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Von der Anwerbung zur Zwangsrequirierung

Bis Sommer 1942 begnügten sich die deutschen Besatzer in Frankreich mit der Anwerbung freiwilliger Arbeitskräfte durch ca. 300 Werbestellen in beiden Zonen. Ab Juni 1942 konnten auch in französischen Dienststellen Verträge für Deutschland abgeschlossen werden. Außerdem waren verschiedene halboffizielle und private Werber auf Provisionsbasis tätig. Die hohe Arbeitslosigkeit bot in den ersten Monaten günstige Voraussetzungen für die Anwerbung.

Deutsches Werbebüro
    

 

 

Quelle VITTORI, Jean-Pierre: Eux les S.T.O., Paris: Messidor-Temps actuels, 1982

Mit der Reorganisation der Produktion - vor allem im deutschen Interesse und Auftrag - versiegte der Zustrom von Freiwilligen bei deutlich steigendem Arbeitskräftebedarf in Deutschland. Die propagandistischen Anstrengungen wurden daraufhin verstärkt und eine gezielte Lohn- und Arbeitszeit-Politik, sollte Arbeitskräfte freisetzen. Dabei spielten die frauen- und ausländerfeindlichen Komponenten der Vichy-Politik eine besondere Rolle. Die das Kontingent überschreitenden Ausländer wurden in geschlossenen Arbeitskolonnen (groupements de travailleurs étrangers) eingesetzt und so für einen Einsatz für die Deutschen in Frankreich (z.B. bei der Organisation Todt) oder in Deutschland eine leicht verfügbare Kategorie. Insgesamt enthielt die Gruppe der bis Ende März 1942 nach Deutschland angeworbenen Arbeitskräfte 20% Frauen und 23% Ausländer. Systematische Vorladungen von Arbeitslosen in die Vermittlungsbüros lassen Zweifel an der tatsächlichen Freiwilligkeit solcher Engagements aufkommen und in den Départements Nord-Pas-de-Calais kam es schon in der Anfangsphase der Besatzung zu Zwangsaushebungen und Razzien. Bis Ende März 1942 wurden insgesamt ca. 145.000 französische Arbeitskräfte nach Deutschland angeworben. Da aber Zehntausende ihre Verträge angesichts der Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht verlängerten, entsprach diese Anwerbung immer weniger dem sprunghaft ansteigenden Arbeitskräftebedarf im Reich, nachdem der geplante schnelle Sieg über die Sowjetunion im Winter 1941/42 gescheitert war und der Krieg in seine "totale Phase" eintrat.

Propagandabroschüre: "L'Aventure de Célestin Tournevis"
    
Quelle: BORIES-SAWALA, Helga, Franzosen im "Reichseinsatz" Deportation,  Zwangsarbeit, Alltag. Erfahrungen und Erinnerungen von Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern, Frankfurt/Main, Bern, New York: Lang 1996, Bd, 3, p. 140ff

Die nun einsetzende forcierte Politik der Arbeitskräfterekrutierung ist vor allem mit zwei Namen verbunden: dem Deutschen Fritz Sauckel, der am im März 1942 zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt wurde, und auf französischer Seite Pierre Laval, der zur gleichen Zeit wieder Regierungschef war. Im Frühsommer 1942 forderte Sauckel 250.000 französische Arbeitskräfte, davon 150.000 Facharbeiter. Die Verhandlungen zwischen Sauckel und Laval hatten zunächst eine deutlichere Unterstützung der Freiwilligenwerbung durch die Vichy-Regierung zum Gegenstand, die auch erfolgte. Vor allem ein deutsches Einlenken in der Kriegsgefangenenfrage, so ließ Laval die Deutschen wissen, sei dringend überfällig, um die Kollaborationsregierung in den Augen der Öffentlichkeit wieder glaubwürdiger zu machen. Gleichzeitig war Laval an der Beibehaltung des Prinzips zumindest formaler Freiwilligkeit interessiert.

