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'1945 bis heute (R. Koselleck)'
 
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1945 bis heute (R. Koselleck)

Das Ende des Zweiten Weltkriegs evozierte für Frankreich wie für beide Teile Deutschlands einen Neubeginn. Durch selektive Traditionsstiftung half der politische Totenkult, die neuen Verfassungen zu legitimieren. De Gaulle verwies die Gefallenen von 1940 auf Zusatztafeln des Ersten Weltkrieges, gleichsam die dritte Republik zu Ende führend. während für die vierte zahlreiche Kultstätten im ganzen Land entstanden, die den Kampf der Résistance wachhielten. Und die fünfte Republik fand ihre zentrale Gedenkstätte auf dem Mont Valerien, wo viereinhalb Tausend Widerständler von den Deutschen füsiliert worden waren, deren Kampfstätten symbolisch dargestellt werden. Hinzu kommt eine Urne mit Erde aus den camps de déportation.

Mémorial de la France combattante au Mont-Valérien bei Paris (Grab- und Gedenkstätte des französischen Widerstandes im Zweiten Weltkrieg), eröffnet am 18. Juni 1960, arch. F. Brunau

 

Quelle: www.ordredelaliberation.fr/fr_doc/2_2_2_valerien.html

Eine analoge Gedenkstätte entstand 1952 in Berlin-Plötzensee. Die Hinrichtungsstätte mit den Fleischerhaken zum Hängen und mit der Guillotine zum Köpfen wird realgetreu erhalten, während die Gedächtnismauer auch ihre Urne mit Asche aus den Konzentrationslagern aufweist. Rund dreitausend, etwa die Hälfte aller vom Volksgerichtshof zu Tode Verurteilten, endeten in diesem Raum, aus neunzehn Nationen, darunter die meisten der deutschen Widerstandsbewegung. Es ist diese Doppelseitigkeit, dass es Deutsche waren, die sowohl den Terror organisierten, wie auch solche, die dem Terror zum Opfer fielen, die eine einlinige Identifikation verhindert: aus moralischer Schuld und aus politischer Verantwortung muss immer auch die andere Seite mitbedacht werden, um den Neuanfang zu legitimieren. Und in Anbetracht der rund 40 000 Todesurteile, die die deutschen Kriegsgerichte fällten (im Ersten Weltkrieg waren es 110), nimmt es nicht Wunder, dass inzwischen auch Denkmale für Deserteure konsensfähig geworden sind. Zunächst hatte sich die erste Nachkriegsgeneration in Westdeutschland auf christliche Denkzeichen geeinigt: sie boten ein Minimum an trostreicher Neutralität, ohne eine direkt politische Funktion wahrnehmen zu müssen.

Berlin Plötzensee, Gedenkwand, 1952, sculpt. B. Grimmek, und seit 1956 Urne mit KZ-Erde, sculpt. K. Wenke und J. Ihle.

Quelle: links [1] / rechts [2]

Völlig anders verfuhr die entstehende DDR: wie in Frankreich nur die Résistance neue Denkmäler erhielt, so hier nur die Arbeiterschaft, soweit sie der Justiz oder dem Bürgerkrieg zum Opfer gefallen war. Repräsentativ für den neuen Totenkult ist Cremers Denkmal, das das siegreiche Überleben der kommunistischen Widerstandsbewegung im Konzentrationslager Buchenwald heroisiert. Hier wird zugunsten der Traditionsstiftung gleich mehreres verschwiegen. Dass ein Überleben nur in diabolisch erzwungener Kollaboration mit der SS möglich war, dass die ermordeten Juden - im Unterschied zu anderen Völkern - gar nicht genannt werden, und schließlich, dass dasselbe Lager für weitere drei Jahre ein KZ unter Stalin wurde, in dem mancher litt, der schon unter Hitler in diesem Lager gewesen war. Anders gewendet: der Totenkult installierte eine politische Schizophrenie, an der die DDR schließlich auch zugrunde gegangen ist.

