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'Wurzeln des Hasses'
 
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Wurzeln des Hasses

Worauf die manchmal alle Maße sprengende Feindschaft Hansis jenen Deutschen gegenüber zurückzuführen ist, die nach 1871 als Verwaltungsbeamte, als Lehrer, Soldaten, also als Repräsentanten der kaiserlich-deutschen Macht, ins Elsass versetzt wurden oder als Touristen die Region bevölkerten, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Offensichtlich gab es kein besonderes Ereignis, das seinen Hass schlagartig ausgelöst hätte. Sicher gehörte Hansis Vater zu jenen Elsässer Patrioten, die das Elsass als Teil des republikanischen Frankreich und sich selbst als elsässische Franzosen verstanden, die die aus der Französischen Revolution herrührenden Errungenschaften zu hoch schätzen, um auch nur einen Gedanken darauf zu verschwenden, Deutsche werden zu wollen. Wahrscheinlich hat man deutscherseits die Wirkung einer 200jährigen Verbindung mit Frankreich unterschätzt, als man dieses Gebiet 1871 annektierte. Ein elsässischer Zeitgenosse, Edouard Schuré (*Straßburg 1841; †Paris 1929), schreibt: "Ein dreiviertel Jahrhundert trennt uns von den großen Tagen [der Französischen Revolution, G.S.]. Diese Zeit hat ausgereicht, um die Fusion zwischen dem Elsass und Frankreich zu vervollständigen. Diese Union begann mit dem Aufschwung des Jahres 1789, setzte sich in der Armee und auf den Schlachtfeldern fort und hat sich seitdem auf allen Gebieten der Industrie, den Künsten und den Natur- und Geisteswissenschaften behauptet. Auch wenn das Elsass immer an seiner Originalität festgehalten hat, um nichts weniger hatte es einen Instinkt seiner wachsenden Einheit mit dem Geist und der Seele Frankreichs." (28) Frankreich war allerdings nicht das Frankreich der Bourbonen, sondern jenes Napoleons I. Und es verwundert nicht, dass dessen Neffe Napoleon III. für seinen Staatsstreich, mit dem er das Kaiserreich wiederherstellte, im Elsass eine außerordentlich große Unterstützung fand (199 000 gegen 15 000 Stimmen). (29) Die Elsässer jener Jahrzehnte nach Napoleons Sturz "se sentent et se disent français." Ihren Patriotismus für das Frankreich der Revolution drückten sie hochdeutsch aus. Ein Zeitgenosse schrieb: "Meine Leier ist deutsch…, französisch mein Schwert." (30) Es scheint, als habe man diese Orientierung der meisten Elsässer in Deutschland nicht wahrgenommen oder nicht wahrnehmen wollen.

Selbst einem politisch so wachen und liberalen Zeitgenossen wie dem Althistoriker Theodor Mommsen scheint die nationale Aufwallung den Blick auf die Verhältnisse im Elsass verstellt zu haben. Mommsen verteidigte die Annexion des Elsass mit den üblichen Argumenten. Ihm widersprach der französische Mediävist Nouma Denis Fustel de Coulanges, bis 1870 Professor an der Universität Straßburg. Das Elsass könne nicht von einem germanischen Kulturerbe, nicht von Rasse und Sprache her beurteilt werden, wenn es um seine Zugehörigkeit zu Deutschland oder Frankreich gehe; es käme vielmehr auf das an, was die Elsässer wollen, also - modern gesprochen - auf ihr Selbstbestimmungsrecht. "Si l'Alsace est et reste française, c'est uniquement parce qu'elle veut l'être." (31) 

Die grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten, wie sie zwischen deutschen und französischen Intellektuellen unmittelbar nach der Annexion bestanden, scheinen zwischen Altdeutschen und Elsässern auch später noch die Regel gewesen zu sein. Wie könnte sonst Friedrich Meinecke, der als aus Berlin kommender "Altdeutscher" von 1901 bis 1906 Professor für Geschichte an der Universität Straßburg gewesen ist, in seinen Lebenserinnerungen schreiben, dass er in den Jahren seiner Straßburger Tätigkeit kaum in Kontakt mit Elsässern gekommen sei, wiewohl sich doch in Straßburg "das Alt-Reichsstädtische und die französische Barock- und Rokokozeit" ebenso miteinander vertragen hätten "wie in der Seele des Elsässers die unvertilgbare deutsche Grundsubstanz mit der darüber sitzenden französischen Kulturschicht." (32) 