Der "Kompromiss" zwischen Sauckel und Laval war die Vereinbarung über die Relève: 50.000 französische Kriegsgefangene sollten im Tausch gegen 150.000 Facharbeiter aus Frankreich in die Heimat entlassen werden. Dafür verpflichtete sich Vichy, die geforderten 250.000 Arbeitskräfte in eigener Regie zu rekrutieren. Im Endeffekt betrug das Verhältnis nicht 1:3, sondern 1:7, wobei die Deutschen vorwiegend ältere und weniger profitable Kriegsgefangene gegen junge französische Fachkräfte eintauschten. Politisch gesehen bedeutete das Engagement Lavals, selbst für die Rekrutierung der Arbeitskräfte zu sorgen, vor allem eine aktive Kollaborationspolitik. Es galt jetzt, unter Beweis zu stellen, dass Vichy sein Versprechen Deutschland gegenüber erfüllen und sich damit als privilegierter Partner im neuen Europa Hitlers empfehlen konnte. In seinem berühmten Aufruf zur Relève stellte Laval das freiwillige Engagement in Deutschland nicht nur als nationale Pflicht gegenüber den Kriegsgefangenen hin, sondern verstieg sich zu einem offenen Bekenntnis zum deutschen Endsieg.

Propagandaplakat für den Arbeitseinsatz in Deutschland:
"Sie geben ihr Leben (die deutschen Soldaten) gebt Ihr Eure Arbeit, um Europa vor dem Bolschewismus zu retten."

Das Thema der Arbeit in Deutschland als patriotische Verpflichtung wurde von der Propaganda auch in Radio und Film (Wochenschauen) aufgegriffen. Den propagandistischen Höhepunkt bildete die Inszenierung auf dem Bahnhof von Compiègne am 1.8.1942, bei der der erste Zug mit befreiten Kriegsgefangenen einen abfahrenden Zug freiwilliger Relève-Arbeiter kreuzte. Zu den werbepsychologisch weniger erfolgreichen Propagandaerzeugnissen [1] gehörten wohl die meisten Appelle zum antibolschewistischen Kampf an der Seite Deutschlands. Gewiss lag es jedoch nicht nur an ungeschickter Propaganda, wenn die Anwerbezahlen stark hinter Vichys Erwartungen zurückblieben. Statt der geforderten 150.000 waren zwischen Juni und Ende August erst 17.000 Facharbeiter verpflichtet worden.

Die vier Sauckel-Aktionen in Frankreich (1942-1944)
Insgesamt 1 625 000
Ca. 650 000
Deutsche Forderungen Französische Maßnahmen Ergebnisse

1. Sauckel-Aktion
(Juni-Dezember 1942)

Die „Relève“
(22.Juni 1942) 
250 000 Männer
(davon 150 000 Facharbeiter)
1. Zwangsmaßnahme
(4. September 1942)
240 000
(davon 135 000 Facharbeiter)
2. Sauckel-Aktion
(Januar – April 1943) 
STO-Gesetz
(16. Februar 1943) 
250 000 Männer
(davon 150 000 Facharbeiter)
250 259
(davon 135 000 Facharbeiter)
3. Sauckel-Aktion
(Mai-Oktober 1943) 
Strengere Anwendung und
Erweiterung des STO
240 000 105 610
(davon 135 000 Facharbeiter)
September 1943: Speer-Bichelonne-Vereinbarungen (Unterbrechung der Requirierung)
4. Sauckel-Aktion
(Januar-Juni 1944) 
Gesetz vom 1. Februar 1944:
Erweiterung des Gesetzes vom
4. September 1942,
„Auskämmungs“aktionen
1 Million Frauen und Männer zwischen 36 000 und
50 000

Modifiziert nach: Roger Frankenstein: Die deutschen Arbeitskräfteaushebungen in Frankreich und die Zusammenarbeit der französischen Besatzungsmacht in: Waclaw Dlugoborski: Zweiter Weltkrieg und sozialer Wandel, Göttingen 1981, p. 220

