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'Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit: Bruch, Neubeginn und Aussöhnung'
 
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Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit: Bruch, Neubeginn und Aussöhnung

Der Zweite Weltkrieg verjagte nicht nur die deutschen Emigranten ans Frankreich, wenn er sie nicht in die Konzentrationslager oder in den Selbstmord trieb; er bedeutete auch einen noch tieferen Einschnitt als der Erste Weltkrieg in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen. In Deutschland war der "linke" Teil des Milieus der Mittler weggebrochen, während sich konservative Frankreichkenner wie Friedrich Sieburg [1] oder auch Ernst Jünger [2] weitgehend kompromittiert hatten. Parallel dazu hatte in Frankreich die collaboration so manchen germanophilen Pazifisten oder Wagner-Liebhaber diskreditiert, und das Entsetzen vor den Verbrechen des Nazi-Regimes hatte weite Teile der Linken und der Mitte an der Möglichkeit einer neuen geistigen Partnerschaft verzweifeln lassen.

Abbildung 13:

"Erinnerungen eines Franzosen, der einmal Deutscher war". In diesen Memoiren beschreibt Joseph Rovan u.a. über seine Bemühungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, den deutsch-französischen Dialog neu zu beleben.

 

 

 

 

 

Internet-Quelle [3]

Der kumulative Effekt dieses Tatbestands auf beiden Seiten führte zu einer nachhaltigen Störung in den Kulturbeziehungen, der sich in der nachfolgenden Generation als echter Bruch auswirkte. Direkt nach dem Krieg waren die Folgen indessen noch nicht abzusehen. Auf französischer Seite waren es Emigranten wie Joseph Rovan [4]  und Alfred Grosser [5] , die sich für einen Neubeginn einsetzten und in Verbindung mit namhaften französischen Intellektuellen 1948 ein wirkungsvolles "Comité français d'échanges avec l'Allemagne nouvelle" gründeten. Daneben setzte die französische Politik in der Besatzungszone geradezu auf das Primat einer kulturellen Präsenz Frankreichs in Deutschland, die sich unter anderem an der Gründung von zahlreichen Kulturinstituten wie auch von Universitäten bzw. Fachhochschulen (Mainz, Saarbrücken, Speyer) ablesen läßt. 

In Deutschland kam es bereits 1948 zur Konstituierung des Deutsch-Franzosischen Instituts in Ludwigsburg (DFI [6] ), eine private Initiative, die unter der Protektion von Politikern wie Carlo Schmid nach und nach öffentliche Funktionen übernahm. Eine institutionelle Entsprechung in Frankreich fand das DFI allerdings erst 1981, in Form des Centre d'Information et de Recherche sur l'Allemagne contemporaine (CIRAC [7] ). Die Rezeption des französischen Existentialismus in Deutschland, der anhaltende Einfluß Heideggers, Husserls und Nietzsches unter den französischen Philosophen, aber auch die Stellung von Deutsch als einer von den Eliten bevorzugten Fremdsprache im französischen Gymnasium sind Indikatoren einer zunächst noch weiter wirkenden aktiven kulturellen Auseinandersetzung mit dem Nachbarn. 

Abbildung 14:

Die Unterzeichnung des Elysée-Vertrags durch Bundeskanzler Adenauer und Staatspräsident de Gaulle am 22. Januar 1963 in Paris.

 

 

 

Internet-Quelle [8]

Der Deutsch-Französische Vertrag vom 22. Januar 1963 ("Elysée-Vertrag [9] ") setzte dann einen politischen Impuls, insofern man durch eine Reihe von kulturpädagogischen Maßnahmen wie Jugendaustausch, Städtepartnerschaften, Gründung von deutsch-französischen Gymnasien auf Dauer die Voraussetzungen dafür schaffen wollte, das Modell der Erbfeindschaft [10]  gewissermaßen von der Wurzel her auszutrocknen. Die langfristige Vertiefung des gegenseitigen kulturellen Verständnisses sollte generationsübergreifend in aufklärerisches politisches Kapital überführt werden. 