Mehr noch: Meinecke und seine Straßburger Kollegen glaubten feststellen zu können, dass "bis 1904 etwa ... in der Tiefe ganz langsam der Riß sich zu schließen" begonnen hätte und "nicht nur die deutsche Grundnatur, die unvertilgbar war, sondern auch das deutsche Bewußtsein des Elsässers im Erwachen" gewesen sei. Ab 1904, dem Jahr der englisch-französischen Entente, sei aber eine Änderung eingetreten: "Es war mehr ein besonders elsässisches als ein deutsches Bewußtsein, was man jetzt wahrnehmen konnte. Die Elsässer verlangten stärker ihre Autonomie im Reiche, und man konnte nicht immer erkennen, ob das Ziel mehr auf Gleichberechtigung mit den anderen deutschen Stämmen oder auf Abkapselung gegen sie ging." (33) Noch vierzig Jahre später spricht aus Meineckes Erinnerung eine gewisse Ratlosigkeit hinsichtlich dessen, was die Elsässer dachten und wünschten. Dabei hätte ihm sein Eindruck - "Wir leben hier in einer Kolonie, hieß es unter uns Professoren" - zu der Einsicht verhelfen können, dass der überwiegende Teil der Elsässer die Deutschen als Okkupanten und die Angliederung Elsass-Lothringens an das Reich als Annexion betrachteten. Warum es nur selten zu engeren Kontakten zwischen Elsässern und Altdeutschen kam, geht aus einer Rede hervor, die der Colmarer Reichstagsabgeordnete Jacques Preiss im Jahr 1896 im Reichstag gehalten hat: "Keiner wird sich wundern, dass wir stolz und reserviert unter uns blieben und dass wir, um der gegenwärtigen Unterdrückung zu entfliehen, uns in glückliche Tage der Vergangenheit und in die Hoffnung einer besseren Zukunft flüchten." (34)

Hansis Aufsässigkeit gegenüber allem Deutschen und seine grundsätzliche Weigerung, sich mit den eingetretenen Verhältnissen zu arrangieren, resultieren aus seinen Kindheitserfahrungen am deutschen Gymnasium in Colmar. Tatsächlich spielt der pedantische deutsche Schulmeister als häufig verhöhnter Typ in Hansis Bildern und Schriften eine bedeutende Rolle. In dessen Gestalt nimmt der kleine Jacques offensichtlich zum erstenmal das ganz Andersartige, das Fremde wahr, zugleich auch das, was das spezifisch Elsässische, das Eigene ist. In einer späteren Auflage seines "Professor Knatschke" schreibt er, dass ihm der unsägliche Direktor des deutschen Lyzeums in Colmar als Prototyp des "pangermaniste pédant, naïf et doctrinal" (35) gedient habe. Und tatsächlich hat es solche Lehrer nicht nur in der antideutschen Erinnerung Hansis gegeben. Die Aufzeichnungen des Valentin Beyer aus der Endphase der deutschen Herrschaft im Elsass vermitteln uns das Bild eines pro-deutschen Elsässers mit ausgeprägt chauvinistischen Zügen. Beyer war 12 Jahre lang Lehrer an der Realschule in Barr, davon die beiden letzten Jahre (1916-1918) deren Direktor. Er stammte, wie er Ende 1918 nach der Besetzung des Elsass durch französische Truppen stolz in seinem Brief an den französischen Hochkommissar schreibt, aus altelsässischer Familie, die im 17. Jahrhundert aus Thüringen ins Elsass eingewandert war, zu einer Zeit also, wie Beyer nicht versäumt zu bemerken, "da Frankreich noch nicht im Besitz des Landes war." (36) Für Beyer war die französische Kultur der deutschen weit unterlegen, das Elsass unbestreitbar deutsches Land mit einer deutschstämmigen Bevölkerung, die ab 1871 der "Segnungen deutscher Kultur" teilhaftig geworden sei und sich bei einem Sieg im Krieg 1914-1918 uneingeschränkt als Teil des "Deutschtums" verstanden hätte. (37)

