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'Qualitativer Befund: Die Deutschen Motive für die Annexion des Elsass und Lothringens'
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Qualitativer Befund: Die Deutschen Motive für die Annexion des Elsass und Lothringens
Die deutsche Geschichtswissenschaft geht unisono von zwei wesentlichen Motiven auf deutscher Seite für die Annexion aus: Zum einen habe eine nationale Hochstimmung in der Öffentlichkeit eine Abtretung zumindest des Elsass geradezu erzwungen, zum anderen sei Elsass und Lothringen als Glacis mit wichtigen Festungen aus militärisch-strategischen Erwägungen annektiert worden. Die These, Bismarck habe die nationalistische Presse im Hinblick auf die Annexion gesteuert, wird heute durchgehend abgelehnt und auch kaum mehr erörtert.
Umstritten, wenn auch mittlerweile nur noch in Nuancen, ist die Rolle, die Bismarck selbst in der Annexionsfrage gespielt hat. Die neuere deutsche Forschung weist ihm unter Verweis auf einschlägige Aussagen einen Großteil der Verantwortung für die Entscheidung zur Annexion zu. In zunehmendem Maße wird davon gesprochen, Bismarck habe von vornherein die Dauerhaftigkeit des Konflikts mit Frankreich auch nach dem Krieg von 1870/71 angenommen, weshalb Deutschland zur Befriedigung seines Sicherheitsbedürfnisses in eine möglichst günstige strategische Lage versetzt werden sollte (so z.B. KOLB, Weg aus dem Krieg). STÜRMER, Reich, hingegen sieht in Bismarcks Frankreich-Politik "eine sich selbst erfüllende Prophezeiung", die er wahrscheinlich auch erkannt habe, ohne sich jedoch gegen die Militärs durchsetzen zu können. Letztere - früher häufiger geäußerte - Ansicht verdankt ihren Ursprung laut GALL, Bismarck, jedoch dem publizistischen Bestreben, Bismarcks Verantwortung an der Annexion in dem Maße gering zu reden, wie sich diese für das Deutsche Reich als außenpolitisch äußerst nachteilig, ja verhängnisvoll erwies.
Bei NIPPERDEY, Machtstaat, und STÜRMER, Reich, findet sich zusätzlich auch noch das jetzt kaum mehr genannte Argument, Bismarck habe mit der Schaffung des Reichslandes Elsass und Lothringen auch im Sinn gehabt, durch die ‚Rückkehr' eines ‚deutschen Stammes' und die gemeinschaftliche Sorge für diesen durch die deutschen Einzelstaaten die deutsche Einigung voranzutreiben. KOLB, Weg aus dem Krieg, u.a. weisen solche Annahmen vehement zurück und dürften damit die Mehrheitsmeinung wiedergeben. Die meisten Historiker sprechen hinsichtlich der Motive für die Annexion überhaupt nur von dem nationalistischen und dem strategischen Moment.
Französische Historiker schenken den deutschen Beweggründen für die Annexion generell wenig Aufmerksamkeit. Sie wird zumeist bloß als Folge des für die Deutschen erfolgreichen Krieges und Arrondierung des Reichsgebiets behandelt und vor allem als unrechtmäßig angesehen, da sie gegen den sichtbaren Willen der mehrheitlich frankophilen Bevölkerung erfolgte und Frankreich aufgezwungen wurde. Gelegentlich werden von der französischen Seite auch wirtschaftliche Erwägungen Preußen-Deutschlands als Annexionsgrund vermutet, was in Deutschland etwa STÜRMER, Reich, ablehnt. Man darf davon ausgehen, dass es in Frankreich nach wie vor wenig Verständnis für den deutschen Nationenbegriff gibt, der in den Elsässern einen ‚deutschen Stamm' sah, den es (auch gegen seinen Willen!) zu ‚befreien' galt.
Das Verhältnis der Bevölkerung des Reichslandes zum Deutschen Reich
Die deutsche Geschichtsschreibung im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts verweist einhellig darauf, dass die Annexion des Elsass und Lothringens gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit vollzogen wurde und daher von Beginn an auf Widerstand stieß. Überhaupt gehört das problematische Verhältnis der Elsässer und Lothringer zum Kaiserreich zu denjenigen Aspekten der Reichslandzeit, denen in der Forschung am meisten Aufmerksamkeit zuteil wird.
