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'Das Verhältnis von Deutschen und Franzosen zur Vergangenheit (E. François) '
 
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Das Verhältnis von Deutschen und Franzosen zur Vergangenheit (E. François)

Muss daraus geschlossen werden, dass die Unterschiede im Verhältnis von Deutschen und Franzosen zur (nationalen) Vergangenheit so ausgeprägt sind, dass es unmöglich ist, um nochmals mit Pierre Nora zu sprechen, eine "deutsche Geschichte symbolischen Typs", in erweitertem Geschichtsverständnis zu schreiben?

Unbestreitbar wäre eine solche Behauptung vor zwanzig oder dreißig Jahren berechtigt gewesen. Sie entspricht in der Gegenwart jedoch nicht mehr der Realität. Die deutsche Gesellschaft hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Veränderungen im Sinne einer Annäherung an französische Haltungen und Entwicklungen erfahren. Ohne dass die zuvor beschriebenen Unterschiede in Frage gestellt worden wären, sind sie durch diese Evolutionen doch in ihrer Auswirkung relativiert worden, indem sie aus natürlichen Unterschieden graduelle gemacht haben. Dies gilt umso mehr, als zur gleichen Zeit die exceptionnalité française im Verhältnis zur Vergangenheit merklich an Boden verloren hat. Nichts ist in dieser Hinsicht überraschender als die Feststellung, mit welcher zeitlichen Nähe und großen Ähnlichkeit Frankreich und (West )Deutschland seit etwa zwanzig Jahren ins Zeitalter der "Gedenktage" gekommen sind.

Drei soziale Indikatoren helfen, diese Beobachtung zu präzisieren deren Gründe im übrigen noch erforscht werden müssen (8). Der erste Indikator ist die wachsende Bedeutung von Gedenkdaten seit dem Lutherjahr 1983, dessen Glanz und Vielfalt (noch verstärkt durch ein deutschdeutsches Wetteifern, das den 1oo. Geburtstag von Karl Marx im selben Jahr völlig in den Schatten stellte) das genaue Gegenteil vom schüchternen Gedenken in den Jahren 1946 und 1967 bildete. Diese Entwicklung zeigt sich auch im übersteigerten Gedenken anlässlich des 5o. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges 1995, das in all seiner Friedlichkeit und manchmal sogar offenen Gefälligkeit in einem deutlichen Kontrast zur konfliktgeladenen Intensität der Gedenkveranstaltungen des Jahres 1985 stand.

Die Begeisterung für historische Ausstellungen ist ein zweiter Indikator. Sie wird sichtbar seit dem unerwarteten Erfolg der Staufer Ausstellung in Stuttgart 1977, der sogleich als gesellschaftliches Ereignis mit der Bedeutung eines Tendenzumschwungs wahrgenommen wurde, bis hin zum großen Echo auf die zahllosen Gedenkanlässe im 250. Geburtsjahr Goethes (Weimar als "Kulturhauptstadt Europas") sowie auf die gleichzeitige Feier von 5o Jahren Bundesrepublik Deutschland und 10 Jahren Mauerfall als Vorspiel zur Wiedervereinigung Deutschlands: Die große Ausstellung Einigkeit und Recht und Freiheit. Wege der Deutschen 1949 1999, die im Berliner Martin Gropius Bau von Mal bis Oktober 1999 gezeigt wurde, fand enormen Anklang bei den Besuchern.

Einigkeit und Recht und Freiheit, Wege der Deutschen 1949 - 1999 war der Titel einer sehr erfolgreichen Ausstellung, die vom 23. Mai bis 3. Oktober 1999 im Gropius-Bau Berlin stattfand.

