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Einleitung: Kulturbeziehungen, Kulturbegriff

Kulturbeziehungen im weiteren Sinn haben zwischen den Gebieten, die dem heutigen Frankreich und Deutschland entsprechen, von Anfang an bestanden. Seit der Zeit der Merowinger und seit Karl dem Großen verkehrten die Einwohner miteinander, tauschten - unabhängig von den politischen Konflikten - Waren, Kenntnisse, Techniken. lm Mittelalter reisten die Studenten und Scholaren, Kirche und Religion bildeten ein mächtiges Austauschaggregat. Humanismus und République des Lettres, Kavalierstour und berufsbildende Reisen waren gesamteuropäische Vorgänge, die Deutschland und Frankreich vielfach miteinander kommunizieren ließen.

Abbildung 1:

Bereits im Mittelalter zog die französische Universalität ausländische Studiosi an. Die Attraktivität der französischen Hochschulausbildung ist seither für junge Ausländer ungebrochen. Jährlich zieht es über 125.000 Ausländer zum Studium nach Frankreich.

Internet-Quelle (diplomatie.gouv.fr)

Im engeren Sinn spricht man von Kulturbeziehungen ab dem Zeitpunkt, als sich geistige und künstlerische Produktion national zu strukturieren begannen, d.h. nach einem kurzen Vorlauf während des Humanismus ungefähr ab Mitte des 18. Jh. Aufgrund der verschiedenen politischen und institutionellen Voraussetzungen geschah dies in Frankreich anders als in Deutschland: Während in Frankreich die Entwicklung zum Nationalstaat schon im 16. Jh. eingeleitet wurde, dominierte in Deutschland bis ins 19. Jh. das Konzept einer Kulturnation, die erst später zu einer Form von staatlicher Einheit finden sollte. Dementsprechend ist die territoriale Andehnung "deutscher' Kultur fließend, ihre räumliche Fixierung problematisch.

Bis in jüngste Zeit ging man von der Vorstellung einer grundsätzlichen Asymmetrie der Kulturbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland aus, die vielfach mit dem Begriff des Kulturgefälles verbunden wurde.

Abbildung 2:

"La Querelle des Anciens et des Modernes" in der Karikatur von Jacques Maret

 

 

 

 

 

 

 

Internet-Quelle (http://perso.club-internet.fr)

Der französischen Kultur wurde für die Zeit ab dem 17. Jh. eine dominierende Position eingeräumt. Die deutsche Kultur habe sich dem gegenüber in einer Art Absetzungsbewegung herausgebildet, ein Emanzipationsprozess, innerhalb dessen sie sich vom übermächtigen "Einfluss" des westlichen Nachbarn befreit und zu sich selbst gefunden habe. Paradigmatisch dafür stand der Bereich der Literatur, wo die Deutschen sich, z.T. unter Rückgriff auf Shakespeare, ab 1750 von der französischen Regelpoetik gelöst und ihre eigene literarische Identität "gegen" das französische Modell ausgebildet hätten. Abgesehen davon, dass diese Konstruktion die zeitgleichen internen Auseinandersetzungen in Frankreich unterschlägt, etwa die querelle des anciens et des modernes [1] , ist heute klar, dass sie einseitig in der Perspektive der Ausbildung einer deutschen "Nationalkultur" befangen ist. Im Gegenzug hat man dann Ende des 19. Jh. auch einen "Einfluss" deutscher Kultur in Frankreich nachweisen wollen (Süpfle, Geschichte des deutschen Kultureinflusses in Frankreich, 1884). Aber auch auf französischer Seite sah man die Dinge weitgehend unter dem Blickwinkel des "Exports" einer mehr oder minder universalen Kultur in die anderen Länder Europas. Selbst Unternehmen wie die Begründung der littérature comparée durch Jean-Jacques Ampère [2] gingen von Frankreich als Zentrum der europäischen Kultur aus, das bis ins 16. Jh. von den anderen Literaturen genährt worden sei, von da an aber selbsttätig in die entsprechenden Räume zurückstrahle.

Heute legt man einerseits einen erheblich breiteren Kulturbegriff [3] zugrunde, der auch Alltagsverhalten, Technik, kaufmännisches Wissen, Unterhaltungsindustrie umfaßt und sich darum den alten Hierarchien der Hochkultur entzieht. Andererseits weiß man mehr um die Interaktivität derartiger Beziehungen, interessiert sich mehr für die Dynamik der Akkulturationsprozesse, der Neuinterpretationen und Umdeutungen, die bei derartigen Kulturkontakten in beiden Richtungen zu beobachten ist. So hat man in einem umfangreichen Forschungsvorhaben zum deutsch-französischen Kulturtransfer [4] zwischen 1770 und 1815 die Rezeption der französischen politischen Literatur in Deutschland untersucht, die Anverwandlung einer politischen Kultur nicht nur in Form von Diskursen, sondern auch von Handlungen, Festen, Ritualen und dergleichen mehr. Dabei zeigte sich unter anderem, dass die entsprechenden Prozesse wieder auf Frankreich zurückwirken und eigene Dynamiken erzeugen, die sich in die jeweiligen politischen Kulturen einschreiben.

Abbildung 3:

Carte humoristique de l'Europe (um 1871/1872). Beispiel einer stereotypen Stigmatisierung der europäischen Völker

 

 

Internet-Quelle (orange.fr)

Darüber hinaus ist man sich in der Kulturgeschichtsforschung genauer der Rolle bewusst geworden, welche die den Transfers vorgelagerten Wahrnehmungs- und Deutungsmuster spielen. Dazu gehören zum einen die Stereotypen, die ja vielfach mit den jeweiligen Selbstbildern verbunden sind, zum anderen aber auch die diachronischen diskursiven Formationen, die Interpretationsgeschichten, in die sich jede neue Deutung einreiht und die sie modifiziert. Schließlich kam man auch zur Einsicht, dass die Lücken der Rezeptionen und die blinden Flecken der Wahrnehmungen oft genauso aufschlussreich sind wie die tatsächlichen Beziehungen. Jede Wahrnehmung ist selektiv, und die Untersuchung des Kulturtransfers versucht, diese Selektivität zu erklären, indem sie die Interpretation lang- und mittelfristiger Deutungsmuster mit der Analyse der jeweiligen kurzfristigen Konjunkturen kombiniert, welche die tatsächlichen Beziehungen wie die Abgrenzungen und Abschottungen modellieren. Auf diese Weise hängt die Analyse der Kulturbeziehungen nicht nur eng mit der jeweiligen nationalen Geschichtsschreibung zusammen, sondern vermag auch neue Perspektiven zu eröffnen, die diese nationale Geschichtsschreibung verändern, ihr eine neue Qualität verleihen.