Sauckel erschien nun die Zeit für Zwangsmaßnahmen reif. In Frankreich sollte sein Erlass zur Zwangsrequirierung von Arbeitskräften am 1.September1942 in Kraft treten. Laval, der schon ein eigenes Gesetz zur Zwangsrekrutierung in der Schublade hatte, versprach, mit dem eigenen Verwaltungsapparat die deutschen Forderungen durchzusetzen. Die Deutschen konnten von einer solchen Berücksichtigung französischer Eitelkeiten nur Vorteile haben: sie ersparte ihnen viel Aufwand, bezog die bisher unbesetzte Zone als Arbeitskräftereservoir mit ein und besiegelte die Komplizenschaft Lavals. Das "Zugeständnis", die auf diese Weise Requirierten formal als Freiwillige zu betrachten und die Facharbeiter unter ihnen im Rahmen der Relève für die Freilassung von Kriegsgefangenen anzurechnen, wurde von Vichy als großer Verhandlungserfolg herausgestellt. Die Loi relative à l'utilisation et à l'orientation de la main-d'oeuvre trat am 4.9.1942 in Kraft. Neben einer zentralistischen Reglementierung des Arbeitsmarkts mit weitreichenden staatlichen Eingriffsmöglichkeiten führte sie eine generelle Arbeitspflicht für Männer und die Möglichkeit der Zuweisung von Zwangsarbeit für alle Männer zwischen 18 und 50 sowie für alle ledigen Frauen zwischen 21 und 35 ein Dieses Gesetz blieb auch für die späteren Requirierungsmaßnahmen die entscheidende Grundlage.

Das Instrumentarium der Einberufungen war äußerst effektiv. Auf zentraler und regionaler Ebene legten commissions mixtes franco-allemandes Kontingente fest, die die Betriebe in namentlichen Listen umsetzten. Die Betroffenen wurden daraufhin von der französischen Gendarmerie zur "freiwilligen" Verpflichtung für die Relève einberufen. Die Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag war eine pure Formalität, wurde sie verweigert, unterschrieb der zuständige französische Beamte. Als sich im Oktober abzeichnete, dass die Zahlen stark hinter den Erwartungen zurückblieben, wurden die Deutschen auch angesichts des wachsenden Widerstands gegen die Requirierungen nervös und erwogen eigene Zwangsmaßnahmen. In der Tat wechselten Teile der Bevölkerung allmählich ins gegnerische Lager. Und es gab Beispiele von Protest und offenen Widerstand gegen die Requirierungen, vor allem aus der Südzone. In einzelnen Fällen kam es sogar zu massiven Verweigerungen. Anstelle derer, die sich der Abreise nach Deutschland entzogen hatten, wurden jedoch in den Betrieben kurzerhand die Listen mit neuen Namen aufgefüllt.

Beispiel eines Arbeitsvertrages.
Die Unterschrift war eine pure Formalität. Wurde sie verweigert, unterschrieb der zuständige französische Beamte.
    
Quelle: Privatsammlung Bories-Sawala

Insgesamt wurden die deutschen Forderungen der 1. Sauckel-Aktion sowohl quantitativ wie qualitativ voll erfüllt: bis zum Jahresende waren es 239.763 Arbeiter insgesamt, davon 137.410 Facharbeiter, davon nur ein Bruchteil Freiwilliger. Die Deutschen hatten nun bis auf weiteres nichts dagegen einzuwenden, dass Vichy die Rekrutierung von Arbeitskräften für Deutschland in eigener Regie betrieb. Welch geringen Stellenwert aber ansonsten die Rücksichtnahme auf französische Empfindlichkeiten in der deutschen Politik hatte, hätten Laval und Pétain spätestens klar erkennen müssen, als Hitler in eben diesem Herbst 1942, am 11. November, kurzerhand die Zone libre besetzen ließ. Die weiteren Maßnahmen der Arbeitskräfterekrutierung, wie ja auch schon die Septembergesetze, galten nun ohnehin für das gesamte französische Territorium. Die freiwillige Anwerbung ging jedoch mit dem Übergang zur Zwangsrekrutierung durchaus noch weiter. Für alle französischen Zivilarbeiter, gleich ob angeworben oder requiriert, galt im übrigen von deutscher Seite der gleiche Status. Es dürften aber eher wenige Franzosen 1943 oder 1944 noch freiwillig gegangen sein, zumal sich die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte und die schlechten Arbeitsbedingungen schon herumgesprochen hatten. Für französische Frauen kam es bis zum Kriegsende nicht zu einer Zwangsrequirierung, obwohl das Gesetz vom 4.September 1942 die Handhabe dazu bot. Solche Maßnahmen waren zwar geplant, aber die Befreiung Frankreichs kam ihrer Anwendung zuvor.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der "1. Sauckel-Aktion" am Jahresende 1942 war die Atempause für die Requirierung von zivilen Arbeitskräften aus Frankreich nur von kurzer Dauer. Bereits im Januar 1943 stellte Sauckel erneute deutsche Forderungen von 250.000 Arbeitskräften bis zum 15.3.1943, also 4.500 täglich. Nunmehr wurde die Idee einer Statusumwandlung der Kriegsgefangenen in die Praxis umgesetzt und zu propagandistischen Zwecken verwendet: für jeden französischen Zivilarbeiter, der in Deutschland Arbeit aufnahm, erhielt ein Kriegsgefangener vor Ort Zivilarbeiterstatus. Bei Lichte besehen, gewann Deutschland allerdings doppelt: es erhielt Arbeitskräfte und sparte Wachpersonal ein.

