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'Im Kampf gegen den Antagonismus'
 
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Im Kampf gegen den Antagonismus

Für alle am Ersten Weltkrieg beteiligten Länder sind die Gewalt der Kampfhandlungen und die neuen Eigenschaften des Krieges im Industriezeitalter eine prägende Erfahrung gewesen. In Frankreich hat der Stellungskrieg in den Schützengräben den Nordosten des Landes völlig verwüstet. Unter dem Schock der 1,3 Millionen Toten (abgesehen von 1,2 Millionen Kriegsversehrten), beginnt man in Frankreich den Ausdruck "la der des der" zu benutzen. Es handelt sich um eine Abkürzung aus "la dernière des dernières [zu ergänzen wäre dann: guerre ~ in etwa: "der letzte und allerletzte Krieg"]. Sie gibt der Hoffnung Ausdruck, dass sich das Massensterben des Ersten Weltkriegs nicht wiederholen möge. So lösen die Schrecken des Ersten Weltkriegs die Verbreitung pazifistischer Gefühle in einem Großteil der französischen Bevölkerung aus. Für die Zwischenkriegszeit wird dieser Pazifismus eine der bestimmenden Kräfte des politischen Lebens in Frankreich. Mit seinen unzähligen expliziten oder unterschwelligen Ausdrucksformen zeugt er von dem tiefempfundenen Wunsch, Frankreich, und damit die Menschheit, vor einem weiteren Blutbad zu bewahren.

Zu diesem Zweck schaffen einige Schulbuchautoren ganz neue Geschichtsbücher, die sich darum bemühen, bei der Darstellung eines historischen Zusammenhanges den verschiedenen Standpunkten Rechnung zu tragen. Jules Isaac, den man heute in Frankreich weitgehend nur als Autor inzwischen veralteter Schulbücher kennt, ist der wichtigste Vertreter dieser zukunftsweisenden Bestrebungen. Er fordert, bei der Konzipierung von Geschichtsschulbüchern die Regeln der historischen Quellenkritik zugrundezulegen, ein Prinzip, das er in seinen eigenen Schulbüchern auch anwendet. So bleibt sein weitverbreitetes Unterrichtswerk über die Zeit nach 1789 noch lange nach 1945 ein Vorbild (Quelle 7 [1] ).

Darüber hinaus gelingt es Jules Isaac, internationale Begegnungen von Geschichtslehrern mit dem Ziel ins Leben zu rufen, durch ausgewogenen Geschichtsunterricht zur Befriedung der internationalen Beziehungen beizutragen. Diese Aktivitäten versanden Mitte der dreißiger Jahre, weil unter dem nationalsozialistische Regime die Beteiligung deutscher Lehrer unmöglich wird. Hingegen finden sich in den deutschen Schulbuchtexten der Weimarer Republik stellenweise selbstkritische Einsichten. Gegen Mitte und am Ende der zwanziger Jahre denken nämlich einige deutsche Autoren tatsächlich über die Frage der Verantwortung für den Kriegsausbruch nach und fangen an, einzuräumen, dass es auch auf deutscher und österreichischer Seite Fehler und Versäumnisse gegeben hat (Quelle 8 [2] ).

Aber letztendlich liegt auch für diese deutschen Autoren die Schuld bei Frankreich und Rußland. Das Gefühl der nationalen Erniedrigung erweist sich als zu tiefgehend, und so gibt doch wieder das Bedürfnis den Ausschlag, die deutschen Entscheidungsträger reinzuwaschen.

Unter dem Eindruck des Traumas, das durch die Niederlage und die Friedensregelung hervorgerufen worden ist, können die deutschen Autoren die deutsch-französischen Beziehungen nicht anders als auf der Grundlage des hergebrachten Antagonismus betrachten. Es bleibt einzuwenden, dass negative Stereotypen über Pangermanismus und preußischen Militarismus hie und da auch in der Darstellung Jules Isaacs durchdringen. Dennoch haben seine Bemühungen, die deutsche Handlungsweise verständlich zu machen, zum Ziel, den deutsch-französischen Antagonismus zu überwinden, weil dies als unabdingbare Voraussetzung zur Sicherung des Friedens gilt. Seinerseits veröffentlicht der Canard enchaîné eine große Anzahl kleiner Zeichnungen und kurzer Texte, die offensichtlich die Gemeinsamkeiten zwischen einfachen Durchschnittsbürgern in Deutschland und Frankreich zu unterstreichen suchen. Diese Beobachtung gilt ganz besonders für die Jahre nach 1933 - man könnte meinen, die Autoren und Zeichner der französischen Satirezeitung wollten sich selber davon überzeugen, dass das neue nationalsozialistische Deutschland eigentlich gar nicht aggressiv sei (Vgl. 4.1. der Forschungsaspekte) (Quelle 9 [3] ).

"Et elle fait toutes ses gammes en forme de croix... "

 

 

Aus: Le Canard enchaîné, 30. Juni 1937, S. 3.

In diesen Jahren ist alles, was deutsche Autoren über Frankreich veröffentlichen, natürlich gleichgeschaltet und damit den Rahmenbedingungen totalitärer Propaganda unterworfen (vgl. unter Forschungsaspekte).