Vor diesem Hintergrund wird die Annexion als ein politischer Fehler dargestellt, da neben dem Misstrauen der Elsässer und Lothringer natürlich vor allem auch die stets heikle Beziehung Deutschlands zu Frankreich in Rechnung zu stellen ist, wo der Revanchegedanke hochgehalten wurde. Für viele in der Substanz ähnliche Zitate steht das folgende aus ULLRICHs Bismarck-Biographie: [7]
"Zweifellos war der Annexionsentschluß ein schwerer Fehler, vielleicht der schwerste in Bismarcks Laufbahn überhaupt, weil er nicht nur den Widerstand der französischen Bevölkerung erst recht anfachte, sondern die Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich über den Krieg hinaus dauerhaft verfestigte."
Dass für das Elsass und Lothringen 1871 zunächst noch Abgeordnete in die französische Nationalversammlung gewählt wurden und diese sich vehement für einen Verbleib ihrer Heimat bei Frankreich aussprachen, findet allerdings fast nur auf französischer Seite Erwähnung. Dies gilt auch für die Tatsache, dass bereits 1871/72 ca. 100.000 Personen, vor allem aus Lothringen, vom Recht der Option für Frankreich Gebrauch machten und auswanderten. CARON bemerkt in diesem Zusammenhang: "Dieser Exodus stellte eine erste Episode auf dem Leidensweg Elsaß-Lothringens dar, der Frankreich bis 1914 beschäftigen sollte". [8]
Verstärkt herausgearbeitet wird in den letzten Jahren freilich auch, und zwar in Frankreich ebenso wie in Deutschland, dass die elsässische Bevölkerung sich in ihrer Mehrheit allmählich durchaus dem Kaiserreich zugehörig fühlte, und zwar stärker, als dies früher angenommen wurde (dies ist auch die wichtigste Erkenntnis, die HIERY, Reichstagswahlen, aus der Analyse der Reichstagswahlergebnisse des Reichslandes zieht). Zur allmählichen Entfremdung von Frankreich trug dabei vor allem auch der Antiklerikalismus der III. Republik bei, wie u.a. LE ROY LADURIE, Histoire, ausführt. Gültigkeit besitzt somit das Resümee, das KOLB 1993 in Bezug auf eine Tagung des Deutsch-italienischen Historischen Instituts in Trient zum Thema "Grenzregionen im Zeitalter der Nationalismen. Elsaß-Lothringen / Trient-Triest, 1870-1914" zog: [9]
"Was das Reichsland anbetrifft, so läßt sich die gängige Meinung dahingehend beschreiben, die Integrationspolitik [sc. des Kaiserreichs] sei schlechthin gescheitert, die Bevölkerung Elsaß-Lothringens sei unversöhnt geblieben mit der 1871 erfolgten Abtrennung von Frankreich, sie habe infolgedessen begeistert die Rückkehr zu Frankreich im Jahre 1918 begrüßt. Die Referate auf dieser Tagung in Verbindung mit weiteren neueren Forschungen zwingen dazu, diese Beurteilung zu modifizieren. Es läßt sich zeigen, daß die Integrationspolitik zumindest Teilerfolge verzeichnen konnte, es gelang der deutschen Politik, vor allem ab 1890, zu erreichen, daß sich die Mehrheit der reichsländischen Bevölkerung mit der Zugehörigkeit zum Deutschen Reich abfand. Erst die rigorose Repressionspolitik während der Kriegsjahre, in denen die Militärbehörden ja eine unbeschränkte Militärherrschaft ausübten, führte zu einem Sinneswandel in der Bevölkerung, machte die in zwei Jahrzehnten mühsam erzielten Erfolge der Integrationspolitik auf einen Schlag zunichte."
