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'Kollektive Erinnerung: ein neues Paradigma (E. François)'
 
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Kollektive Erinnerung: ein neues Paradigma (E. François)

Als Pierre Nora vor etwas mehr als drei Jahren das Projekt der lieux de mémoire vorstellte, dessen Architekt und Bauleiter er ist, erinnerte er daran, wie seine zunächst geplante "symbolische Topologie Frankreichs", das heißt ein Inventar der materiellen und immateriellen Orte, an denen [Frankreichs] kollektive Erinnerung verankert ist", allmählich eine Dimension von ganz anderer Tiefe angenommen hatte. Ausgehend von der Hypothese, dass Frankreich "eine selbst ganz und gar symbolische Realität" sei, hat das Projekt sich schließlich zum Ziel gesetzt, "einen anderen Umgang mit der Nationalgeschichte" zu entwickeln. Es erhob den Anspruch, "ein erweitertes Verständnis der Geschichte Frankreichs" zur Diskussion zu stellen, das, wie Pierre Nora hinzufügte, besser geeignet wäre, den "radikalen Veränderungen traditioneller Formen des Nationalgefühls und der Beziehung der Franzosen zu ihrer Vergangenheit" zu begegnen (1).

Ist dieses neue Paradigma einer "Geschichte symbolischen Typs", erprobt am Fall Frankreichs, ein spezifischer Ausdruck der "exceptionnalité française"? Ist es ein Ausdruck der "privilegierten und fast neurotischen" Beziehung der Franzosen zu ihrer Vergangenheit oder kann es im Gegenteil auf andere Länder, beispielsweise Deutschland, übertragen werden (Le Goff) ? (2) Ist die Methode der lieux de mémoire eine jener neuen Formen, die die Geschichte als "französische Passion" (Pierre Joutard) betrachten? Ist sie nur ein Ausdruck des französischen Sonderweges unter vielen oder, im Gegenteil, eines Paradigmas mit allgemeinerer Geltung? Ist die Reichweite dieser Methode auf Frankreich beschränkt, oder kann sie auch auf Deutschland angewandt werden?

Es besteht heute kaum noch ein Zweifel daran, dass diese Fragen nur mit ja beantwortet werden können. Diese Gewissheit ist allerdings verhältnismäßig neu und mit dem gegenwärtigen Kontext verbunden. Noch vor wenigen Jahrzehnten überwogen eher die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland hinsichtlich der "Formen des Nationalgefühls und der Beziehung, die beide Gesellschaften mit ihrer Vergangenheit unterhalten". Diese Unterschiede sind im übrigen nicht verschwunden und betreffen weiterhin zwei zentrale Bereiche: zum einen das Verhältnis zur Zeit, zum anderen das Verhältnis zur Nation. (3)

Das Verhältnis zur Geschichte umfasst in Frankreich viele Jahrhunderte der Vergangenheit und reicht, wenn nicht bis zu den Galliern, so doch wenigstens bis ins Mittelalter zurück; die Perspektive auf diese Zeit findet meist breiten Konsens und dient der eigenen feierlichen Erinnerung. Demgegenüber konzentriert sich dieses Verhältnis in Deutschland auf eine kurze Zeitspanne der Geschichte die zwölf Jahre des Nationalsozialismus und ihre Ursachen und erfolgt aus grundsätzlich kritischer bzw. selbstkritischer Perspektive. (4) Denn hier ist die Geschichte selbst problematisch, im Spannungsfeld zwischen dem Verlangen nach Normalität und dem stärker als je vorhandenen Bewusstsein für die Einzigartigkeit des Nazismus, deren Verharmlosung unmöglich ist: Sind Auschwitz und seine Rampe nicht, wie Jürgen Habermas zu Recht bemerkt, der stärkste Erinnerungsort der Deutschen unserer Tage? Entgegen möglichen Erwartungen haben der Zusammenbruch der DDR und die Wiedervereinigung das Problem nicht grundlegend geändert. 