Die von Vichy zugesagten 250.000 Zivilarbeiter sollten nunmehr nach einem anderen Requirierungsverfahren aufgebracht werden. Die "Loi du 16 février portant institution du Service du Travail Obligatoire" sah eine Arbeitsdienstpflicht für alle erwachsenen männlichen Franzosen vor. Zunächst betroffen waren die Jahrgänge 1920, 1921 und 1922. Dass nun nicht mehr ausschließlich Industriearbeiter verpflichtet wurden, wurde dabei von Vichy als Gebot sozialer Gerechtigkeit propagiert. Außerdem sollte das Prinzip der allgemeinen und jahrgangsweisen Einberufung junger Männer und die vorgesehene Dauer von 2 Jahren die Arbeitspflicht in die Nähe des (fortgefallenen) Wehrdienstes rücken und als nationale Pflicht erscheinen lassen. So argumentierte auch der Handzettel, den die Einberufenen erhielten.

Die deutsche wie die französische Propaganda warb außerdem mit hohen Löhnen und zeichnete ein Bild vom Leben der ausländischen Arbeitskräfte in Deutschland, das fast vergessen lässt, dass das Land sich im "totalen Krieg" befand. Dezidiert ideologisch wird weiterhin für den antibolschewistischen Kampf an der Seite Deutschlands geworben, sogar im Namen eines sozialistischen Ideals, das von der Sowjetunion verraten worden, in Hitlers Deutschland dagegen seiner Realisierung zum Greifen nahe sei. Sogar Hitler wird nun als armer Sohn des Volkes herausgearbeitet. Allerdings sei der Sozialismus in Deutschland schon Realität. Davon geht auch Sauckel in seiner emphatischen Rede vor französischen Arbeitern im Oktober 1943 aus, an deren Ende er nach erfolgreichem gemeinsamen Kampf für den Sozialismus ein "Europa der europäischen Arbeiter" verspricht.

Gauleiter und Reichsstatthalter Fritz Sauckel, ab 1942  Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz
    
Quelle: Dr. Friedrich Didier, „Europa arbeitet in Deutschland", Berlin 1943
In mehrere Sprachen übersetzte Broschüre. Nach dem Geleitwort Sauckels folgen mehr als hundert Seiten erbaulicher Text und schöne Bilder.

Ein praktischer Effekt auf das Ergebnis der Rekrutierungen konnte aber ohnehin nicht von dieser Propaganda , sondern nur durch eine Intensivierung der Zwangsmaßnahmen erwartet werden. Und diese ließen den innenpolitischen Kredit der Vichy-Regierung zusehends schwinden. Die Rekrutierungspolitik Vichys zeichnete sich während dieser 2. Sauckel-Aktion durch außerordentliche Entschiedenheit und Geschwindigkeit aus, in der richtigen Einschätzung, dass darin ihre letzte Chance lag, den Wettlauf gegen den zunehmenden Widerstand zu gewinnen. Ende März 1943 waren die deutschen Forderungen erfüllt, und am 25.4.1943 lautete die Bilanz der 2. Sauckel-Aktion: 269.100 Arbeiter insgesamt, davon 165.463 Facharbeiter. Dieser überwältigende Erfolg zu beruhte indes nicht nur auf den neuen Maßnahmen, sondern auch auf der fortgesetzten Praxis der betrieblichen Requirierungen. Der Personenkreis der so zur Zwangsarbeit Verpflichteten konzentrierte sich weiterhin im Kern auf Industriearbeiter und umfasste einen viel weiteren Personenkreis als den der drei Jahrgänge, die unter das STO-Gesetz fielen.