 


 
Internetquelle [1]

Die wachsende Zahl historischer Museen ist der dritte Indikator. Der erste wichtige Schritt in diese Richtung war die Umwandlung der Ausstellung Fragen an die deutsche Geschichte, die zunächst nur vorübergehend aus Anlass des 100. Jahrestages der Eröffnung des Reichstages 1871 gezeigt werden sollte, in eine ständige Ausstellung. Die zweite gewichtige Initiative war 1982 der Beschluss, gewissermaßen als Echo auf den Erfolg der Ausstellungen im Rahmen des "Preußen Jahres", 1981 ein großes "Deutsches Historisches Museum" in West Berlin zu bauen. Zunächst geplant als Pendant zum "Museum für deutsche Geschichte", das die DDR im Zeughaus, dem alten Arsenal der Könige von Preußen, eingerichtet hatte, konnte sich das Deutsche Historische Museum seit dem Fall der Mauer durch einen wunderbaren Wink der Geschichte in den Räumen seines Widerparts einrichten. Die dritte Initiative war die Eröffnung eines "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" 1984 in Bonn, das intelligent und unter Verwendung modernster Präsentationstechniken die Erfolge und Errungenschaften der (west )deutschen Demokratie glorifiziert. Allein in Berlin genügten der kürzliche Abschluss der Bauarbeiten von Daniel Libeskinds Jüdischem Museum eines Meisterwerkes ohnegleichen oder die Baustelle zur Erweiterung des Deutschen Historischen Museums unter der Leitung des Architekten I. M. Pei, um die fortdauernde Intensität des Booms der historischen Museen zu zeigen.

Das Haus der Geschichte in Bonn will Geschichte als Erlebnis präsentieren.
Geschichtliche Entwicklungen und demokratische Traditionen der Bundesrepublik Deutschland sollen in dem 1984 neu gegründeten Museum einer breiten Öffentlichkeit im In- und Ausland transparent gemacht werden.
 
Internetquelle [2]

In Verbindung mit diesen Veränderungen ist ein neues Interesse deutscher Historiker an der deutschen Geschichte zu beobachten, neuerdings auch an der Geschichte der kollektiven Erinnerung und am historischen Bewusstsein. Seit dem Beginn der achtziger Jahre haben, im Kontrast zu den zuvor veröffentlichten Lehrbuchreihen für ein Fachpublikum, drei große Verlage quasi parallel anspruchsvolle Reihen für das allgemeine Publikum veröffentlicht. Diese wurden renommierten Historikern anvertraut und zeichnen sich durch große Sorgfalt hinsichtlich der redaktionellen Qualität, der Typographie und der Illustrationen aus. Zur Vervollständigung dieser langfristigen Projekte hat der Verlag C. H. Beck angesichts der Nachfrage einer breiteren Leserschaft vor einigen Jahren eine kleine Geschichte Deutschlands herausgegeben. Ihr Autor ist mit Hagen Schulze einer der brillantesten Historiker seiner Generation. Das Werk ist mit Abbildungen von Objekten und Gemälden aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums reich illustriert und wurde in zwei Jahren mehr als hunderttausendmal verkauft (9).

Im Verlag C. H. Beck erschien 2000 eine Kleine Geschichte Deutschlands. Ihr Autor ist mit Hagen Schulze einer der brillantesten Historiker seiner Generation. Das Werk ist mit Abbildungen von Objekten und Gemälden aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums reich illustriert.

 

 

 


 
Internetquelle [3]

