French
German
 
 
Keine Seiten in der Sammlung.
 
 
 
 
 

Sie sind hier: Deuframat > ... > Die Leitmedien

Die Leitmedien

Eher intuitiv geht man davon aus, dass es in der "überregionalen" Presse einflussreichere und weniger einflussreiche Tageszeitungen (und Magazine) geben muss. Und es scheint wichtig, unsere vergleichende Studie der "hochwertigen" Tageszeitungen mit einem Blick auf die "Leitmedien" abzuschließen. Der Begriff Leitmedien stammt von J. Wilke (1999, S. 302-305) und wird auf den Bereich der geschriebenen Presse angewandt.

Bevor wir in dieses Thema einsteigen, sind zwei Vorbemerkungen unerlässlich:

  • In Frankreich, einem seit Jahrhunderten zentralisierten Land, wird die nationale Presse "natürlich" in Paris und seiner Umgebung gemacht. Außerdem besteht eine unmittelbare Nachbarschaft zwischen Buchverlegern, Herausgebern der Tagespresse, den großen Radiosendern und den wichtigen Fernsehprogrammen. Die Journalisten der verschiedenen Medien kennen sich gegenseitig und das Phänomen, dass sich führende Politiker und beliebte Journalisten duzen, ist wohl bekannt. Dies wird als Pariser Mikrokosmos bezeichnet. Trotz der Dezentralisierung geben immer noch die Pariser Medien den Ton an. Ganz anders in Deutschland, einem föderalistisch strukturierten Land mit mehreren Zentren: München, Stuttgart, Frankfurt, Köln und Düsseldorf, Berlin und vielleicht noch weitere große Städte kämpfen um die Führungsrolle im Mediensektor, und die Einflüsse der "überregionalen" Tageszeitungen (und Magazine) werden eher von den Orten ausgeübt, wo sie verankert sind, eher in einem mehr oder weniger großen Bereich um diese Städte herum, als in ganz Deutschland. Der Begriff "Leitmedien" umfasst daher eine ganz andere Dimension, je nach dem, ob es sich um Frankreich oder Deutschland handelt.
  • Es gibt keine aktuellen Studien zum Thema "Leitmedien". Aus diesem Grund müssen wir uns auf ältere Untersuchungen beziehen.

Nach Wilke gibt es verschiedene Kriterien, aufgrund derer einem Presseerzeugnis die Rolle eines Leitmediums zugesprochen werden kann. Es sind die Auflagenhöhe und das Publikumsinteresse, die Struktur des Leserkreises (wichtiger als die Auflage, wenn die Zeitung imstande ist, die Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft, also einen mehr oder weniger elitären Zirkel, zu erreichen), die regelmäßige Nutzung durch andere Journalisten (und die Häufigkeit, mit der aus dieser Zeitung zitiert wird), das "frühzeitige" Gespür für aktuelle Themen (agenda setting) und die Entwicklung "thematischer Rahmen" (framing), die von anderen Medien aufgenommen werden, sowie schließlich die allgemeine Zuerkennung einer besonderen "Qualität" aufgrund der Arbeit renommierter Journalisten und besonderer journalistischer Leistungen. Zur Konkretisierung dieser Überlegungen nennt Wilke die Ergebnisse einer 1993 bei einer großen Zahl deutscher Journalisten durchgeführten Umfrage. Welche Pressetitel haben sie regelmäßig konsultiert? Die Ergebnisse - Mehrfachnennungen waren möglich - sahen wie folgt aus:

DER SPIEGEL (hebdomadaire)66,7%
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (quotidien)46,6%
DER STERN (hebdomadaire) 37,1%
FAZ (quotidien)36,2%
DIE ZEIT (hebdomadaire)34,4%
FOCUS (hebdomadaire)29,3%
TAZ (quotidien)24,5%
FR (quotidien)23,5%
DIE WELT (quotidien)22,2%
BILD (quotidien)21,8%
HANDELSBLATT (quotidien)10,6%