Interessanterweise spielten bei der Konzeption der deutsch-französischen "Aussöhnung" die jeweiligen Kenner der beiden Länder als Berater eine wichtige Rolle. Die Theorie des guten und des schlechten Deutschland wirkte noch in der französischen kommunistischen Linken weiter, wo man der Bundesrepublik gegenüber mißtrauisch blieb, dagegen in der DDR eine Verkörperung der demokratischen Traditionen der deutschen Geschichte erblickte. Entsprechend machten es sich Vereine wie "France-RDA" zur Aufgabe, die von der offiziellen französischen Politik benachteiligten Beziehungen zur DDR zu entwickeln, den Austausch von Schriftstellern und bildenden Künstlern zu fördern. Viele kommunistische Stadtverwaltungen schlossen Städtepartnerschaften mit Städten in der DDR. Doch blieben die entsprechenden Beziehungen, auch nach der Einrichtung eines Institut Francais in der Straße Unter den Linden und eines Kulturinstituts der DDR in Paris im Jahre 1982, auf die jeweiligen politischen Zirkel beschränkt und fanden in der breiteren Gesellschaft kaum Resonanz. Die einzige Ausnahme bildete die Literatur der DDR, die weitgehend übersetzt wurde und auch über das akademische Publikum hinaus Anerkennung fand. 

Die zivilgesellschaftlichen Kontakte zwischen Frankreich und der Bundesrepublik intensivierten sich zunehmend ab den 1960er Jahren. Schüleraustausch, Theater- und Konzerttourneen, Ausstellungsprojekte, der deutsch-französische Fernsehsender ARTE [11] , Kulturprogramme aller Art sind nur der sichtbare Teil einer Fülle von Initiativen, die auf den verschiedenen Ebenen des Bildungs- und Kultursektors von öffentlicher und privater Seite aus ergriffen wurden. Dabei ging es nicht mehr nur um die Austreibung der alten Feindbilder, sondern um konkrete neue Inhalte, gemeinsame Projekte, zunehmend auch um Vernetzung der Ausbildungsgänge vor allem im Hochschulbereich. Vieles, was in den 60er und 70er Jahren als Pionierleistung der kulturellen Zusammenarbeit gefeiert wurde, ist heute banaler Alltag geworden. 

Abbildung 15:

Der Deutsch-Französische Dialog ist heute eine wichtige Basis für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern

Internet-Quelle [12]

Zwei dunkle Punkte zeichneten sich indessen schon in der Blütezeit der Zusammenarbeit ab: der langsame, aber unaufhaltsame Rückgang der gegenseitigen Sprachkenntnisse, vor allem bei der Wahl der ersten Fremdsprache auf der Gymnasialstufe, und die zunehmende Lückenhaftigkeit der wechselseitigen Information auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften. Dabei ist das Bild je nach Fach verschieden. Während in der Philosophie, der Musikwissenschaft, teilweise auch in Geschichte und der Politikwissenschaft noch übersetzt wurde und die entsprechenden Disziplinen im großen und ganzen voneinander Kenntnis nahmen, hat sich die Situation in der Ökonomie und in der Soziologie, in der Geographie und den Rechtswissenschaften zu einer weitgehenden, vielfach Besorgnis erregenden Ignoranz hin entwickelt, die oft mit Desinteresse gekoppelt war. Daran hat sich auch bis heute kaum etwas geändert. Punktuell wurden zwar Verbesserungen erzielt, insbesondere durch die Einrichtung gemeinsamer Doktorandenausbildungsgänge seit 1988. Doch der Effekt dieser Maßnahmen wird erst langsam sichtbar und muss laufend durch neue institutionelle Impulse verlängert werden, wie die Schaffung der Deutsch-Französischen Hochschule [13] sowie der interdisziplinären Zentren in Berlin (Centre Marc Bloch [14] ), Göttingen (Mission historique française en Allemagne [15] ), Paris (Centre interdisciplinaire d'études et de recherches sur l'Allemagne = CIERA [16] ), der Frankreichzentren und -schwerpunkte in Leipzig, Freiburg, Saarbrücken, Berlin, Dresden u. dgl. m. Inzwischen ist indessen abzusehen, dass ein Teil der entsprechenden Einrichtungen zunehmend in europäische oder frankophone Netzwerke integriert und einiges von ihrer deutschfranzösischen Eigenart verlieren werden.