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'Politischer Totenkult als Ausdruck der kollektiven Erinnerung (R. Koselleck)'
 
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Politischer Totenkult als Ausdruck der kollektiven Erinnerung (R. Koselleck)

Wollte man eine Gesamtthese aufstellen, wie sich Frankreich und Deutschland im Hinblick auf den politischen Totenkult unterscheiden, so ließe sich folgendes sagen: In Frankreich herrscht eine größere Stetigkeit; wie anwachsende Jahresringe lassen sich die Denkmäler in Paris auffinden, die bestimmten einmaligen Ereignissen die Dauer der Erinnerung sichern sollen. Zerstörungen, die auftauchen, man denke an die Vendômesäule, werden restauriert. In Deutschland dominiert die Diskontinuität, jedenfalls in unserem Jahrhundert, sowie die Heterogenität, weil die föderale Vielfalt nicht eine, sondern nur viele zentrale Gedenkstätten zulässt, verteilt auf Berlin und Wien - bis 1866 - und auf die großen oder kleinen Hauptstädte der deutschen Bundesstaaten seitdem.

"Lille à ses fusillés" (1929, sculpt. Desruelles)

 

 


 
Internetquelle [1]

Dafür zwei Beispiele: In Lille wurde das heroische Denkmal der fünf im Ersten Weltkrieg Füsilierten von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg zerschossen. Die reale Vernichtung wurde ikonologisch noch einmal - barbarisch - überboten. Nach 1944 wurde aber das Denkmal völlig wieder hergestellt - so wie die von Hitler zerstörte Denkmalslandschaft von Compiegne: Als hätte es die Zäsur von 1940 gar nicht gegeben.

Das 1945 wiedererrichtete Denkmal zum 11. November 1918 und zur Befreiung von Elsass-Lothringen in Compiègne.

 

 

 
Internetquelle [2]

 

In Düsseldorf erstellte Rübsam das Denkmal für das Regiment Ludendorff, 1928: zwei Soldaten, einer verwundet, der andere mit schützender Gebärde, beide sphinxartig in rätselhafter Abwehrhaltung. Bei der Enthüllung entrüstete sich Ludendorff über den mangelnden Heroismus, besonders über die vermeintlich semitischen Lippen seiner Soldaten. Den sofortigen Abbau konnte der demokratische Oberbürgermeister verhindern: Der Boden war städtisches Eigentum. 1933 erfolgte der Abriss, ein heroisches Ersatzdenkmal entstand 1939, im Bombenkrieg wurde das erste - beiseitegeräumte - Denkmal zerstört, dessen Reste nach 1945 wieder aufgestellt wurden. Wir haben jetzt also das Denkmal eines Denkmals. Erinnert werden von den Trümmern der Erste Weltkrieg, die Weimarer Querelen, der Naziterror und der Bombenkrieg, vier Schichten der Zerstörung und der Selbstzerstörung. Ein Denkmal der Diskontinuität schlechthin. Aber so leicht wie hier lassen sich die Gegensätze zwischen unseren beiden Ländern nicht festschreiben.

Teilansicht des aus Trümmern des 1933 abgetragenen und später durch Bomben zerstörten, nach dem Zweiten Weltkrieg wiederrichteten Denkmals des Füsilier-Regiments Nr. 39 (Ludendorff) in Düsseldorf (1929, Rübsam)

 

 


Internetquelle: phil-fak.uni-duesseldorf.de/geschichte/summerschool/kolonial39er/k39erton1.html (04.10.2004)

Verfolgen wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede entlang dreier Phasen: Erstens vom Beginn des modernen, des republikanischen Totenkults in der Großen Revolution bis 1870. Zweitens von 1870 bis 1945. Und schließlich ein Ausblick auf die Herausforderungen unserer eigenen Zeit.