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'Neue räumliche Identifikationsmuster - auf welcher Ebene?'
 
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Neue räumliche Identifikationsmuster - auf welcher Ebene?

Nun geht es aber um den Aufbau einer "Region", definiert als eine sozio-ökonomisch verflochtene, weitgehend homogene und auch abgrenzbare Raumeinheit. Wenn die genannten Aktivitäten dabei wirklichen Erfolg haben wollen, benötigen sie nicht zuletzt ein Minimum an Resonanz in breiten Teilen der Bevölkerung. Die Bewohner des Raums müssen sich mit diesem und folglich auch mit seinem Namen "Saar-Lor-Lux" identifizieren. Sie müssen sich ein bisschen in "ihrer" Region fühlen, ein gewisses "Wir-Gefühl" entwickeln. Hier aber liegt ein neuralgischer Punkt. In seiner Dissertation über die Wahrnehmung der Grenze und des Grenzraums zwischen dem Saarland und Lothringen sieht Riedel (1994) diese Identität als nur sehr gering ausgeprägt. Man darf sogar behaupten, dass so mancher nicht weiß, was das "Lor" in Saar-Lor-Lux bedeutet. Anders ausgedrückt: "Ein Haus der Großregion, ein Generalsekretariat für den Wirtschafts- und Sozialrat, eine Beobachtungsstelle für den interregionalen Arbeitsmarkt stiften keine Identität und helfen auch den Menschen in der Großregion nicht, kosten aber Steuergelder" (Helmut Wyrwich, Saarbrücker Zeitung, 12. 11. 2001).

Im Grunde kann dieser geringe Grad an Identität nicht verwundern, wenn man sich die noch nicht weit zurückliegenden Feindseligkeiten, die sprachlichen und kulturellen Unterschiede und die "Grenzen in den Köpfen" vergegenwärtigt. Um diese Barrieren zu überwinden, sind also noch erhebliche Anstrengungen notwendig. Dazu gehört nicht zuletzt eine einheitliche und verständliche Politik, angefangen mit einer einheitlichen Definition und Abgrenzung des Raumes "Saar-Lor-Lux". Diesen heute schon verbreiteten und einprägsamen Begriff liest und hört man täglich - wie anfangs gesagt schon im Wetterbericht - nur: in welchem Raum eigentlich die Sonne scheinen wird (oder nicht), weiß keiner so recht. Denn wenn dort die Rede ist von "in Saar-Lor-Lux und Rheinland-Pfalz", so ist man sich offensichtlich nicht bewusst, das Letzteres doch Teil des Ersteren ist. Selbst von einem leitenden Mitarbeiter einer Saar-Lor-Lux - Institution wurde dem Verfasser gestanden, man wisse gar nicht genau, wie man überhaupt heisse.

In der Tat herrscht hier alles andere als Klarheit: Zunächst nannte man das Gebiet der Regionalkommission schlicht "Saar-Lor-Lux". Dann aber stießen sich die nicht erwähnten Teilbereiche genau daran, dass sie nicht erwähnt wurden - also hieß die Regionalkommission [1] fortan "Saar-Lor-Lux-Trier-Westpfalz [2] ". Nachdem man den Raum de facto um die belgische Provinz Luxembourg erweitert hatte (s.u.), sprach man von "Saar-Lor-Lux +", was sich noch heute z. B. im Verkehrsverbund Rail Saar-Lor-Lux+ [3] wiederfindet. Als der ursprüngliche "Grenzraum" plötzlich auch noch ganz Wallonien und ganz Rheinland-Pfalz umfasste, hieß er folgerichtig, bis heute, "Saar-Lor-Lux-Rheinland-Pfalz-Wallonie". Und es wird weiter experimentiert: der Wirtschaftsminister des Saarlands schlägt "Mosel-Region" vor, sein Ministerpräsident Peter Müller ruft dazu auf, einen neuen Namen zu kreieren, obwohl sich der griffige Ausdruck "Saar-Lor-Lux" längst, auch über die Grenzen hinaus, als Begriff etabliert hat. Dementsprechend scheint im Jahre 2002 ein öffentlicher Wettbewerb, das bereits populäre "Saar-Lor-Lux" durch eine originelle Neubenennung zu ersetzen, im Sande zu verlaufen. Ob mit irgendeinem dieser Namen geschmückte Anstecker, Kalender oder Briefmarken zur Popularisierung nennenswert beitragen, darf bezweifelt werden, vor allem, wenn keine Einheitlichkeit herrscht. Zur allgemeinen Verwirrung wird zusätzlich beigetragen durch den inoffiziellen Gebrauch des Begriffs in Reklame oder Publikationen, wie z.B. durch den "Regioguide Saar-Lor-Lux" für Restaurants und Weine, der jedoch nur das Saarland, Luxemburg und die Departements Moselle und Meurthe-et-Moselle erfasst.

