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'Einführung: Die Bedeutung der Reiseberichte'
 
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Einführung: Die Bedeutung der Reiseberichte

"Die Französische Revolution [1] ", stellte der Publizist Johann Wilhelm von Archenholtz bald nach 1789 fest, "verdrängt durch ihr gewaltiges Interesse alles, die besten Gedichte bleiben ungelesen, man greift nur noch nach Zeitungen und solchen Schriften, die den politischen Heißhunger stillen." In der Tat, für das schreibende und lesende, politisch interessierte Publikum in Deutschland war die Revolution in Frankreich ein Ereignis, das faszinierte und in heute kaum vorstellbarer Weise das Bedürfnis nach Information weckte. Dahinter stand schon bald die Einsicht, dass die politischen Vorgänge und Verhältnisse in Frankreich von säkularer Bedeutung waren und auch die Deutschen angingen. Handelte es sich doch hier, wie es der Historiker Rudolf Vierhaus [2] formuliert hat, um "ein Lehrstück in realer Politik im allgemeinen und eine Nötigung zur Einsicht in deutsche Verhältnisse im besonderen."

Der Auftakt der Französischen Revolution am 14. Juli 1789: Nach dem erfolgreichen Sturm auf die Bastille werden der Kommandeur und die Besatzung der Festung durch eine wütende Volksmenge als Gefangene abgeführt. (nach einem anonymen Gemälde)

Quelle: revolution.1789.free.fr/index.htm

Dass es zu dieser intensiven Diskussion und politischen Meinungsbildung kam, hatte mit der Radikalität und Dynamik der Ereignisse im Nachbarland zu tun, aber auch mit der Beschaffenheit der publizistisch-literarischen Diskussion unter den deutschen Gebildeten im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Denn dort war man keineswegs so unpolitisch und unkritisch, wie oft behauptet wird. Auch hatten die aufgeklärten Schichten in Deutschland schon vor 1789 öffentlich über Fragen der Menschenrechte, über Freiheit und die Legitimation von Herrschaft, über politische Bildung und politische Reformen debattiert. Auch das Interesse an politischen Revolutionen war seit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg [3] nicht neu und hatte durch die Nachrichten von Aufständen und Verfassungsumstürzen in Genf, Lüttich und Brabant neue Nahrung erhalten.

So trafen die Nachrichten aus Paris das deutsche Publikum keineswegs unvorbereitet, und sie mussten ihm auch nicht unvorstellbar erscheinen, auch wenn die Vorgänge der Revolution das bekannte Maß der Verfassungsveränderungen alten Stils weit übertrafen. Ob freilich das Interesse, das in Deutschland wie beinahe überall in Europa an den französischen Ereignissen vorhanden war, mit einer angemessenen Erkenntnis einherging, wollen wir später erörtern. Einstweilen ist zu vermuten, dass die überkommenen Erfahrungen und Denkmuster das frühe Urteil des europäischen und deutschen Publikums bestimmt und auch den Blick für die soziale Dynamik und politische Radikalität der Revolution zunächst verstellt haben.

An Nachrichten aus Frankreich hat es freilich nicht gefehlt. In allen Journalen war davon zu lesen. Die Berichte waren teilweise aus französischen Blättern übernommen, stammten aber auch von deutschen Besuchern und Berichterstattern. Schon im Sommer 1789 veröffentlichte Karl Friedrich Reinhard [4] seine "Briefe aus Bordeaux" im ersten Band des "Schwäbischen Archivs". Erste umfassende deutsche Augenzeugenberichte erschienen gedruckt im Frühjahr 1790. Zumeist teilten die emphatischen Augenzeugen- und Reiseberichte die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster ihres Publikums. Kamen sie doch in der Regel aus demselben sozialen und kulturellen Milieu.

Mai 1790: Plantation des arbres de la Liberté dans toutes les communes de France en présence du maire et des gardes nationaux.

Quelle: revolution.1789.free.fr/page-4.htm

Gerade darin liegt der Wert der Reiseberichte aus dem revolutionären Frankreich. Sie bieten keine historische Darstellung der Französischen Revolution und können diese auch nicht ersetzen. Die Reiseberichte sind vielmehr Quelle für den komplizierten Vorgang der Wahrnehmung, Vermittlung und Bewusstseinsbildung, der von der Französischen Revolution ausging und die politische Kultur der Moderne nachhaltig geprägt hat. War die Revolution Forum, auf dem die Zukunft verhandelt wurde, Instanz, vor der man sich rechtfertigen musste und Arsenal, das die Waffen für die politische Auseinandersetzung lieferte (H. Günther), so dokumentieren die Reiseberichte diesen Prozess historisch-politischer Bewusstwerdung noch mitten im Fluss der revolutionären Ereignisse, mit ihren Widersprüchen und kontroversen Rechtfertigungen. Sie spiegeln die Hoffnungen und Enttäuschungen der politisch Handelnden und Wahrnehmenden, die immer wieder feststellen mussten, dass ihre Pläne und Verfassungen schon wieder obsolet wurden, kaum dass man sie entworfen hatte. Und die auch feststellen mussten, dass die eigenen Absichten sich oft gegen ihre Urheber kehren konnten.