Die dritte Sauckel-Aktion schloss dann übergangslos an die zweite an, nicht jedoch an ihren Erfolg. Als die Deutschen am 23.4.1943 ihre neuen Forderungen vorlegten: 120.000 Arbeitskräfte im Mai, weitere 100.000 für Juni, blieb den jungen Franzosen nicht viel Zeit zum Untertauchen. Diesmal, wie auch bei den folgenden deutschen Forderungen, verwendeten Laval und Sauckel keine Mühe darauf, die neuen Zwangsrequirierungen mit "deutschen Zugeständnissen" zu verbrämen. Ende Mai wurden die Ausnahmeregelungen für den Jahrgang 1922 vollständig aufgehoben, auch der Aufschub für die Studenten galt für diesen Jahrgang nicht mehr. Dies bedeutete vor allem die schlagartige Requirierung fast aller 1922 geborenen Jugendlichen, die zu diesem Zeitpunkt in den Chantiers de la Jeunesse der Südzone waren.. Mit der Einführung der carte du travail am 31.5.1943 sollte eine möglichst lückenlose Erfassung aller STO-Dienstpflichtigen erreicht werden und die Fahndung nach säumigen STO-Dienstpflichtigen wurde mit verstärkter polizeilicher Repression, Fahndungslisten, Razzien in Kinos, Kneipen, auf Bahnhöfen, bei Straßensperren etc. intensiviert, bei der immer größere Teile der staatlichen Organe Vichys, vor allem der Polizeiapparat, in den Sog der Arbeitskräfterequirierung für die Besatzungsmacht gerieten.

Die deutschen Forderungen waren noch nicht erfüllt, als Sauckel am 6.8.1943 weitere 500.000 Arbeitskräfte, davon 200.000 Frauen, bis zum Jahresende 1943 forderte, dazu noch Umbesetzungen innerhalb Frankreichs zugunsten der direkt für die deutsche Wehrmacht produzierenden Betriebe in der Größenordnung von 1 Million Arbeitskräften. Angesichts der Realitäten rechnete Laval vor, dass schon rund 2.558.000 Franzosen direkt im Dienste der deutschen Rüstungsproduktion im Einsatz wären. Aber auch die zugesagten 60.000 Arbeitskräfte konnte er nicht mehr liefern. Die Requirierung war praktisch seit Ende Juli zum Erliegen gekommen. Am 1.9. wurde zwar der Jahrgang 1923 dem STO unterworfen und das Ausscheren Italiens aus der Allianz mit Hitler am 8.9.943 bedeutete für die in Frankreich lebenden Italiener den Verlust des Schutzes vor Zwangsrequirierung. Dennoch blieb die Bilanz aus Lavals und Sauckels Sicht mager.

Demonstration am Bahnhof von Romans. Dieses Photo ist besonders bekannt geworden und wird immer wieder zitiert. Hier versuchten im Sommer 1943 Demonstranten, die Abfahrt eines Zuges mit Wurfgeschossen zu verhindern. Der gewaltsame Protest steigerte sich bis zum gezielten Attentat auf Personen. Am 28.9.1943 wurde der Sonderbeauftragte Sauckels in Frankreich, Präsident Ritter, in Paris ermordet
    
Quelle: Franc-Tireur 20.3. 1943

Die Einführung des STO [2] war einer der entscheidenden Gründe dafür, dass sich in der französischen Bevölkerung nicht nur die Ablehnung gegenüber der deutschen Besatzung verschärfte, sondern auch gegenüber der Vichy-Regierung und ihrer immer offeneren Kollaborationspolitik. Die Widerstandsbewegung gewann 1943 an Unterstützung, Stärke und Struktur. Es kam an mehreren Orten auf Bahnhöfen zu öffentlichem Protest und tumultartigen Szenen bei der Abfahrt von Requirierten). Mit dem wachsenden Widerstand gegen den STO und mit dem Entstehen von Maquis stieg auch die Chance jedes einzelnen Zwangsverpflichteten, sich der Verbringung nach Deutschland zu entziehen. Als es im Sommer aber relativ leicht und naheliegend geworden war, unterzutauchen, war das Gros der Requirierten aber schon in Deutschland; für die Masse kamen die Maquis zu spät. Die These der Maquis als der "Armee Sauckel" muss auch insofern differenziert werden, als längst nicht alle Verweigerer sondern nur ca. 20% tatsächlich in den Maquis gingen. Daneben konnte man individuell auf dem Lande untertauchen oder Unterschlupf in von der Requirierung ausgenommenen Wirtschaftszweigen (Landwirtschaft, Bergbau), Berufen (Polizei, Feuerwehr) und Betrieben finden (sog. "S-Betriebe", die direkt für die deutsche Rüstungsproduktion arbeiteten). Den meisten Arbeitsdienstpflichtigen ging es nicht darum, einen Beitrag zum deutschen Sieg, sondern schlicht die Verschickung nach Deutschland zu vermeiden. Ein Unternehmer, der sich mit seinem Betrieb für die Einstufung als "S-Betrieb" regelrecht "bewarb", braucht sich dessen im öffentlichen Ansehen heute noch nicht zu schämen. Ein Opfer der Requirierung jedoch, das der STO unfreiwillig nach Deutschland verschlug, steht noch heute wegen dieser "Kollaboration" im Zwielicht.