Auf der anderen Seite gibt es auch Beispiele dafür, dass Lehrer, Schulverwaltungsbeamte und die Gemeinden als Schulträger durchaus in der Lage waren, zum Besten der Schüler und der Schulen aufeinander zuzugehen, wenngleich oft erst nach Überwindung nicht unbedeutender Schwierigkeiten. (38) Hansis vielfach zum Ausdruck gebrachte Sorge, die kleinen Elsässer könnten die französische Sprache nur unzureichend erlernen, dürfte angesichts der überraschenden Tatsache, dass im elsässischen (klassischen) Gymnasium Französisch vierstündig, Deutsch aber nur dreistündig gelehrt werden sollte, zumindest für etwa die ersten zehn Jahre der Übergangszeit ab 1871 als übertreiben angesehen werden. In späteren Jahren bleibt von dieser liberalen Handhabung des Fremdsprachenunterrichts allerdings nicht mehr viel übrig. Im niederen Schulwesen verschwindet Französisch ganz aus dem Unterricht; im höheren Schulwesen spielt es nur eine untergeordnete Rolle. (39)

Man hat gemutmaßt (40), dass Hansis Deutschenhass möglicherweise auf die Tatsache zurückzuführen sei, dass er seinen autodidaktischen Vater enttäuscht haben könnte, als er, intellektuell scheinbar desinteressiert, das Gymnasium vor dem Abitur verließ. Für dieses Desinteresse hat er seine deutschen Lehrer verantwortlich gemacht, die zweifellos die am häufigsten und am schärfsten karikierte Berufsgruppe in Hansis Werk ist. Darüber hinaus mag ihn, je älter er wurde, die diskriminierende Behandlung der annektierten Gebiete Elsass und Lothringen als Regionen 2. Klasse und die Überflutung des Elsass mit deutschen Beamten unter weitgehendem Ausschluss fast sämtlicher Elsässer, die zur französischen Zeit als Beamte eingesetzt waren, in seiner sich stetig verschärfenden Kritik an allem Deutschen noch bestärkt haben. 

Der weitaus größte Teil der in den mehr als vierzig Jahren deutscher Herrschaft ins Elsass Eingewanderten gehörte dieser Bevölkerungsgruppe an. Nach deutschen Schätzungen belief sich ihre Zahl (incl. ihrer Familienmitglieder) auf 240 000, nach französischen Schätzungen auf etwa 400 000 Personen. Im Jahr 1904 soll etwa ein Sechstel der Bevölkerung von Elsass-Lothringen aus Einwanderern und deren Kindern bestanden haben. (41) In seiner "Histoire d'Alsace" beschreibt er, wie sich nach dem Friedensschluss von 1871 "eine zahllose Horde hungriger, struppiger Geschöpfe, grün gekleidet, mit durchlöcherten Schuhen an den Füßen" über das Elsass ergoss. 

Abb. 12 : "Quelques spécimens des 400.000 Boches, hirsutes et faméliques, qui ont envahi l'Alsace, après 1871."

Internetquelle [1]

"Ihre brummenden Massen erinnerten an die ersten feindlichen Einfälle der Barbaren. Fort und fort kamen sie, Rothaarige, Blonde, Dicke, Dünne, Badener, Bayern, vor allen Dingen aber rohe und großmäulige Preußen. Fast alle trugen ihre gesamte bewegliche Habe in einem Taschentuche mit sich; das war die Auslese der Herren der Erde…" (42)

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Anmerkungen

(28) Edouard Schuré: La légende de l'Alsace, Paris 1993, S.79; dieser Text erschien zuerst im Jahr 1892 in "Les grandes légendes de France".

(29) Charles Zumsteeg: L'Alsace au temps de la révolution industrielle, in : L'Alsace - une histoire (wie Anm. 20), S. 143.

(30) Ebd., S. 141 - Gegen die Annexion protestierten am 17. Februar und am 1. März 1871 die elsässischen Abgeordneten, die noch am 8. Februar 1871 zur französischen Nationalversammlung (damals in Bordeaux) gewählt worden waren; vgl. auch Bernard Vogler: Histoire politique de l'Alsace. De la Révolution à nos jours. Un panorama des passions alsaciennes, Strasbourg 1995, S. 173.

(31) So Fustel de Coulanges in seiner Antwort auf Mommsen; zit. nach: Paul Smith: À la recherche d'une identité nationale en Alsace (1870-1918), in: Vingtième siècle 50 (1996), S. 25.

(32) Friedrich Meinecke: Autobiographische Schriften, hrsg. v. Eberhard Kessel, Stuttgart 1969, S. 145. Einen etwas zufällig erscheinenden Einblick in die Tätigkeit der (deutschen) Professoren an der Universität Straßburg bietet Oberlé (wie Anm. 13), S. 187ff.

(33) Meinecke (wie Anm. 32), S. 146; dort auch das nächste Zitat. Meinecke schrieb diesen Teil seiner Autobiographie in den Jahren 1943 und 1944.

(34) Rückübersetzung aus: Perreau: Avec Hansi (wie Anm. 1), S. 186f.

(35) Professeur Knatschké (wie Anm. 7), S. 21 des Anhangs der Ausgabe von 1947. - Im ins Elsass transferierten deutschen Schulwesen sah man den Hebel, mit dem man am ehesten auf Dauer die Gesinnung der Bevölkerung zugunsten Deutschlands würde verändern können: "Integration sollte durch Erziehung und Umerziehung entsprechend preußisch-deutschen Maßstäben erreicht werden." Vgl. Roesler (wie Anm. 13), S. 135f., Zitat S. 136.

(36) Beyer (wie Anm. 18), S. 109.

(37) Vgl. ebd., S. 37-49.

(38) Vgl. etwa Peter Michalowsky: L'histoire de la Realschule de Munster, in: Annuaire de la Société historique du Val et de la Ville de Munster 35 (1981), S. 41-65 und 36 (1982), S. 60-78.

(39) Michalowsky, in: ebd. 35 (1981), S. 55f.

(40) Vgl. Tyl (wie Anm. 1), S. 14.

(41) Zahlen nach Roesler (wie Anm. 13), S. 133. Höhere Zahlen bei François Uberfill: L'immigration allemande 1871-1918, in: Saisons d'Alsace 48. Jg. No. 128 (été 1995), S. 63-71. Nach dessen Statistik (S. 64) sind zwischen 1871 und 1905 531 221 Deutsche (incl. Militärpersonen) in die beiden elsässischen Bezirke eingewandert (72-75% Männer). In Straßburg erreicht der Anteil Deutscher 35%. Die meisten eingewanderten Deutschen kommen aus Preußen (41%, davon 21% aus der preußischen Rheinprovinz); es folgen Badener (24 %) und Württemberger (11%). Diese prozentuale Verteilung ändert sich zwischen 1880 und 1910 kaum (ebd., S. 67). Über Mischehen zwischen Einheimischen und Zugewanderten s. François Uberfill: Grenzüberschreitende Eheschließungen zwischen Elsässern und Deutschen in Straßburg zwischen 1871 und 1914 (= www.deuframat.de [2] ).

(42) Histoire d'Alsace; zit. nach Babillotte (wie Anm. 12), S. 34. - Es fällt auf, dass bei Hansi wie auch bei anderen antideutschen Karikaturisten, Malern und Schriftstellern Deutsche im Elsass immer in grüner Kleidung erscheinen. Ein weiteres Stereotyp bei Hansi: Deutsche Soldaten in Frankreich bzw. im Elsass werden vielfach als Plünderer dargestellt, wobei sie es anscheinend vor allem auf (Stutz-)Uhren abgesehen haben. Worauf sich dieses Klischee stützt, ist mir nicht bekannt.