Ebensowenig ist man sich über die Bezeichnung der Raumeinheit einig: Eine "Konferenz / Conférence"?, ein "Rat / Conseil"? Die Kennzeichnung "Großregion", in Verbindung mit der Aufzählung aller Teilräume, scheinen nur die Luxemburger zu lieben, wohl in Anklang an ihr Großherzogtum. Gegen die nächstliegende Bezeichnung, nämlich schlicht "Region / région", sperren sich in Frankreich die Zentralisten, die jeden Anflug von Regionalismus fürchten und zu allem Überdruss den Alptraum Korsika im Nacken haben.

Abbildung 26-28:

Unterschiedliche Abgrenzungen des Saar-Lor-Lux-
Raumes

Quelle: Schulz/Brücher, 1997

Aus der babylonischen Namensverwirrung wird bereits deutlich, dass es auch über die Abgrenzung des betroffenen Raumes keine einheitliche Meinung geben kann. Auch hier bieten sich verschiedene Konzeptionen an:

  1. Abb. 26: Zunächst denkt man nur an die im Namen Beteiligten, nämlich "Saarland-Lothringen-Luxemburg", mit dem traditionellen Montandreieck als Kern
  2. Abb. 27: Um die genannten Teile von Rheinland-Pfalz erweitert, wird dieser zum Gebiet der Regionalkommission "Saar-Lor-Lux-Trier-Westpfalz", mit offiziellen Vertretern der beteiligten Territorien. An diesem Gebiet, mit einer Fläche, wie gesagt, von 37.000 km² und 5 Mio. Einwohnern, hat sich dieser Beitrag bisher orientiert.
  3. In dieser Abgrenzung fehlt offiziell noch immer, vermutlich wegen ihres zu geringen Autonomiegrades, die belgische Provinz Luxembourg. Ehemals zum Herzogtum Luxemburg gehörend, ist sie aus historischen und wirtschaftsgeographischen Gründen eindeutig zum Saar-Lor-Lux-Raum zu rechnen. Diese Konzeption wird in der "Pilotstudie" zu einem Saar-Lor-Lux-Atlas von Geographen der Universitäten Metz und Saarbrücken vertreten (vgl. Brücher et al. 1982). Es gibt zwar eine faktische Kooperation mit der Regionalkommission unter der bereits erwähnten Bezeichnung "Saar-Lor-Lux +" (s.o., Abb. 8), aber keine vertragliche Grundlage über die Zusammenarbeit (vgl. Moll 2001...).
  4. Abb. 28: Die weitestreichende, jüngste und zur Zeit offizielle Konzeption "Saar-Lor-Lux-Rheinland-Pfalz-Wallonie" schließt, neben Lothringen und dem Saarland, die gesamte belgische Provinz Wallonien ein, fast bis zum Ärmelkanal, d.h. halb Belgien, und ganz Rheinland-Pfalz einschließlich des Westerwaldes jenseits des Rheins. Diese Abgrenzung, auf Initiative des Interregionalen Parlamentarier-Rats (IPR), gilt heute als offiziell, obwohl mit Wallonien keinerlei vertragliche Regelung besteht. Mit insgesamt über 11 Mio. Einwohnern hat dieser Raum mehr als das Zweifache der Bevölkerung der bisher behandelten Region der Saar-Lor-Lux-Regionalkommission und mit rund 65.000 km² eine nahezu doppelt so große Fläche (bzw. nur 10% weniger Fläche als Holland und Belgien zusammen!). Der politische Hintergrund dieser eindeutig überdimensionierten "Region" liegt offensichtlich darin, dass Wallonien und Rheinland-Pfalz, ähnlich wie Lothringen, in ihrer Gesamtheit beteiligt sein wollen, also nicht nur mit Teilbereichen ohne Kompetenz, wie z.B. die grenznahe belgische Provinz Luxembourg oder "Trier - Westpfalz".