Dass es im Elsass und in Lothringen neben der pro-französischen Protestbewegung, die bis etwa 1890 tonangebend war, auch eine Autonomiebewegung gab, die bereit war, für eine Verbesserung der politischen Situation des Reichslandes innerhalb des Deutschen Reiches einzutreten, und die insbesondere im Elsass in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg Zulauf hatte, wird französischerseits etwa - bei unterschiedlicher Nuancierung - von POIDEVIN u. BARIÉTY, Frankreich und Deutschland, BAECHLER, Verhalten, und MAYEUR, mémoire-frontière, ausführlich behandelt.
ROTH, Lothringen, stellt auch für die Lothringer eine wenn auch sicherlich nicht so weitgehende Identifizierung mit dem Deutschen Reich fest, die freilich infolge der Zabern-Affäre 1913 nachhaltig infrage gestellt worden sei. Letzteres wird immer wieder auch für das Elsass namhaft gemacht. Insgesamt seien Versuche, dem Reichsland eine fortschrittlichere Verfassung und mehr Autonomie zu gewähren, zu spät und nur halbherzig unternommen worden, so dass doch die Einschätzung überwiegt, die Rückkehr zu Frankreich 1918 sei von der Bevölkerung des Elsass und Lothringens überwiegend begrüßt worden oder zumindest auf wenig Widerstand gestoßen.
Die Idee der "petite patrie" Elsass(-Lothringen) als Brücke zwischen Frankreich und Deutschland, wie sie mit der Zeit von vielen Reichsland-Bewohnern verinnerlicht worden ist, wird vor allem auf französischer Seite thematisiert, jedoch kaum in Deutschland (eine Ausnahme stellt FISCH, Nation, dar). POIDEVIN u. BARIÉTY, Frankreich und Deutschland, etwa betonen das veränderte Nationalgefühl der Bevölkerung des Reichslandes, die sich "nicht mehr als französische Staatsbürger und noch nicht als Deutsche, sondern als Elsässer oder Lothringer" [10] fühlten (siehe z.B. auch TROUILLET, Elsass, der ein ausgeprägtes kulturelles Sonderbewusstsein der Elsässer für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ausmacht, oder ROTH, Lothringen, der aufzeigt, dass ein wirkliches Regionalbewusstsein im Elsass und in Lothringen gerade erst im Zwiespalt zwischen Deutschland und Frankreich entstanden ist).
Die Annexion des Elsass und Lothringens und der Weg in den Ersten Weltkrieg
Einhellig sieht die deutsche und französische Forschung in der Annexion eine wichtige Ursache für die von Beginn an vorhandenen, anhaltenden und trotz aller Versuche Bismarcks nicht mehr zu beseitigenden Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland, die ihrerseits einen ganz wesentlichen Grund für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs darstellen. Niemand scheint aber so weit gehen zu wollen, in der Annexion Elsass und Lothringens einen unmittelbaren oder gar den Hauptgrund für den Kriegsausbruch 43 Jahre später zu sehen. BAECHLER, Verhalten, glaubt allerdings, dass die überaus wichtige Rolle, die Elsass und Lothringen für Deutschland wie für Frankreich spielte, den Ersten Weltkrieg auf jeden Fall verlängert habe.
Hinweise
Wilfried FORSTMANN, Rezension von: François-Georges DREYFUS, Histoire de l'Alsace, Paris 1979, in: HZ, Bd. 234 (1982), S. 627 f., hier: S. 627.
HIERY, Reichstagswahlen, S. 18 f.
Ebd., S. 19.
GALOS, Adam: Nacjonalizm, racja stanu i wzgledy strategiczne: Sprawa aneksji Alzacji i Lotaryngii w 1870 roku w nowszej historiografii, in: Slaski kwart. hist. Sobótka, Jg. 51 (1996), S. 255-261 (dt. Übers. d. T.: "Nationalismus, Rechtsstatus und strategische Rücksichten. Zur Annexion Elsaß-Lothringens 1870 in der neuesten Geschichtsschreibung").
VON ARETIN, Erziehung, S. 92, Anm. 12.
ULLMANN, Politik, S. 2, 40 u. 42.
ULLRICH, Bismarck, S. 93.
CARON, Frankreich, S. 241 f.
KOLB, Elsaß-Lothringen / Trient-Triest, S. 303.
VON ARETIN, Erziehung, S. 112.