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'Die Entstehung der deutschen Studentenbewegung'
 
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Die Entstehung der deutschen Studentenbewegung

Bis 1965 unterschieden sich die Studenten nicht von der übrigen Bevölkerung und akzeptierten den herrschenden Konformismus. Drei Jahre später "brannte" Berlin. Was war der Grund dafür, dass sich eine ganze Generation in so kurzer Zeit radikalisierte und die Gesellschaft, in der sie lebte, nun ablehnte? Das Scheitern der 1963 eingeleiteten Hochschulreformen [1] , die Ausweitung der amerikanischen Angriffe im Vietnamkrieg [2] seit 1964, die Diskussion der Notstandsgesetzgebung [3] im Bundestag von 1965 an waren sicherlich Ereignisse, die die Revolte der deutschen Studenten anfachten, welche vor allem ab 1967 spürbar in Erscheinung trat.

Abbildung 2: 

Aufkleber mit Aufruf zum Sternmarsch nach Bonn gegen die Notstandsgesetze

 

 

 

 

Internet-Quelle (http://www.hdg.de)

Waren jedoch diese Fragen nicht bereits umfassend seit Beginn der 1960er Jahre von den progressivsten Studenten diskutiert worden, als der Sozialistische Deutsche Studentenbund [4] (SDS) seine neue politische Identität ausbildete, nachdem er aus der SPD ausgeschlossen worden war, deren linker intellektueller Flügel er zuvor war? Warum hatte die doch so ausführliche Diskussion über den engen Zusammenhang zwischen den autoritären Strukturen der Universität und jenen der Gesellschaft, über den Krieg in Vietnam, der sehr früh als ein Krieg gesellschaftlicher Repression wahrgenommen wurde, oder über die Notstandsgesetze, die rasch als Folgeerscheinung des autoritären Staates verstanden wurden, nur so wenige Studenten erreicht? Der SDS war bis in die Mitte der 1960er Jahre nicht in der Lage, seinen theoretischen Ausführungen eine neue praktische und attraktive Dimension zu verleihen. Befreit von der Bevormundung durch die SPD und der Unterordnung unter die Parteidisziplin hatte der SDS gewiss sehr früh über neue Kampfformen nachgedacht, die auf die Bedingungen des Spätkapitalismus abgestimmt waren. Er entwickelte seine Überlegungen in der Monatszeitschrift "Neue Kritik", einem seiner wichtigsten theoretischen Publikationsorgane und Diskussionsforum für alle Gruppen der außerparlamentarischen Linken.

Da der SDS jedoch der marxistischen "alten Linken" noch zu nahe stand, verharrte er in politischen Aktionen, die der klassischen Strategie der Arbeiterbewegung eigen waren: Propagandakongresse und Protestmärsche kennzeichneten die ersten Aktionen der deutschen Neuen Linken. Sie konnte sich auf keinerlei Tradition des subversiven Kampfes stützen, hatte doch der Nationalsozialismus die Erinnerung an den Anarcho-Syndikalismus oder den Rätekommunismus und andere radikale revolutionäre Bewegungen in Deutschland ausgelöscht (z.B. Sexpol [5] ). Also reihten sich die vom SDS organisierten Demonstrationen in die Tradition der Ostermärsche [6] gegen die atomare Aufrüstung der 1950er Jahre ein.