Großregion / Grande Région Saar - Lor - Lux - Rheinland-Pfalz - Wallonie 1999

Gebietseinheit
Unité territoriale
Bevölkerung
Population
Fläche in km²
Superficie en km²
Einw. / km²
Habitants au km²
Saarland / Sarre 1.069.485 2.570 416
Lothringen / Lorraine 2.310.023 23.547 98
Luxemburg / Luxembourg 435.479 2.586 168
Rheinland-Pfalz / Rhénanie-Palatinat 4.028.472 19.853 203
Wallonien / Wallonie 3.339.516 16.845 198
Großregion / Grande Région 11.182.975 65.401 171

Quelle/Source: Saar-Lor-Lux - Rheinland-Pfalz - Wallonie. Statistische Kurzinformationen,
hrsg. von den Statistischen Ämtern der Großregion, 2001 / offices statistiques de la Grande Région, 2001

Abbildung 29:

Die Region Saar - Lor - Lux - Rheinland-Pfalz - Wallonie

 

 

 

 

Internet-Quelle [4]

Auch wenn heute diese bei weitem größte Version von Westwallonien bis zum Westerwald als offiziell gilt, so ist hierzu anzumerken, dass selbst Mitglieder offizieller Saar-Lor-Lux-Gremien die Überdimensionierung durchaus kritisch sehen. So schreibt Peter MOLL (Staatskanzlei des Saarlandes, Mitglied der Regionalkommission), dass im Grunde die bisher in diesem Beitrag behandelte Größenordnung der Regionalkommission inklusive die de facto einbezogene belgische Provinz Luxembourg, also das mit "Saar-Lor-Lux +" betitelte Gebiet, sich "als zweckmäßige Raumeinheit erwiesen" habe. Dagegen wäre es "aus raumordnerischer Sicht ... eher ungünstig, das Kooperationsgebiet auf ganz Wallonien und auf ganz Rheinland-Pfalz auszudehnen..." (Moll 2000).

Dieser Aussage entspricht exakt die Karte in der ersten Ausgabe des offiziellen "Bulletin" der Regionalkommission (Bulletin... 2001), die bezeichnenderweise nur einen Kernraum Saar-Lor-Lux mit diffusen Randbereichen und ohne genaue Grenzen darstellt (siehe Startseite [5] ). Ähnliches spricht auch aus dem neuen Logo der Großregion (Abb. 30). Anders ausgedrückt: Große Teile von Wallonien, Rheinland-Pfalz und Lothringen werden offensichtlich nur de iure dazu gerechnet, nicht de facto.

Abbildung 30:

Logoentwurf für die Großregion [6]

Quelle: Saarbrücker Zeitung, 13.11.2001

Wie soll sich der Saar-Lor-Lux - "Normalbürger" darin noch zurecht finden, geschweige denn eine auf diese nicht definierte Region bezogene Identität, ein "Wir-Gefühl" entwickeln? Wegen der überdimensionierten Größe, der Unüberschaubarkeit, der Vielfalt und nicht zuletzt der fehlenden definierten Abgrenzung kann man hier ganz sicher nicht von einer "Region" sprechen.

Abbildung 31:

Fördergebiete Interreg II im Saar-Lor-Lux - Raum

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Schulz/Brücher, 1997

Will man im Prinzip einen wirklich grenzübergreifenden Raum schaffen, der das Negative der Grenze überwinden will und zugleich das Attribut "Region" verdient, so erweisen sich selbst die genannten wesentlich kleineren Konzeptionen von Saar-Lor-Lux als viel zu ausgedehnt. Grenzferne Gebiete sind dagegen weder betroffen noch interessiert, und bezeichnenderweise nehmen bestimmte Regionalvertreter an den Politikertreffen in der Regel nicht teil (vgl. auch Saarbrücker Zeitung 12.11.2001, S.1). Von einer Modellregion kann erst recht keine Rede sein, wenn man nicht einmal weiß, welches Gebiet gemeint ist, welchen Namen es trägt. Auch einen ganz anderen Aspekt sollte man nicht vergessen: dem nationalen Zusammenhalt Belgiens wäre eine einseitige Integration Walloniens in eine Saar-Lor-Lux-Region keinesfalls dienlich.

