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'Deutschland, Frankreich und die Globalisierung'
 
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Deutschland, Frankreich und die Globalisierung

Ursache dieser neuen Entwicklung ist die mit dem Phänomen der Globalisierung (Vernetzung und Liberalisierung der Kapitalmärkte, technologische Revolution im Kommunikations- und Transportbereich), dem Vormarsch des angelsächsischen Modells und der Einführung des Euro [1]  verbundene tief greifende Veränderung des deutschen und französischen Kapitalismus: Für das durch Staatsintervention gekennzeichnete französische Modell bedeutet dies Privatisierung und Kapitalöffnung, die Schaffung nationaler Spitzenreiter (1) sowie die überdurchschnittlich starke Rolle ausländischer institutioneller Anleger. (2) Für das deutsche Modell (den "rheinischen Kapitalismus") bedeutet dies den Rückgang des Einflusses der "Hausbanken" sowie eine Neudefinition der auf "Konsens" beruhenden Unternehmenskonzeption.

Die Ausdehnung des angelsächsischen Modells hat für alle kontinentaleuropäischen Unternehmen vorrangig die Ausrichtung auf die Interessen der Anleger ("shareholder value [2] ") zur Folge, impliziert jedoch auch die Konzentrierung auf das Kerngeschäft (das Ende der Konglomerate), das Streben nach kritischer Größe, den strategischen Blick auf globale Märkte sowie ein besonderes Augenmerk auf Informationstechnologien, Kommunikation und Medien. 

Abbildung 1:

Shareholder Value: Der Kurswert einer Aktie multipliziert mit der Summe der gehaltenen Anteile ergibt den Vermögenswert (Value), den ein Anteilseigner (Shareholder) einer Aktiengesellschaft besitzt. 
Internet-Quelle [3]

Internet-Quelle [4]  (Abbildung)

Diese faktische strukturelle Annäherung lässt früher als gegensätzlich beschriebene Modelle [5]  überkommen erscheinen und "kulturelle" Unterschiede mehr und mehr in den Hintergrund treten. Die angelsächsische Kultur führt zur Synthese deutscher und französischer Kultur. Doch wenn auch das "rheinische Modell" und der "Kapitalismus an der Seine" nur noch in Lehr- beziehungsweise Geschichtsbüchern existieren, wird das angelsächsische Modell diesseits und jenseits des Rheins auf jeweils spezifische und auch unterschiedliche Weise aufgenommen und angepasst. Hierbei bleibt die Zukunft des deutschen Mittelstandes genauso ungewiss wie jene des noch zu privatisierenden französischen öffentlichen Dienstes. Was die Zukunft der Ausbildungssysteme betrifft, so erscheint das französische System entgegen manchen deutschen Stimmen besser auf die Veränderungen vorbereitet, da der Wettbewerb zwischen Universitäten und Elite-Hochschulen [6]  eine raschere Internationalisierung und Anpassung an die Bedürfnisse der Unternehmen erlaubt als es mancherorts in der rigiden und zum Teil sich vor dem Kollaps befindlichen deutschen Universitätslandschaft der Fall ist. 

Zu einer Neubestimmung kommt es auch im Verhältnis der Sozialpartner: Während die Politik des BDI [7]  in Deutschland eher zu einer Verschlechterung des Investitionsklimas geführt haben dürfte, konnte in Frankreich Ernest-Antoine Seillère die strategische Neuorientierung des Arbeitgeber- und Industrieverbandes vom Conseil national du patronat français (CNPF [8] ) in den Mouvement des entreprises de France (MEDEF [9] ) durchführen, der die Dynamik der global ausgerichteten französischen Unternehmen heute symbolhaft darstellt: "Le MEDEF est logique avec lui-même. Son objectif, comme on pouvait d’ailleurs le pressentir dès l’arrivée à sa tête d’une nouvelle équipe incarnant une nouvelle génération et de nouveaux choix, est d’accélérer de son mieux le passage de la France ... au modèle capitaliste anglo-saxon" (3). Ansatzweise vertauschen sich sogar die klassischen Rollen: Während sich im Jahr 1999 französische Banken- und Ölkonzerne in einem durch ausländische institutionelle Anleger bestimmten Fusions- und Übernahmeprozess befanden, trug in Deutschland die Reaktion der Regierung Schröder auf den Holzmann-Konkurs oder der Widerstand gegen die Übernahme [10]  von Mannesmann durch Vodafone eher "französische Züge" der Staatsintervention.

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Anmerkungen

1. Jean-Pierre Froehly: Frankreich globalisiert! Bewegung im Kapitalismus an der Seine, in: DOKUMENTE Nr.5/1999.

2. Eric Izraelewicz: Le Capitalisme Zin Zin. Grasset, Paris 1999.

3. Alain Duhamel: La "nouvelle société du Medef", in: "Libération", 21.1.2000.