Es wird sehr deutlich, dass einige Wochenzeitungen (mit dem Hamburger SPIEGEL an der Spitze) und die großen "überregionalen" Tageszeitungen (unter ihnen an erster Stelle die SZ und die FAZ) häufig konsultiert werden. Es taucht keine einzige rein regionale Tageszeitung an dieser Stelle auf. Wilke zufolge (1999, S. 305) verleiht diese Umfrage einen ersten groben Überblick über die "medieninternen Meinungsführer", einen Überblick, den er anschließend vertieft, indem er die verschiedenen Pressefamilien betrachtet. (47)

Fig. 6

La une du FIGARO du 2 décembre 2002

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es versteht sich von selbst, dass eine neue aktuelle Studie durchgeführt werden müsste, um zu überprüfen, ob die angegeben Zahlen heute noch gelten. Auch müssten die Zielgruppen differenzierter untersucht werden. Beim Topmanagement gewann beispielsweise die Wochenzeitung FOCUS im Jahr 1997 ebenso viele Leser (30,6 %) wie ihr Konkurrent DER SPIEGEL, und bei sämtlichen Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Verwaltung erhielten die Tageszeitungen SZ (+13%) und FR (+12%) Rückenwind, während die FAZ (-4%) und DIE WELT (-18%) im Vergleich zu 1994 Leser verloren (Focus Nr. 25, 16.6.1997, S. 212). Heute müsste auch die neue täglich erscheinende Wirtschaftszeitung FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND berücksichtigt werden, die sich rasch neben dem traditionellen HANDELSBLATT durchgesetzt hat (48).

Bei den von Wilke angeführten Ergebnissen drängt sich eine abschließende Frage auf: Entsprechen die Antworten, welche die Journalisten 1993 gegeben haben, wirklich ihrem realen und tagtäglichen Verhalten? Denn liest man die Ergebnisse einer von Settekom (2002) durchgeführten Untersuchung - eine Untersuchung, welche die "Trendsetter"-Rolle von BILD im Stil der Reportagen und Berichte nachweist, die in Deutschland nach einem Umweltunfall 1998 geschrieben worden waren (49) - zweifelt man ein wenig am Wahrheitsgehalt ihrer Antworten: Vielleicht war es ihnen peinlich einzugestehen, dass sie dieses Boulevardblatt häufiger konsultieren.

Uns sind keine entsprechenden Untersuchungen für Frankreich bekannt. Aber man darf annehmen, dass derartige Nachforschungen hohe Anteile für Le MONDE, LIBERATION und vielleicht auch für Le Parisien/ AUJOURD'HUI und Le FIGARO - und für L'EQUIPE im Sportbereich - ergeben würden. Unter den Wochenzeitungen müssen auf alle Fälle LE NOUVEL OBSERVATEUR, L'EXPRESS und dank seines investigativen Journalismus, seiner Unabhängigkeit von Werbeeinnahmen und politischen Einflussnahmen LE CANARD ENCHAINE als führende Medien im Bereich der Thematisierung aktueller Entwicklungen (Agenda setting) und als "Trendsetter" für die öffentliche Meinung genannt werden. Der Einfluss einiger Pariser Tageszeitungen ist insbesondere von D. Carton (2003, S. 76-79) veranschaulicht worden - allerdings recht desillusioniert und polemisch:

Das Plagiat ist die schändliche Wunde des französischen Journalismus und hat nicht wenig dazu beigetragen, dass in diesem Lande das "Einheitsdenken" Einzug hielt, welches man ansonsten fleißig kritisiert. Es ist stets gleich, man verliert sich in großen Thesen, während das Prinzip ganz einfältig ist. Man kupfert in der schriftlichen Presse ab. Man kupfert in den Radios ab. Man kupfert im Fernsehen ab. Das System funktioniert wie geschmiert. Die französische Presse ist ein Einkaufszentrum geworden, in dem sich morgens jeder schamlos in der Abteilung Libé und seit einigen Jahren in der von Le Parisien versorgt, und abends bei Le Monde. Jahrzehntelang war die große Abendzeitung, wie sie nicht mehr genannt wird, der Alleinlieferant. Sie war "das" Leitmedium, und zwar aus gutem Grund. Sie ist es für die Radionachrichten nach 18 Uhr und die großen 20 Uhr-Nachrichten der Fernsehsender geblieben, was durchaus etwas ist.