Abbildung 32:

Grenzsäume im Gebiet der Saar-Lor-Lux-
Regionalkommission

 

 

 

 

Quelle: Moll, 1992, S. 106

Ob Grenzräume, die per se heterogen sind, als solche sich grundsätzlich eignen, in absehbarer Zukunft Regionen zu bilden, ja, ob überhaupt das "Europa der Regionen" eine realistische Zielvorstellung ist, soll hier nicht erörtert werden. Trotzdem wäre Pessimismus hier der falsche Ausklang, denn es gibt durchaus sinnvolle Ansätze für wachsende harmonische grenzübergreifende Zusammenarbeit: Wesentlich realistischer als die oben vorgestellten, verschiedenen Abgrenzungen von Saar-Lor-Lux ist die Konzeption der Europäischen Kommission für die Vergabe von Fördermitteln im sog. INTERREG-Programm (Abb.31). Sie konzentriert sich, neben Luxemburg, stärker auf die möglichst grenznahen Bereiche von Belgien, Frankreich und Deutschland, lässt also z.B. das französische Dépt. Vosges oder sogar das nördliche Saarland aus, die in der Tat von der grenzübergreifenden Zusammenarbeit nicht betroffen sind. (Abb. 32)

Noch enger muss der eigentliche Grenzraum gefasst werden. Er wird nur durch eine etwa 30 km breite Zone beiderseits der Grenze gebildet, besser gesagt durch einen Grenzsaum. In diesem inoffiziell so bezeichneten "Kooperationsgebiet", spielen sich nach Aussagen aus informierten Kreisen 95% (!!) der konkreten räumlichen Zusammenarbeit ab; an ihr beteiligt sind im Grunde nur die direkt tangierten Entscheidungsträger der betroffenen grenznahen Zone. Hier, oft nur in kleinen Raumausschnitten innerhalb dieses Grenzsaums, entwickeln sich seit langem schon zahlreiche bilaterale - offizielle oder inoffizielle, unscheinbare oder spektakuläre - Kontakte und Kooperationen über die Grenze hinweg, zum Teil sogar unter Missachtung sinnloser bürokratischer Vorschriften. Inzwischen ist die grenzüberschreitende lokal-regionale Zusammenarbeit durch das "Karlsruher Abkommen [7] " von 1996 auch auf supranationaler Ebene erheblich erleichtert worden. Entscheidende Vorteile sind immer die räumliche und zugleich menschliche Nähe und damit auch das direkte gemeinsame wie auch individuelle Interesse an der Zusammenarbeit.

Genannt seien hier nur zwei Beispiele. (Abb. 33) Die südlich von Saarbrücken rittlings auf der Grenze liegenden, gemeinsam betriebenen gallo-römischen Ausgrabungen des "Europäischen Kulturparks [8] ", für die es nach langen Diskussionen inzwischen auch gemeinsame Eintrittskarten gibt, oder der Europäische Entwicklungspol [9] mitten im Dreiländereck Belgien - Frankreich - Luxemburg. (Abb. 34) Hier wurde, in Zusammenarbeit aller drei Staaten, auf dem riesigen Gelände eines abgerissenen Hüttenwerks (Abb. 35) ein Industriepark angelegt, in dem man vergebens nach einem Grenzschild sucht.

Abbildung 33:

Grenzüberschreitender Europäischer Kulturpark Reinheim-Bliesbruck südlich von Saarbrücken

 

 

Aufnahme: Brücher

Abbildung 34:

Pôle de Développement Européen im Dreiländereck Belgien, Frankreich, Luxemburg

 

 

 

 

Aufnahme: A. Humbert, Titelblatt von Schulz 1998

Abbildung 35:

Ehemaliges Hüttenwerk von Longwy mit noch praktiziertem Thomasverfahren im Jahre 1977

 

 

 

 

 

 

 

Aufnahme: Brücher

Auch wenn Ziel und Realität manchmal noch weit auseinander klaffen, so wirken solche Projekte doch wie Leuchttürme. So sind weitere Grenzprojekte in Vorbereitung, wie z.B. eine Gewerbezone auf der Grenze zwischen Saarbrücken und Forbach (vgl. Halmes 2001). Die dabei unvermeidbaren Probleme und Verzögerungen sollten nicht zu negativ gesehen werden, wenn man sich die unzähligen, alltäglichen, letztlich normalen Probleme im Zusammenleben der Gesellschaft vor Augen hält, die auch ohne trennende Grenzen entstehen.

Die Addition gerade dieser punkthaften grenzübergreifenden Kooperationen ergibt bereits eine beachtliche Erfolgsliste. Überdies werden solche Tätigkeiten von der ja direkt betroffenen Bevölkerung leicht verstanden, akzeptiert und aktiv unterstützt. Mit ihnen, und damit auch mit dem Raum in dem sie stattfinden, können sich die Menschen um so leichter auch identifizieren. Hier, nicht in der Schimäre einer multinationalen Mammut-"Region" zwischen Ärmelkanal und Westerwald, liegt die realistische Möglichkeit, die Nachbarn zusammenzuführen, damit dereinst die Grenzen, jene "Narben der Geschichte", ganz verwachsen.