzen gehabt hätte. Trott forderte den Sturz der Nazis, die Rückkehr zu den "Normen der europäischen Zivilisation", die "Überwindung des europäischen Nationalismus". Für den Wiederaufbau der Nachkriegszeit empfahl von Trott: "Selbstverwaltung und Föderalismus innerhalb Deutschlands sollten organisch verbunden sein mit einem Föderalismus innerhalb Europas (einschließlich Großbritanniens) und mit enger internationaler Zusammenarbeit mit den anderen Kontinenten. Dieser europäische Föderalismus innerhalb Deutschlands würde zu folgenden Ergebnissen führen: Wiederherstellung des Selbstbestimmungsrechts im Rahmen der europäischen Föderation für alle, insbesondere für die zur Zeit unter Naziherrschaft stehenden Nationen. [...] Die politische und wirtschaftliche Neuordnung Europas muß von Begriffen wie "status quo" und "status quo ante" frei sein. Das Schwergewicht muß auf der sozialen und politischen Sicherheit liegen." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 127f.)

Dem standen gedanklich nahe die Mitglieder der Weißen Rose, deren 5. Flugblatt vom November 1942 in den großen Städten Süddeutschlands verteilt wurde. Darin hieß es: "Der imperialistische Machtgedanke muß, von welcher Seite er auch kommen möge, für alle Zeit unschädlich gemacht werden. Ein einseitiger preußischer Militarismus darf nie mehr zur Macht gelangen. Nur in großzügiger Zusammenarbeit der europäischen Völker kann der Boden geschaffen werden, auf welchem ein neuer Aufbau möglich sein wird. Jede zentralistische Gewalt, wie sie der preußische Staat in Deutschland und Europa auszuüben versucht hat, muß im Keime erstickt werden. Das kommende Deutschland kann nur föderalistisch sein. Nur eine gesunde föderalistische Staatenordnung vermag heute noch das geschwächte Europa mit neuem Leben zu erfüllen. Die Arbeiterschaft muß durch einen vernünftigen Sozialismus aus ihrem Zustand niedrigster Sklaverei befreit werden. Das Truggebilde der autarken Wirtschaft muß in Europa verschwinden. Jedes Volk, jeder einzelne hat ein Recht auf die Güter der Welt!" (Quelle zitiert nach: Lipgens, 138f.)

An der Universität Freiburg hatte sich Ende 1938 ein Kreis christlicher Professoren gebildet, dem u.a. auch der Historiker Gerhard Ritter angehörte. Der Kreis stand mit der Bekennenden Kirche in Verbindung, für die er im November 1942 innen- und außenpolitische Leitsätze formulierte. Allgemeines Ziel war die Herstellung einer "sittlichen Gesamtordnung" für die ganze Menschheit. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage der künftigen europäischen Ordnung diskutiert, die Überlegungen blieben eher vage: "Es ist eine Frage des historisch-politischen Augenmaßes, nicht des christlichen Gewissens, darüber zu entscheiden, ob zur Herstellung eines gerechten und dauerhaften Friedens die volle und unveränderte Restauration aller bis 1939 souveränen Groß- und Kleinstaaten und ihrer früheren Rechtsbeziehungen gehört. Vielleicht erweist sich die Zusammenfassung größerer Räume, vielleicht auch eine engere Föderation aller europäischen Staaten nach dem Kriege als wünschenswert. Nach dem Scheitern des allzu universalen Völkerbundes von 1919 liegt es nahe, an einen europäischen Bund und Rat als Oberinstanz zur Schlichtung europäischer Streitigkeiten zu denken, der dann freilich mit besser gesicherten Vollmachten als jener Völkerbund auszurüsten wäre..." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 141)

Inzwischen, d.h. im Dezember 1942, hatte auch Goerdeler in seinem Europadenken eine Wende vollzogen. Die Idee einer deutschen Führung Europas gab er auf, stattdessen schlug er einen europäischen Wirtschaftsrat vor, der einem Europäischen Bund vorarbeiten solle. (Quelle zitiert nach: Lipgens, 143ff.)

1942/43 wirkte in Berlin eine Untergrundgruppe namens "Europäische Union". Sie half Zwangs- und Fremdarbeitern und Juden, sie unterhielt eine Vielzahl von Auslandskontakten, insbesondere zu Frankreich. Zur Führung gehörten der Berliner Arzt Groscurth und der Berliner Professor Robert Havemann. Im August 1943 zerschlug die Gestapo die Gruppe. Als ihr Ziel bezeichnete die Gruppe die Wiederherstellung der Grund- und Menschenrechte sowie: "Sozialistische Wirtschaft, Freiheit des Individuums und soziale Gerechtigkeit. Sie allein ermöglichen das Fortbestehen und die Weiterentwicklung der europäischen Kultur!" Sie strebte einen europäischen Staatenbund an. (Quelle zitiert nach: Lipgens, 149)

Im Verlauf des Jahres 1943 wurden die Europavorstellungen Goerdelers und des Kreisauer Kreises immer präziser wie auch zur gleichen Zeit in Frankreich oder Italien. Am 13. April 1945 entstand noch vor der Befreiung im KZ Buchenwald ein internationales Manifest, bekannt als "Manifest von Buchenwald", das Sozialisten aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei unterzeichnet hatten. Zu Europa äußerten die Unterzeichner: "Die deutsche Außenpolitik muß im engsten Einvernehmen mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken geführt werden. Unser oberstes Ziel ist, in Zusammenarbeit mit allen sozialistisch geführten Staaten zu einer europäischen Staatsgemeinschaft zu kommen, die unserem schwergeprüften Kontinent durch eine europäische Gemeinschaft Ordnung und Wohlstand verbürgt." (Quelle zitiert nach: Lipgens, 176).

Text: Wolfgang Schmale

Literatur

Lipgens, Walter (Hg.): Europa-Föderationspläne der Widerstandsbewegungen 1940-1945. Dokumentation, München 1968

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