Buchenwald, "Aufstand der Häftlinge", 1954, sculpt. F. Cremer

Quelle: fcit.coedu.usf.edu/holocaust/GALL34R/BWMEM58.HTM

(West)Berlin. Siegesmal der Sowjetunion, 1946, sculpt. Lev Kerbel, arch. Nikolai W. Sergijewski

Quelle: www.courses.psu.edu/nuc_e/nuc_e405_g9c/berlin/denkmaeler/sowjeti.html

Daran gemessen sind die Siegesmale der Sowjets, mit denen sich die DDR-Bürger zu identifizieren hatten, vergleichsweise eindeutig. Heute stehen diese Denkmäler in der Obhut des wiedervereinigten Deutschland. Es gehört zur politischen Legitimität der Bundesrepublik, die Folgen der Niederlage zu integrieren. Aber das ist nur die halbe Antwort. Völlig ungelöst, vielleicht gar nicht lösbar ist die Frage, wie der Totenkult visualisiert werden kann, der sich auf die Erinnerung an die Millionen ermordeter Zivilisten konzentriert. Die quasidarwinistische Zoologisierung der Menschen nach Rassenkriterien führte zur Ausrottung ganzer Völker: der Juden, der Sinti und der Roma, oder ganzer Volksteile, besonders im Osten - alles durch die Deutschen. In der Steigerung der Tötungsweisen, bis hin zur Vergasung, ist ein geschichtlicher Qualitätssprung enthalten. Nicht mehr die angesonnene oder freiwillig übernommene Bereitschaft zum Tode, zum Tode für das Vaterland, der auf Gegenseitigkeit beruhte, leitete das Handeln. An seine Stelle trat das gewollte, geplante und bewusste Vernichten, der staatlich gesteuerte Mord, der Mord an zivilistischen Nachbarn, indem sie zu Unmenschen deklassiert und demgemäß "vertilgt" und deren Leichen zum Verschwinden gebracht wurden.

Damit verändert sich - ansatzweise - auch die ikonische, die ikonographische und die ikonologische Figuration der Denkmäler. Nicht mehr Sieg wird erfragt, nur noch Rettung, die nicht mehr gefunden, Rettung, die verweigert wurde. Abstrakte Denkmäler entstehen, die zur Antwort nötigen, ohne sie anzubieten; nicht personale, entleiblichte Mahnmale werden geschaffen oder solche, die den Vollzug des Sterbens und Verschwindens visualisieren; gespaltene, zerrissene, nicht mehr traditionell zerbrochene Säulen werden errichtet; Hohlformen werden gegossen für die entschwundenen Leichen; schließlich werden Denkmäler ersonnen, die ihr eigenes Verschwinden thematisieren, um sich einer Wirklichkeit anzunähern, die nur in der Reflexion einzuholen ist. Am Ende stehen unsichtbare Denkmäler, die - wie in Hamburg oder Saarbrücken von Gerz - dennoch vorhanden sind. Alle Holocaustdenkmäler suchen nach solchen Formen, die auf Aussagen überkommener Art verzichten müssen.

Daran gemessen ist das neue, in der Berliner Schinkelwache errichtete Trauermal nur noch ein Satyrspiel. Der deutsche Bundeskanzler hat, ohne Ausschreibung, entschieden, hier eine private Pietà aufzustellen, die die alte Kollwitz für ihren im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn modelliert hatte. Sie wurde von einer Höhe von 40 cm auf Überlebensgröße ausgedehnt und wird damit zum klassischen Kriegerdenkmal des Ersten Weltkrieges - alles ignorierend, was seitdem geschehen, bedacht und erstellt worden ist, um sich einer Wahrheit anzunähern, die schwer aussprechbar, kaum visualisierbar ist.

Käthe Kollwittz, Pità, 1937/38, von H. Haacke, 1993, Berlin, Unter den Linden

Quelle: www.fkoester.de/berlinfahrt/berlin/hz_wache1.html

Was zeigt und was verschweigt uns diese Pietà? Sie zeigt den männlichen Leichnam, den die trauernde Mutter - fast anthropophagisch - in sich zurückholt - insofern dem üblichen Soldaten-Mal angemessen. Aber was schließt die trauernde Mutter aus? Dass die Mehrheit der rund zwei Millionen, die auf der Flucht aus dem Osten den Westen nicht mehr erreicht haben, Frauen waren, und ebenso, dass die Mehrheit der halben Million Bombentoten ebenfalls Frauen waren. Diese Frauen werden sichtbar ausgeschlossen. Und mehr noch: die Deutschen haben in etwa soviel Juden umgebracht, wie eigene Soldaten gefallen sind: zwischen fünf und sechs Millionen. Soll dafür eine Pietà einstehen, die exakt jene Grenzlinie markiert, die die Juden von den Christen trennt? Es ist offensichtlich schwer, ein Mahnmal zu finden, das die Wahrheit aushält, ohne daran zu scheitern.