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'Warum Springer?'
 
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Warum Springer?

Die außerparlamentarische Opposition [1] (APO) hatte einen triftigen Grund, weshalb sie ihre Aktionen auf den Springer-Konzern [2] konzentrierte. Ihrer Meinung nach war Springer [3] nicht nur Symbol, sondern auch Motor der Entpolitisierung und Manipulation der Bevölkerung. Die Springer-Presse [4] war es, die von Anfang an die Studentenbewegung am heftigsten diffamierte. Schon nach den ersten Konflikten an der Freien Universität Berlin hatten ihre Zeitungen von den "Narren von West-Berlin" gesprochen. Danach wurden die Studenten als "Rowdies", "schmutzige Langhaarige", "faule Parasiten", "gefährliche Terroristen" oder auch als "kriminelle Rote" und "vom Osten Manipulierte" diskriminiert. Die Studenten wussten, welche Tragweite solche Reden hatten. 1966 kontrollierte der Springer-Konzern 39 % des Tageszeitungsmarktes in Deutschland (Bild-Zeitung, Die Welt, Berliner Morgenpost usw.), Wochenzeitschriften (Bravo, Frau im Spiegel, Das Sonntagsblatt usw.) nicht eingerechnet. In Berlin, am Sitz des Unternehmens, waren 70 % des Pressemarktes in den Händen des Springer-Konzerns. Ein Drittel der Berliner las nur Springer-Zeitungen. 50 % dieses Drittels waren Arbeiter.

Abbildung 8:

Plakat der Außerparlamentarischen Opposition (APO) zur Anti-Springer Kampagne

 

 

 

 

 

 

 

Internet-Quelle [5]

In dieser von der Springer-Presse erzeugten "Pogrom"-Stimmung bemerkten die Studenten sehr schnell, wie hart die Urteile der Bevölkerung ihnen gegenüber ausfielen: "Man sollte sie in den Osten schicken, diese Bande von Wilden!", riefen die Berliner am Tag nach der Demonstration gegen Tschombé. Bei einer der Sparziergangdemonstrationen wurde ein Passant für Dutschke gehalten und von der Bevölkerung unter den Rufen: "Lyncht ihn!" und "Hängt ihn!" verprügelt. Einige Berliner offenbarten alte Reflexe: "Unter Hitler hätte man Euch vergast!" Die so diffamierten Studenten glaubten "die Juden des Antikommunismus" (R. Dutschke) geworden zu sein. Wie für die Juden unter dem Nationalsozialismus hatte ihre soziale, politische und moralische Diskriminierung ihrer Meinung nach zum Ziel, sie als total andersartig zu verurteilen und ein Bild des totalen "Feindes" zu schaffen, der so weit wie möglich zurückgestoßen, entmenschlicht werden musste.

Den Studenten zufolge offenbarten diese Aggressionen die massive Entfremdung des konformistischen Bürgers. Das Unbehagen, die Bitterkeit, die Ressentiments der Bevölkerung wandten sich gegen die Studenten, die zu Sündenböcken abgestempelt worden waren. Sie waren es, die nicht arbeiteten, die von "ihrem" Geld lebten. Jene, von denen die "formierte Gesellschaft" ein Maximum an Leistung verlangte, kompensierten ihre monotone Arbeit und wirtschaftliche Ausbeutung in Ressentiment und in der Verurteilung des "Nichtstuns" und des privilegierten Lebens der Studenten. Weil sich die Studenten einem hoffnungslosen Leben nicht unterwarfen, wurden sie zu Hassobjekten. Die Kampagne gegen Springer sollte zeigen, wie sehr dieser die Ängste und Unzufriedenheiten der Bevölkerung manipulierte und wie groß das Interesse des Staates war, mit Hilfe seiner Garanten wie der Springer-Presse dafür zu sorgen, dass die sozialen Normen völlig verinnerlicht wurden.

Abbildung 9:

Auslieferungsfahrzeuge der BILD-Zeitung werden Ostern 1968 in Berlin in Brand gesetzt

 

 

 

 

 

Internet-Quelle [6]

Mit dem Angriff auf Springer, mit der Feststellung, dass seine Presse ein Instrument der Manipulation sei, weigerte sich die APO, die Legitimität ihrer Aktionen an demokratischer Rechtmäßigkeit messen zu lassen, die für sie zu einer Attrappe geworden war. Die ursprünglich revolutionären "Tugenden" der Presse, die Tugenden der Aufklärung, der Kritik, der Argumentation, der Vernunft gegen die Willkür des Feudalsystems waren Stabilitätsfaktoren geworden, die den Bürger gegen neue politische Erfahrungen immun gemacht haben. Die Kritik hatte sich in ein Konsumgut verwandelt. Die vernünftige Argumentation zwang zur gesellschaftlichen Anpassung und führte zu politischer Gleichgültigkeit. Sie hatte die Auseinandersetzungen zu einer "Meinungsverschiedenheit" reduzierte und jede andere Manifestation des Kampfes aus der Demokratie verbannte in die Bereiche des Faschismus oder des Kommunismus. In dieser Situation war die direkte Aktion eine neue Kommunikationsform. Die öffentliche Gegenmeinung wurde außerhalb der Presse, auf der Straße präsentiert.