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'Die Herkunft der Revolutionspilger'
 
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Die Herkunft der Revolutionspilger

Woher stammten nun die deutschen Revolutionsreisenden? In geographischer Hinsicht kamen sie, wie Alain Ruiz festgestellt hat, "fast ausschließlich aus Preußen bzw. aus dem protestantisch-norddeutschen und dem ihm zugewandten mitteldeutschen Raum." Das gilt für die Brüder Humboldt wie für den schlesischen Kaufmannssohn Konrad Engelbert Oelsner, dem wir die reichhaltigsten, historisch differenziertesten und stilistisch glänzendsten aller Augenzeugenberichte verdanken.

Der Oldenburger Justizrat Gerhard Anton von Halem (1752 - 1819) begründet 1790 sein Reiseziel Paris mit den Worten: "Schon so lange umtönte uns das ferne Rauschen des gallischen Freiheitskatarakts. Warum sollten wir nicht näher gehen? ... Schlimm war's doch, wenn die nähere Ansicht die mannigfachen Urteile nicht einigermaßen berichtigen sollte." (vgl. Text im Kap. 2)

Quelle: www.fwak.de/adamweishaupt/menu-links/illuminaten/mitglieder/halem/halem.html

Auch der ehemalige friderizianische Offizier von Archenholtz [1] war preußisches Landeskind, ebenso der Magdeburger Beamte Friedrich Schulz, der Berliner Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt, ferner Gustav Graf Schlabrendorff, dessen Vater Minister Friedrichs des Großen gewesen war und der selbst als Weltmann und Philanthrop zum Zentrum der deutschen Kolonie in Paris werden sollte, ohne freilich selbst über die Revolution zu schreiben. Gerhard Anton von Halem war Oldenburger Justizrat, und der Braunschweiger Schulrat Campe stand ebenfalls ganz im Bann der preußischen Aufklärung. Auch der aus Preußen stammende Naturforscher Georg Forster lebte zwar schließlich als Bibliothekar im katholischen Kurmainz, gehörte aber vom Selbstverständnis her ganz zur preußischen Aufklärung. Aus Süddeutschland kommen lediglich zwei Schwaben: Karl Friedrich Reinhard, ehemaliger Zögling des Tübinger Stifts und Theologiestudent, der als Hauslehrer nach Bordeaux ging and 1791 nach Paris übersiedelte, als späterer Diplomat sein Leben ganz mit der französischen Politik zu verbinden; ferner Georg Kerner, der nach seinem Medizinstudium über Straßburg nach Paris kam und eng mit Reinhard zusammenarbeitete.

Alexander von Humboldt, einer der bedeutendsten Wissenschaftler der Neuzeit, lernte während seines Parisaufenthaltes den Botaniker Aimé Bonpland kennen. Er bezeichnete dies als "einen der glücklichsten Zufälle meines Lebens". Bonpland begleitete Humboldt auf dessen Südamerikareise. Das Bild von Eduard Ender (um 1850) zeigt die beiden Forscher in einer Urwaldhütte, die ihnen als Feldlabor dient.

Quelle: www.hkw.de/deutsch/kultur/1999/humboldt/humboldt.html

Wichtiger noch für das Selbstverständnis und die relative Homogenität der deutschen Freiheitspilger waren ihre soziale Zugehörigkeit und ihr Alter. Nur einige von ihnen entstammten adligen Oberschichten, in ihrer Mehrheit gehörten sie zum mehr oder weniger wohlhabenden Bildungsbürgertum. Sie waren Angehörige der sich kontinuierlich verbreiternden Intelligenz, deren materielle Existenz in Deutschland vom Staatsdienst abhing. Sie waren Angehörige einer neuen sozialen Schicht, einer überständischen, aufgeklärten Elite, die zunehmend das wissenschaftliche und kulturelle Leben bestimmte, aber von Politik und gesellschaftlicher Macht ausgeschlossen blieb. Wie verlockend mussten dann die Verheißungen der Französischen Revolution auf wirkliche bürgerliche Freiheit und die Überwindung gesellschaftlicher Schranken sein, über die man in Deutschland nur im aufgeklärten Zirkel diskutieren konnte.

Als Verwirklichung der Philosophie, der aufklärerischen Maximen sahen deutsche Intellektuelle die Französische Revolution mit ihrer Erklärung der Menschenrechte und ihrem Verfassungswerk. Das Bild zeigt eine zeitgenössische Allegorie auf die Ideale der französischen Revolution zu Ehren des Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau.

Quelle: Thamer 1989, S. 510

Die Erwartungen auf Verwirklichung der Aufklärung waren um so größer und ungestümer, als die überwiegende Mehrheit der Revolutionsfreunde noch voller jugendlicher Begeisterung und Rauschhaftigkeit war und darauf brannte, zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung einer in Wandlung befindlichen Welt zu machen. Deutlich abgeklärter ist bei aller Zustimmung das Urteil der wenigen älteren Revolutionsreisenden, Schlabrendorff und Archenholtz etwa. Bei einigen machte freilich die intensive Erfahrung der Revolution mit ihrer ungeheuren Beschleunigung der Entwicklungsabläufe die jugendliche Einseitigkeit des Urteils bald wett, das gilt für Oelsner vor allem und das gibt einen Hinweis auf die veränderte Zeitlichkeit und Dynamik, die von der Revolution ausging.