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'Der republikanische Totenkult von 1789 bis 1870 (R. Koselleck)'
 
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Der republikanische Totenkult von 1789 bis 1870 (R. Koselleck)

Der Denkmalssturz eröffnet den neuzeitlichen politischen Totenkult. Zunächst werden die königlichen Reiterstandbilder beseitigt, danach werden die dynastischen Grablagen von St-Denis ausgeräumt. Dabei wurden die Grabdenkmäler sogar gerettet, durch Intervention Le Noirs und Quatremère de Quincy's. Aber der dynastische Totenkult wird abrupt unterbrochen.

Grabmal für Heinrich II. und Katharina von Medici (Basilika St.-Denis [1] bei Paris, 1570, sculpt. G. Pilon)

 

 

 

 


Quelle: www.as.wvu.edu/%7Emlasting/Saint-Denis.htm

Schauen wir zurück auf ein Doppeldeckermal: oben die lebenden Amtsträger Heinrich II. und Katharina de Medici, beide betend auf die Ewigkeit verweisend; darunter die Leichname, bildliche Realpräsenz der Toten, ihre Sterblichkeit darstellend - worunter die wirklichen Toten lagen, bis sie von den Revolutionären in die Kalkgrube geworfen wurden. Seitdem besteht das Denkmal als museales, ästhetisches Zeugnis der Französischen Nation weiter, seiner kultischen Funktion verlustig gegangen. Aus einem kultischen Mal ist ein Kulturdenkmal geworden.

Die kultische Funktion, Dauer und Legitimität der Verfassung verheißend, ist an die republikanischen Denkmäler übergegangen. Robespierre beantragte in derselben Rede, die den Tod des Königs forderte, ein Denkmal für die Erstürmer der Tuilerien. Es wurde auch errichtet, provisorisch aus Holz.

Dieser Wechsel kann nun gar nicht unterschätzt werden. Der gemeineuropäische, dynastische Totenkult war ein Kult der legitimen Erbfolge, der Kontinuität von den Vorfahren auf die Nachkommen sichern sollte. So fürchterlich die dynastischen Erbfolgekriege auch waren: sie wurden durch das Erbfolgerecht legitimiert, nicht vom gewaltsamen Tod als solchem. Mit dem republikanischen Totenkult wird der gewaltsame Tod selber ein politischer Legitimitätstitel. Die Soldaten, bisher zur Hefe des Volkes gezählt und nicht denkmalsfähig, rücken auf zu Heroen und Märtyrern, wenn sie in Krieg oder Bürgerkrieg - also immer auf der gerechten Seite - gefallen sind. Ränge zählen hier nicht: Jeder Soldat ein General, jeder General ein Soldat. Alle tragen die gleiche Verantwortung: jeder Bürger ein Soldat, jeder Soldat ein Bürger - wie die Parolen lauteten, die zwischen Paris und den Gemeinden ausgetauscht wurden, um den Gefallenen, mit namentlicher Erinnerung jedes einzelnen, ein Denkmal zu errichten. Das war patriotisme en action, der über den Tod der einzelnen nie in Vergessenheit geraten durfte. Immortaliser, éterniser, perpétuer - so lauten die Beschwörungsformeln, um die Unsterblichkeit, die bislang, wenn überhaupt, in Gottes Hand lag, in die Gedächtnisleistung der ständig sich erinnernden Nation zu überführen.

"Hessendenkmal", 1793, arch. Chr. Jussow, sculpt. J. Chr. Ruhl

Quelle: www.frankfurt-nordend.de/bildindex.htm

Nun, die Kultstätten der Revolution haben den Machtantritt Napoleons nicht überlebt, weder der Obelisk für die Tuilerienstürmer noch das Grabmal der Bastillestürmer. Ist es nun eine Ironie oder eine Dialektik der gemeinsamen Geschichte, dass es ausgerechnet deutsche Fürsten waren, die den republikanischen Totenkult im Kampf gegen die französische Expansionspolitik übernahmen? Die Kritik am dynastischen Totenkult hatten schon die deutschen Aufklärer: Kant, Klopstock, Wieland, Schubart mit den französischen Aufklärern geteilt. Nicht Erbrechte, nur Leistungen dürften denkmalsfähig sein. Und so stammt das älteste, heute noch erhaltene Denkmal, das alle gefallenen Soldaten, samt Offizieren, namentlich erinnert, aus dem Jahr 1793. Der preußische König hat es den hessischen Soldaten gewidmet, die Frankfurt zurückerobert hatten. Die ikonographischen Beigaben, des Ares und des Herkules, werden die überlebenden Soldaten kaum verstanden haben. Wohl aber wussten sie, was das Denkmal verschwiegen hatte: dass die Öffnung der Stadttore von innen erzwungen wurde, von Handwerkern, die sich als Partisanen gegen die französische Besatzung erhoben hatten, weshalb denn auch Custine den Verlust der Stadt auf Meuchelmörder zurückführte, die ihm in den Rücken gefallen seien. Die ständische Bürgerkriegsgleichung: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, ging in der freien Reichsstadt Frankfurt offenbar nicht auf.

Wie auch immer, der republikanische Totenkult, gerade die soldats obscurs - Vorläufer des soldat inconnu - auf das Denkmal zu erheben, wurde seit 1813 in Preußen dauerhaft installiert. Der König befahl, in allen Kirchen Tafeln aufzuhängen mit den Namen aller Gefallenen, ein Brauch, der auch in Süddeutschland nachgeahmt wurde und der seitdem nicht mehr abgerissen ist - Folge erst der levée en masse, dann der allgemeinen Wehrpflicht.

Trotz des zunächst noch kirchlichen Kontextes bezeugt der zentrale Mahnspruch am Berliner Denkmal für die Befreiungskriege, dass der Tod für das Vaterland - in Anlehnung an Thukydides - völlig innerweltlich begriffen wurde. Ohne Rekurs auf das Jenseits erstreckt er sich auf die drei zeitlichen Dimensionen: "Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung". Die monarchische Verfassung schloss eben keinesfalls aus, dass der Totenkult republikanisch intoniert wurde, ein von Frankreich ausgehender Trend, der schließlich auch den dynastischen Totenkult in Deutschland unterwandern und aushöhlen sollte. Ikonologisch handelt es sich um eine schleichende Demokratisierung. Sie erfasst nicht direkt die politische Verfassung, sondern verändert die Verhaltensweisen und Einstellungen der Bürger.

Völkerschlachtdenkmal Leipzig,
Gesamtansicht und Krypta (1913, sculpt. F. Metzner )

Quelle: links [2] / rechts [3]

Und die zahlreichen Gemeindedenkmäler, auf denen der Gefallenen der Einigungskriege 1864-1871 gedacht wird, übernehmen oft und gerne den Spruch: "Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den Kommenden zur Nacheiferung". Die Semantik ist die gleiche, aber das Subjekt wechselt. Ehedem ein monarchischer Befehl wird aus ihm eine kultische Selbstverpflichtung der Gemeinden, und die Denkmäler wandern heraus aus den Kirchen auf die öffentlichen Plätze. Da mag der neue Kaiser noch im Relief auftauchen - bei Protestanten eher als bei Katholiken -, die politische Funktion des Totenkultes hat sich demokratisiert. 1913 schließlich, hundert Jahre nach der Schlacht von Leipzig, entsteht jenes Riesenmal, das, über einigen Skeletten errichtet, in dumpf-dräuender Zeichensprache das deutsche Volk zur kämpferischen Todesbereitschaft aufruft. So hatte es der Kaiser nicht gemeint. Indigniert verzichtete er auf eine Einweihungsrede: er musste sie den Bürgern und Freimaurern überlassen, die dieses Heldenmal finanziert und errichtet hatten. Es war ein Totenmal der bürgerlichen Nation, jugendstilisiert und völkisch, das im Rückblick auf die Befreiungskriege den Massentod der kommenden Weltkriege einläutete. Der Totenkult war von den Dynastien auf das "souveräne" Volk übergegangen.

Das Leipziger Denkmal führt uns zurück zu Napoleon, der dort den Anfang seines Endes erfahren musste - auf Kosten von rund neunzigtausend Toten in drei Tagen. Napoleon hatte mit dem republikanischen Totenkult bewusst gebrochen. Nach seinem Sieg über Preußen befahl er - noch aus Posen - die Madeleine in einen temple de la gloire zu verwandeln. Der Umbau sei zu beschleunigen, da die Siege sich so sehr häuften. Der Tempel - keine Kirche - wurde vom Empereur den Soldaten seiner Großen Armee gewidmet: Lebenden wie Toten, hierarchisch wohl geordnet. Die Marschälle erhalten Statuen, die Obersten Reliefs, der Rest Inschriften; die Toten auf Goldtafeln, die Schlachtteilnehmer in Silber. Und über dem Giebeldreieck sollte Schadows Siegesengel mit dem Pferdegespann vom Brandenburger Tor seine Fahrt antreten. Erst mit dessen Rückkehr nach Berlin, 1814, wurde hier aus dem Friedensmal von 1795 (Friede von Basel) ein Siegestor, die Victoria - dank Napoleon - um das Eiserne Kreuz bereichert.

Der Arc de Triomphe in Paris, das Siegestor Napoleons I., in dem die Namen seiner gefallenen oder überlebenden Generale und der siegreichen Schlachten verewigt sind.

Quelle: www.bluffton.edu/7Esullivanm/arctriomphe/arc.html

Aber auch Napoleon erhielt sein Siegestor - posthum. Die Madeleine wurde in eine Kirche zurückverwandelt, aber der Arc de Triomphe verewigt die Namen seiner gefallenen oder überlebenden Generale und der Hunderte ihrer siegreichen Schlachten. Nicht erwähnt werden die Millionen, die die Errichtung und die Vernichtung des Empires mit ihrem Tod besiegeln mussten. Es handelt sich um eine grandiose Rückblende aus der Niederlage in die vorangegangenen Siege, Legitimitätstitel der folgenden orléanistischen und bonapartistischen Regimes, dank des Reliefs von Rüde auch für die dritte Republik adaptionsfähig und Kontinuität verbürgend, deshalb nicht zufällig der Ort des Unbekannten Soldaten geworden - ein neues Siegesmal für 1918 erübrigend. Wäre der Arc de Triomphe schon 1814 fertig gewesen, so wäre er sicher abgerissen worden, meinte Chateaubriand.

Am Triumphbogen der schließlich besiegten Großen Armee gemessen nehmen sich die Siegesmale in den deutschen Hauptstädten bescheiden aus. Auf dem Berliner Kreuzberg entstand, ähnlich weit von der Stadt entfernt wie die damalige Place d'étoile, Schinkels Denkmal, an ein Sakramentshaus erinnernd. In Wien wurde ein von Franzosen zerstörtes Stadttor durch ein klassizistisches Burgtor ersetzt - zehn Jahre nach dem Pariser Frieden. Und die Waterloo-Säulen in Hannover mit Nennung aller Gefallener sowie in Berlin entstanden erst in den dreißiger und vierziger Jahren, an französischen Vorbildern orientiert. Am eindrucksvollsten der Obelisk, den 1833 der bayerische König seinen 30 000 in Russland gebliebenen Soldaten widmete. Nur 2000 kamen zurück. Den Tod zu erinnern wog hier mehr als Niederlage oder Sieg. Und gewiss konnte es sich nur ein souveräner König leisten, sich der ideologischen Alternative zu entziehen, ob "seine" Soldaten in Kollaboration mit Napoleon oder gegen diesen gefallen seien.

Burgtor, Wien, 1814, arch. P. v. Nobile, Außenansicht und Detail, Zustand 1988

Quelle: links [4] / rechts [5]

Die Wiederherstellung des dynastischen Totenkultes ist in Frankreich, schon im Hinblick auf drei konkurrierende Dynastien, nicht mehr gelungen. Das guillotinierte Königspaar wurde zwar symbolisch nach St-Denis überführt, die Stätten der "Märtyrer" wurden geweiht, - so der Friedhof in Picpus und so die Chapelle Expiatoire, aber dank den Orléanisten wurde dieser gegenrevolutionäre Totenkult wiederum überlagert von dem napoleonischen Kult. Die dritte Republik hatte 1883 die Chapelle Expiatoire endgültig desakralisiert: Zeichen dafür, dass der seitdem herrschende, republikanische, Totenkult keine weiteren, einander ausschließenden Legitimationen mehr zulässt. Deshalb hat die Julisäule eine für Frankreich und für alle Verfassungsstaaten in Europa entscheidende Rolle übernommen. Die Namen der im Juli 1830 und der später im Februar 1848 gefallenen Revolutionäre werden alle einzeln inskribiert und beziehen sich auf die darunter beigesetzten Toten. Es war ein republikanischer Totenkult, der hier siegreich inszeniert wurde und der auch die konstitutionelle Monarchie unterfangen hatte. Wie Béranger damals singen konnte: endlich habe nun auch das Volk, wie bisher die Könige, sein Mal. Und "die Könige fragen leise und erbeben: "Wie ist's mit unserer Majestät bestellt?", wie Chamisso, Emigrant in Berlin, den Text für die Deutschen übersetzte.

Cimetière du Père Lachaise, Gedenkstätte für Ravensbruck

Quelle: www.souviens-toi.org/photos_ravensbruck.html%20

Aber seitdem wird es still um die gefallenen Revolutionäre. Sie erhalten keine Kultstätte mehr, 1848/49 weder in Frankreich noch in Deutschland. Hier werden nur die siegreichen Soldaten mit Denkmälern bedacht, und auch die 1866 gefallenen Preußen und Österreicher werden als Soldaten, nicht als Bürgerkriegskämpfer erinnert, was sie kriegsrechtlich denn auch nicht waren. Analog lässt sich die Geschichte in Frankreich lesen. Gambetta und Clemenceau setzten sich gegen Ende der napoleonischen Herrschaft für ein Denkmal Baudins ein, eines Parlamentariers und Opfers des Staatsstreichs Napoleons 1851. Aber die massakrierten Communards blieben über eine Generation hinweg offiziell tabuiert. Erst 1909 konnten die Überlebenden an der Außenmauer des Père Lachaise ein Relief eintreiben, das an die Massenexekution vorsichtig und sanft, aber desto wirksamer erinnert. Die gegenrevolutionäre Gedächtniskirche Sacré Coeur wurde dagegen erst 1919 fertig, lange nachdem die republikanische Trennung von Staat und Kirche vollzogen war. Sie verlor damit die ihr ehedem zugedachte politische Botschaft.