Zwar ist die heute zur Debatte stehende Geschichte nicht mehr allein jene des Nationalsozialismus, sondern auch die der "zweiten deutschen Diktatur", die gleichzeitig als Objekt der Ablehnung, als zu erforschendes Rätsel und als Geschichte angesehen wird, die es anzunehmen gilt (5). Doch obwohl sich das Zentrum der Aufmerksamkeit verlagert hat, ist die vorherrschende Haltung dieselbe geblieben: Gefordert sind in erster Linie Kritik und Selbstkritik, und die Geschichte der DDR wird, ebenso wie die Stellungnahme zu ihr, weitgehend aus dem Blickwinkel und im Verhältnis zur Geschichte des Nationalsozialismus und der Haltung wahrgenommen, die man zu dieser eingenommen hat oder nicht. Das geht so weit, dass die partielle Verschiebung des Gegenstandes im paradoxen Ergebnis eine Aktualisierung des Themas der Vergangenheitsbewältigung bewirkt. Im Deutschland von heute betreffen die großen gesellschaftlichen Debatten um die Vergangenheit, die auch die stärksten emotionalen Komponenten haben, weiterhin das Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit. Die jüngsten Beispiele waren die Diskussion um die Unterstützung der Politik Hitlers durch mehrere Historiker, die später eine entscheidende Rolle im Neuanfang der historischen Forschung im Nachkriegsdeutschland spielen sollten (diese Debatte bestimmte z. B. den deutschen Historikertag im September 1998), weiter die Polemik nach der Rede des Schriftstellers Martin Walser anlässlich der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Oktober 1998 und die Antwort des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, und schließlich die endlose Debatte um den Bau eines Mahnmals für die Opfer der Shoah in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tors, die erst im Frühling 1999 durch ein Votum des Bundestages beendet wurde (6).

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Holocaust-Denkmal) wurde von dem New Yorker Architekten Peter Eisenman entworfen. Der am 25. Juni 1999 vom Deutschen Bundestag beschlossene Entwurf ("Eisenman II") sieht ca. 2.700 Betonpfeiler (Stelen) vor, die in einem Raster angeordnet werden. Sie sind ca. 0,95 m tief und 2,38 m breit und unterscheiden sich nur in der Höhe voneinander.
 
Internetquelle [1]

Der zweite Kontrast gegenüber Frankreich betrifft das Verhältnis zur Nation. In Frankreich beruht das Verhältnis zur Geschichte auf der These, dass das nationale Moment sich von selbst versteht, auf der Hand liegt. In Deutschland bereitet gerade das nationale Moment Probleme, und die öffentliche Diskussion über die Vergangenheit dient dazu, die deutsche Identität ans Licht zu bringen, aber auch ihr Geheimnis zu zerstören. Diese Dimension der Erinnerung, die in den großen Erinnerungszeremonien der achtziger Jahre oder auch in den Motiven für das Projekt eines neuen Deutschen Historischen Museums in West Berlin überaus deutlich war, hat ebenfalls nichts von ihrer Aktualität verloren. Zwar ist die Nation seit dem 3. Oktober 1990 als faktische Gegebenheit vorhanden, und dies zum ersten Mal in der deutschen Geschichte mit vollkommener Übereinstimmung von Staat und Nation. Doch diese Nation ist ebenso sehr Rahmen wie Realität und muss, insbesondere in den Köpfen und in der Vorstellung, noch weitgehend geschaffen werden. Die Nation stellt für viele Deutsche weiterhin ein Problem dar, wenn auch unter verändertem Vorzeichen. Sie trennt und vereint die Deutschen gleichermaßen und stellt das Gedenken vor neue Herausforderungen. 

Herausforderungen stellen sich auch an den Geschichtsunterricht in der Unter und Sekundarstufe (die Bildungsminister der Länder haben sich bis heute nicht über Lehrpläne und Lehrerrichtlinien einigen können (7) oder an die Stadtplaner, die mit dem (Wieder ) Aufbau von Berlin beschäftigt sind (was soll, um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem Palast der Republik geschehen, den die DDR an der Stelle der gesprengten Ruinen des Stadtschlosses errichten ließ und der seit deren Untergang wegen angeblicher Asbestverseuchung geschlossen ist?). All diese Optionen der Erinnerung sind zugleich Optionen der Zukunft. Das Fehlen einfacher Lösungen ist bezeichnend für die Schwierigkeiten, die das (wieder)vereinigte Deutschland die Nation wider Willen, wie der Münchner Historiker Christian Meier befand damit hat, sich als Nation zu akzeptieren und sich als solche zu behaupten.

Der "Palast der Republik" Alexanderplatz in Berlin, den die DDR an der Stelle der gesprengten Ruinen des Stadtschlosses errichten ließ und der seit deren Untergang wegen angeblicher Asbestverseuchung geschlossen ist.
 


Internetquelle [2]

Selbst die Begriffe, die diesseits und jenseits des Rheins in der Debatte gebraucht werden, enthüllen die beschriebenen Unterschiede. In Frankreich wird die Diskussion gänzlich von der Begriffstrias "mémoire, identité, patrimoine" beherrscht. In Deutschland hingegen erfährt der Begriff der Identität zwar einen ebenso inflationären (und ambivalenten) Gebrauch wie in Frankreich, die Entsprechung von "mémoire" aber kommt nicht wirklich zum Tragen, da sie zum einen die relativ wenig gebräuchliche Bedeutung "Gedächtnis", zum anderen das viel geläufigere, aber rein deskriptive "Erinnerung" ausdrücken kann. Der Begriff des Erbes wiederum kommt praktisch nicht vor, und sei es nur wegen seiner Diskreditierung durch den maßlosen Gebrauch im Nationalsozialismus und später in der DDR.

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Anmerkungen

(1) Pierre Nora, "Das Abenteuer der Lieux de mémoire", in: Etienne François, Jakob Vogel u. Hannes Siegrist (Hg.), Nation und Emotion. Deutschland und Frankreich im Vergleich 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1995, S. 83 92.

(2) Und sei es nur insofern, als auch dieses Land zu seiner Vergangenheit ein hoch "neurotisches" Verhältnis hat.

(3) Der vorliegende Text erweitert Überlegungen, die in drei vorangegangenen Artikeln begonnen wurden. Ich verweise hier zur eingehenderen Beschäftigung auf diese Artikel: "Nation retrouvée, nation à contrecoeur: l'Allemagne des commémorations", in: Le Débat 78 (Januar/Februar 1994), S. 62 70; "Von der wiedererlangten Nation zur >Nation wider Willen<: Kann man eine Geschichte der deutschen Erinnerungsorte schreiben?", in: François/Vogel/ Siegrist (Hg.), Nation und Emotion, op. cit., S. 93 107; "Die Einstellung zur Geschichte", in: Robert Picht, Vincent Hoffmann Martinot, René Lasserre u. Peter Theiner (Hg.), Fremde Freunde. Deutsche und Franzosen vor dem 21. Jahrhundert, München/Zürich 1997, S. 15 21.

(4) Diese Feststellungen beziehen sich vor allem auf das Verhältnis zur "nationalen" Vergangenheit; sie fielen anders aus und wären den auf Frankreich bezogenen sehr viel ähnlicher wenn man die Frage der Beziehung zur lokalen oder Landesgeschichte untersuchte.

(5) Christoph Messmann, Zeitgeschichte in Deutschland nach dem Ende des Ost-West Konflikts, Essen 1998.

(6) Michael Jeismann (Hg.), Mahnmal Mitte. Eine Kontroverse, Köln 1999; Michael S. Cullen (Hg.), Das Holocaust Denkmal. Dokumentation einer Debatte, Zürich 1999.

(7) Der fortdauernde Streit hängt nicht nur mit der Debatte über die deutsche Geschichte zusammen, sondern auch mit dem entschlossenen Festhalten der verschiedenen Länder an der Bewahrung ihrer Zuständigkeit in Bildungs und Kulturfragen.