Seit kurzem erscheinen oder entstehen in wachsender Zahl Forschungen und Studien, die sich vorrangig der kollektiven Erinnerung widmen; sie sind oft direkt von "französischen(, Methoden und Problemstellungen auf diesem Gebiet beeinflusst. Nach den Pionierarbeiten Thomas Nipperdeys über "Nationalidee und Nationaldenkmal im 19. Jahrhundert" (1968) sowie den "Kölner Dom als Nationaldenkmal" (1981) (10) richtet sich die Aufmerksamkeit der deutschen Historiker besonders auf zwei Gebiete. Das erste ist natürlich die Erinnerung an den Nationalsozialismus, wobei sich die Arbeiten in den letzten Jahren deutlich auf eine Bestandsaufnahme von Phänomenen der Erinnerung konzentrieren (und nicht mehr lediglich auf die bis dahin bevorzugt untersuchten historiographischen und politischen Dimensionen). Dafür stehen in einer überreichlichen Literatur besonders die Arbeiten von Jürgen Danyel, Norbert Frei, Jeffrey Herf, Peter Reichel, Peter Steinbach und Edgar Wolfrum (11). Das zweite Gebiet berührt die Nationalisierung der kollektiven Erinnerung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und wird (wobei auch diese Aufzählung bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben will) von den Arbeiten Volker Ackermanns, Reinhard Alings', Aleida Assmanns, Wolfgang Hardtwigs, Michael Jeismanns, Reinhart Kosellecks, Lothar Machtans, Charlotte Tackes, Winfried Speitkamps oder Jakob Vogels repräsentlert (12). Dieser zweite Aspekt soll in den folgenden Beispielen etwas näher beleuchtet werden. 

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Anmerkungen

(8) Zu den strukturellen Ursachen dieser Konvergenz gehören wie man zumindest als Hypothese behaupten darf die steigende Bedeutung des Tourismus als kulturelles und soziales Massenphänomen, aber auch die zunehmende zeitliche Entfernung vom großen Trauma des letzten Krieges.

(9) Hagen Schulze, Kleine deutsche Geschichte (mit Bildern aus dem Deutschen Historischen Museum), München 1996. Dieses Buch wurde bereits ins Englische (35.000 verkaufte Exemplare), Koreanische, Japanische und Polnische übersetzt. Die Übersetzung ins Französische ist in Vorbereitung.

(10) Thomas Nipperdey, "Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert", in: Historische Zeitschrift 206 (1968), S. 527 585; ders., "Der Kölner Dom als Nationaldenkmal", in: Historische Zeitschrift 233 (1981), S. 595 613.

(11) Jürgen Danyel (Hg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995; Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS Vergangenheit. München 1996; Jeffrey Herf, Devided Memory. The Nazi Past in the two Germanys, Cambridge (Mass.) 1997; Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, zweite, überarbeitete und erweiterte Ausgabe, München 1999; Peter Steinbach, Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen, Paderborn 1994; Petra Bock u. Edgar Wolfrum (Hg.), Umkämpfte Vergangenheit Geschichtsbilder, Erinnerung und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, Göttingen 1999; Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948 1990, Darmstadt 1999. An dieser Stelle auch ein Hinweis auf zwei in jüngerer Zeit erschienene Bücher in französischer Sprache: Jean Solchany, Comprendre le nazisme dans l'Allemagne des années zéro (1945 1947), Paris 1997; Pierre Yves Gaudard, Le fardeau de la mémoire, Paris 1998.

(12) Volker Ackermann, Nationale Totenfeiern in Deutschland von Wilhelm I. bis Franz Josef Strauß. Eine Studie zur politischen Semiotik, Stuttgart 1990; Reinhard Alings, Monument und Tradition. Das Bild vom Nationalstaat im Medium Denkmal Berlin/New York 1996; Aleida Assmann, Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine Studie zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792 1918, Stuttgart 1992; Reinhart Koselleck u. Michael Jeismann (Hg.), Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, München 1994; Lothar Machtan (Hg.), Bismarck und der deutsche National Mythos, Bremen 1994; Charlotte Tacke, Denkmal im sozialen Raum. Nationale Symbole in Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert, Göttingen 1995; Winfried Speitkamp, Die Verwaltung der Geschichte. Denkmalpflege und Staat in Deutschland 1871 1933, Göttingen 1996; Jakob Vogel, Nationen im Gleichschritt. Der Kult der >Nation in Waffen< in Deutschland und Frankreich 1871 1914, Göttingen 1997.