Diese Dynamik und Dialektik der Revolution zwang die Augenzeugen, Vorstellungen und Deutungen, die sie zu Anfang hatten, immer wieder zu revidieren. Deshalb sind die Reiseberichte Zeugnisse für eine völlig neuartige Erfahrung von Politik, für die Irritierbarkeit modernen Selbstverständnisses, mithin für die spezifische Wahrnehmungs- und Denkweise ihrer Verfasser und indirekt auch für die Mentalität ihres Herkunftslandes bzw. des sozial-moralischen Milieus, aus dem sie stammten bzw. für das sie schrieben. Das bedeutet auch, dass es für unsere Fragestellung unerheblich ist, ob Reisebeschreibungen einer bestimmten literarisch-ästhetischen Gattung zuzuordnen sind, und wir müssen auch nicht über deren literarische Qualitäten urteilen.

Was uns interessiert, ist der politik- und kulturgeschichtliche Aspekt der Reiseberichte. Dabei geht es zunächst um die Frage nach den Motiven für die deutschen Revolutionsreisenden und, eng damit verbunden, nach ihrer Herkunft. Von großer Wichtigkeit sind ferner Reisetermin und Aufenthaltsdauer, denn davon waren nicht nur die äußeren Bedingungen der Reise wie der Berichterstattung bestimmt, sondern vor allem die Bedingungen und Formen der Wahrnehmung bzw. der Deutung der revolutionären Vorgänge. Auch die Lebensbedingungen und sozialen und politischen Kontaktmöglichkeiten der deutschen Revolutionspilger sind zu beachten, hängt davon doch die Unmittelbarkeit und auch die politische Ausrichtung ihrer Berichte zu einem guten Teil ab. Das wiederum führt zur Frage nach den konkreten politischen Erfahrungen und Wahrnehmungen der einzelnen Parisreisenden - denn dass Frankreich und Französische Revolution mit Paris identisch waren, das war für die Mehrheit der zeitgenössischen Beobachter ebenso ausgemacht wie für die spätere Revolutionsgeschichtsschreibung, die erst allmählich auch den Blick auf die Vorgänge in der Provinz richtet.

Deutsche Revolutionsreisende nach Paris: In der oberen Reihe (v.l.n.r.) Joachim Heinrich Campe, Georg Forster und Gustav Graf Schlabrendorff; in der unteren Reihe (v.l.n.r.) Johann Friedrich Reichardt, die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt.

Quelle: Thamer, 1989, S. 509

Welche Informationen hielten die Reisenden für wichtig und für das heimische Publikum zum besseren Verständnis für notwendig, und wie verarbeiteten die Berichterstatter ihre Eindrücke, welche Konsequenzen hatten diese für die Entwicklung und auch Revision ihres eigenen Geschichts- und Gesellschaftsverständnisses? Das sind die Kriterien, nach denen wir im folgenden die Begegnung der wichtigsten deutschen Reisenden mit der Französischen Revolution ordnen und interpretieren wollen. Dabei müssen wir die Frage nach der Wirkung der Reiseberichte in der deutschen Öffentlichkeit außer acht lassen, und auch die Breite der Nachrichtenflut können wir nicht bestimmen.

Eine weitere Einschränkung betrifft den Untersuchungszeitraum. Behandelt werden nur Berichte, die die Phase von 1789 bis 1794/95 betreffen. Das hat seinen Grund einmal in der tiefen Zäsur, die der Sturz Robespierres [5] und damit das Ende der Jakobiner [6] - und Terreurherrschaft [7] für die innere Entwicklung des Revolutionszeitalters wie für die Wahrnehmung der Zeitgenossen bedeutete. Eine entscheidende Veränderung in der Zusammensetzung und Motivation der Reisenden brachten aber auch die erleichterten Reisebedingungen, die durch die Thermidorzeit [8] und das Ende des Ersten Koalitionskrieges [9] seit 1795 gegeben waren und nun zu einer Flut von Frankreichreisenden führten. Für sie waren in der Regel jedoch nicht mehr jene vorwiegend politischen Motive ausschlaggebend wie für jene Augenzeugen der Jahre 1789 bis 1794, die wir deswegen als Revolutionspilger bezeichnen.

Doch auch innerhalb dieser ersten großen Phase ist zwischen dem Zeitraum 1789 bis 1792 und dem von 1792 bis 1794 zu unterscheiden, und zwar nicht nur hinsichtlich der revolutionären Ereignisse selbst, sondern auch in bezug auf die Reiseberichte, die nach einer emphatischen Schilderung der Zeit des "herrlichen Sonnenaufgangs", wie viele Deutsche den Beginn der Revolution verklärt haben, seit 1792 von zunehmender Ernüchterung, Skepsis und Distanzierung geprägt waren und deren Verfasser in der Zeit der Terreur um ihr eigenes Leben fürchten mussten.

Der Ballhausschwur (Serment du Jeu de Paume) am 20. Juni 1789. Es handelt sich um den Eid der Nationalversammlung, sich nicht vorher zu trennen, bis eine neue Verfassung ausgearbeitet ist.
Gemälde von Jacques-Louis David

Quelle: www.histoire-image.org/site/rech/chrono.php