Vormittags lässt man sich von Libé inspirieren, Le Parisien ist zu einem weiteren anerkannten Lieferanten geworden. Am Schlimmsten ist jedoch, dass auf diesem Einkaufszentrum die Lautsprecher des Radiosenders France Info installiert worden sind, dann die von LCI (La Chaîne Info), dem internen Fernsehsender des Mikrokosmos. Die gleichen richtigen oder falschen Nachrichten werden schneller und lauter kolportiert, und ob man will oder nicht, dieses Verfahren widerspricht den elementarsten Regeln des Journalismus. Denn nicht nur die Titel werden übernommen. Alles geht durch, auch auf die Gefahr hin, dass man den Ast absägt, auf dem alle sitzen. Die derzeit in Frankreich entstehenden "Gratiszeitungen" sind letztlich nur eine logische und ehrlichere Fortsetzung davon.

Denn die Franzosen täuschen sich nicht in ihrem Eindruck, überall die gleichen Informationen zu lesen und auf allen Wellenlängen zu hören. Es sind tatsächlich die gleichen Kommentare, die gleichen Schwätzer, die gleichen Geständnisse, die gleichen banalen Sätze. Es genügt, ein einziges Mal an einem Kongress oder einem Meeting teilzunehmen. Die Journalisten sortieren die Informationen gemeinsam. Die Mitarbeiter der Agenturen wählen dieselben Verlautbarungen aus. Die Mitarbeiter der Radios einigen sich auf dieselben "Klänge". Die der Fernsehkanäle benutzen dieselben Bildeinstellungen. Es ist einfach, es ist bequem, und jeder hält sich an den anderen. [...] Wenn Le Monde und in geringerem Maße Libé heute Gewicht haben, so liegt dies nicht so sehr an ihrer Auflage, die im Vergleich zu ausländischen Zeitungen gering ist, sondern an dem Einfluss, den diese Titel auf die anderen Redaktionen ausüben. Die Journalismus-Schulen könnten ihre unschuldigen Schäflein warnen, aber es sieht nicht so aus, als ob diese Geschichte bald auf ihren Lehrplänen stehen wird.

Auch ich hätte ruhig bleiben und einsehen können, dass Journalist sein heißt, alles zu erzählen, anzuprangern, empörend festzustellen, zu verfolgen, zu verurteilen, was im Hinblick auf die Anderen gesagt werden muss, aber niemals, absolut niemals auch nur im Geringsten die Erhabenheit jener außergewöhnlichen Zunft anzugreifen, die Ihnen die Ehre gegeben hat, Sie in ihre Mitte aufzunehmen." (50).

______________________

Anmerkungen

(47) Par exemple, dans la presse économique, Wilke (1999,323) nomme, à côté du quotidien HANDELSBLATT, les magazines CAPITAL et WIRTSCHAFTSWOCHE. 

(48) Voir l'article de Grosse sur les quotidiens économiques dans: Ernst Ulrich Grosse et Ernst Seibold (directeurs, 2003): Presse française, presse allemande - Études comparatives. Paris (L'Harmattan), p. 83 - 112.

(49) Voir le paragraphe 4 de l'article de Dippon/Grosse dans: Ernst Ulrich Grosse et Ernst Seibold (directeurs, 2003): Presse française, presse allemande - Études comparatives. Paris (L'Harmattan), p. 151 - 192.

(50) Carton 2003, 76-79. Voir aussi la critique du livre paru dans Le Monde, 7/2/2003,20.

Links: