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'Informationstechnologie und Gesellschaft'
 
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Informationstechnologie und Gesellschaft

Zu deutlich ist in den letzten Jahren geworden, dass zwischen der rasanten Entwicklung im Bereich der neuen Informationstechnologien auf der einen Seite und der Umstrukturierung der Gesellschaft vom industriellen Kernbereich zu einer starken Expansion der Dienstleistungssektors auf der anderen Seite eine beträchtliche Diskrepanz in Erscheinung tritt. Im Jahr 2000 wurden immer noch gut 30% des deutschen Bruttoinlandsproduktes im Industriesektor erzeugt; im Jahre 1997 waren es 33,1% und 1995 34,5%. Der Strukturwandel in Richtung auf eine Informationsgesellschaft findet also statt, geht aber nur schleppend voran. Nimmt man beide Prozesse zusammen, also die rasante Entwicklung der neuen Informationstechnologien und die stagnierende Umstrukturierung weiter Bereiche der Gesellschaft, so könnte man insgesamt von einer rasanten Stagnation sprechen. Diese paradoxe Begriffskombination kennzeichnet auch die Entwicklung im Bildungswesen: Rasant ist auch hier auf der einen Seite die Technologieentwicklung; auf der anderen Seite scheint der Aufbau von Qualifikation und Bildung, die es erlauben, sich in einer Informationsgesellschaft zu orientieren, zu stagnieren. Obwohl es für viele klar ist, dass die Zukunft "digital" sein wird, dass Lernen und Bildung heute entschlossener auf neue Informationstechnologien setzen müssen, existieren eine Reihe von Standardeinwänden, die daran hindern, sich der neuen Informationstechnologien entschlossener zu bedienen; ich nenne drei grundlegende Arten von Einwänden.

Die Kondratieff-Zyklen – oder: die langen Wellen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung

(Quelle: http://www.bsi.bund.de/literat/jahresbericht/jahresbericht_2003/41_Trends.htm [1] )

Eine ideologiekritische Perspektive macht geltend, dass es hier nur darum gehe, dass die Elektronikindustrie den Bildungssektor als Marktsegment entdeckt habe und Hard- und Software verkaufen wolle, insofern sei Zurückhaltung geboten. Eine kulturkritische Perspektive verweist darauf, dass Schule gerade die Aufgabe habe, den Menschen ganzheitlich zu bilden; und das sei mit den neuen Informationstechnologien nicht zu machen. Schule habe gerade die Aufgabe eines Korrektivs gegenüber einer universalen medialen Präsenz zu erfüllen und sich kompensatorisch gegenüber den neuen Medien zu verhalten, d.h. also: Sie habe ein gewisses Gegengewicht zu schaffen. Eine skeptische Perspektive, die die Effizienz des Lernens im Blick hat, fragt, ob es wirklich ausgemacht sei, dass man mit neuen Informationstechnologien tatsächlich besser lernen könne als herkömmlich gelernt worden ist. Nicht geklärt sei, welches eigentlich die grundlegende Funktion der neuen Informationstechnologien und deren Auswirkungen für menschliche Entwicklungsprozesse seien. Solange dies nicht geklärt sei, sei Zurückhaltung geboten. Diese drei Typen von Einwänden decken das kritische Spektrum, das seitens der Erziehungswissenschaft neuen Informationstechnologien gegenüber aufgeboten wird, nicht vollständig ab, stellen aber doch die wesentlichen Argumente dar.

Jeder zweite informiert. Die Zahl der Beschäftigten wächst, die - im weitesten Sinne - mit Information zu tun haben, also in den Bereichen Unterhaltungselektronik, Hardware, elektronische Bauelemente, Fachhandel, Software und Services, Telekommunikationsdienste und Medien. Betrug ihr Anteil an allen Erwerbstätigen 1980 erst 40 Prozent, waren es 1995 schon 51 Prozent. Im Jahr 2010 sollen es sogar 55 Prozent sein.

(Quelle: http://www.einblick.dgb.de/grafiken/1998/09/grafik01/ [2] )

Demgegenüber möchte ich im Folgenden eine analytische Haltung favorisieren, der es nicht so sehr um mögliche Vorbehalte geht, sondern darum, zu erörtern, wie sich die Grundkoordinaten von Lernen und Bildung verändern, wenn neue Informationstechnologien den Alltag der Menschen immer weiter durchdringen. Ich werde im Folgenden am Beispiel des Internet (auch abkürzend einfach Netz genannt) den Lernaspekt nur kurz an dem Beispiel Schule erörtern und mich dann auf den Bildungsaspekt konzentrieren, also auf die Frage, welche bildende Funktion neue Informationstechnologien für Menschen haben können. Dieser Leitgedanke einer dualen Perspektivität ergibt sich aus dem Doppelcharakter des Internet: Zum einen kann es nämlich als reines Werkzeug zur Unterstützung von Lernprozessen verwendet werden. Diesen Aspekt nenne ich den instrumentellen Aspekt des Internet. Zum anderen kann es expressiv verwendet werden, also beispielsweise zur Selbstpräsentation. Hierzu zählen neue Formen digitaler Gemeinschaftsbildung und jene Nutzungen, die im weitesten Sinne Menschen einen digitalen Sozialisationsraum zur Verfügung stellen, um ihr Selbst- und Weltverhältnis auszudrücken. Diesen Aspekt nenne ich den Bildungsaspekt des Internet.