Der wachsende französische Widerstand gegen die Zwangsrequirierungen von Zivilarbeitern nach Deutschland hatte großen Anteil daran, dass die 3. Sauckel-Aktion im Spätsommer 1943 praktisch zum Stillstand kam. Gleichzeitig waren aber die Reserven an Arbeitskräften ausgeschöpft. Die "leichte Beute" der Requirierungsmaßnahmen war bereits in Deutschland und die Deportationen gerieten zusehends in Konflikt mit der Leistungsfähigkeit der für Deutschland arbeitenden französischen Industriebetriebe. So setzte sich im Herbst 1943 Rüstungsminister Speer mit seinen Vorstellungen durch und Deutschland verzichtete auf weitere Rekrutierung französischer Arbeitskräfte ins Reich. Die Atempause war jedoch nicht von langer Dauer. Im Januar1944 erteilte Hitler wiederum Sauckel den Auftrag, noch 4 Millionen Arbeitskräfte ins Reich zu holen, davon 1 Million aus Frankreich. Darauf reagierte die Vichy-Regierung am 1. Februar mit dem Erlass eines neuen Gesetzes, das die Arbeitsdienstpflicht auf alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren und alle kinderlosen Frauen von 18 bis 45 Jahren ausdehnte. Vorsorglich registriert wurden die Unverheirateten jeden Alters, die bisher von der STO ausgenommenen Landwirte des Jahrgangs 1923, alle Studenten und schließlich der gesamte Jahrgang 1925. Am effektivsten hatte sich die direkte Requirierung aus den Betrieben heraus erwiesen - zu ihr kehrte man nun zurück. Eine in deutschem Sold stehende, bewaffnete und mit Polizeivollmachten ausgestatteten Eingreiftruppe von ca. 5000 französischen Kollaborateuren führte nun Razzien nach réfractaires durch, die sich mit der Jagd auf die résistants vermischten und es kam vor, dass Arbeitskräfte willkürlich in Konzentrationslager verschleppt wurden. Die 4. Sauckel-Aktion mündete schließlich in die mit alliierten Landung in der Normandie einsetzende Befreiung Frankreichs und endete tatsächlich je nach der lokalen militärischen Situation. Die Bilanz der 4. Sauckel-Aktion erbrachte jedenfalls statt der angestrebten Million in der ersten Jahreshälfte ca. 40.000 Arbeitskräfte, darunter die Hälfte Freiwillige, vermutlich französischen Kollaborateure auf der Flucht, aber auch Zwangsrequirierte der letzten Stunde.

Aufs Ganze gesehen muss die Sauckelsche Arbeitskräfterequirierung wohl als im Sinne der deutschen Kriegswirtschaft erfolgreiches Unterfangen gewertet werden. Wenn schließlich nicht noch mehr Arbeitskräfte aus Frankreich requiriert wurden, lag dies zum einen am Widerstand der Bevölkerung, zum anderen daran, dass sich punktuell eine andere Linie der deutschen Rüstungsinteressen durchsetzte, die die Produktion an Ort und Stelle in den "Speer-Betrieben" favorisierte. Die deutschen "Zugeständnisse" stellen alle, bei Lichte besehen, einen mehr als günstigen Kaufpreis für die effektive Requirierung unter französischer Regie dar. Im wesentlichen erhielt Vichy für seine Willfährigkeit von den Deutschen die Aufrechterhaltung des Anscheins einer Souveränität, allerdings auch nur, soweit dies deutschen Interessen mehr nützte als schadete. Der Ausgang des Krieges machte schließlich die erhoffte Rolle des Juniorpartners in einem Europa unter deutscher Führung obsolet. Die Vichy-Regierung hatte beharrlich auf das falsche Pferd gesetzt.