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'Einige Bildungsaspekte des Internet'
 
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Einige Bildungsaspekte des Internet

Für ein Leben und Arbeiten in der Wissens- und Informationsgesellschaft und für eine aktive Teilhabe daran kommt neuen Informationstechnologien eine zentrale Bedeutung zu, eine Bedeutung, die weit über das Lernen hinausgeht und Aspekte der Selbstpräsentation und der Identitätskonstitution beinhaltet. Diese bezeichne ich als die bildungstheoretischen Aspekte der neuen Informationstechnologien. Diese bildungstheoretische Perspektive auf die neuen Informationstechnologien ist eng mit der Tatsache verknüpft, dass sich das Internet vom Werkzeug hin zu einem Element der Kultur wandelt.

So gehört der Gebrauch des Internet zunehmend zu den Alltagsaktivitäten der Menschen: "Die neuesten Zahlen der Allensbacher Computer und Telekommunikationsanalyse (ACTA 2002 [1] ) zeigen eine deutliche Veränderung der Nutzungsmuster von Computer und Internet gegenüber den bisherigen Erhebungen. Sie belegen damit einen Trend der zunehmenden Integration des Internet in das Leben der Nutzer. 46% der Bundesbürger zwischen 14 und 64 Jahren sind bereits Onliner, und sie benutzen das Internet, um ihren Alltag zu bewältigen und ihre Hobbys zu pflegen" (Croll 2002).

PC-Besitz in Deutschland. Im Jahre 2002 verfügten 66,5 Prozent der Bevölkerung zwischen 14 und 64 Jahren in ihrem Haushalt über einen oder mehrere PCs. Der Bestand ist auffallend "jung": in knapp der Hälfte der Fälle handelt es sich um neue PCs, die erst in den letzten beiden Jahren angeschafft wurden.

(Quelle: http://www.acta-online.de/news/nt2002_2.html [2] )

 

Die breitere Verwendung des Internet wird inzwischen als Kulturtechnik verstanden: "So wie die Industriegesellschaften sich das Ziel gesetzt hatten, sämtlichen Bürgern die Grundfertigkeiten des Schreibens, Lesens und Rechnens zu vermitteln, so setzt die heraufkommende Wissensgesellschaft voraus, dass alle Bürger über eine "digitale Kultur" verfügen sowie über die Grundfähigkeiten, um in einer Welt, in der digitale Operationen immer zahlreicher werden, ein Mehr an Chancengleichheit zu erreichen. Es handelt sich hier um eine unerlässliche Voraussetzung, will man neue soziale Zersplitterungen vermeiden und ganz im Gegenteil den Zusammenhalt in unseren Gesellschaften und die Beschäftigungsfähigkeit verstärken" (Kommission 2000, S. 4). Der Fokuswechsel von E-Learning auf digitale Kultur entspricht auch einem Kategorienwechsel auf der Ebene der erziehungswissenschaftlichen Betrachtungsweise: Der enge Fokus des "Lernens" wird durch den erweiterten der "Bildung" ersetzt.

Im Folgenden skizziere ich einige Aspekte der Bildung, die sinnvollerweise nicht mit dem Lernbegriff gefasst werden sollten und die insofern eine breitere Sichtweise auf das Internet rechtfertigen. Don Tapscott (1998) entfaltet in seinem Buch Growing up digital die These, dass eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen heranwachse, deren Sozialisationsraum sehr stark von neuen Technologien geprägt ist. Fast täglich gehe diese Generation mit Fernseher, Videorecorder, CD-Player, E-Mail und dem Internet um. Das Internet komme heute so schnell in die Haushalte wie das Fernsehen in den fünfziger Jahren. Der entscheidende Übergang von der fernsehvermittelten zur internetvermittelten Selbst- und Weltdefinition sei durch den Sachverhalt der Interaktivität gegeben: Vom Zuhörer und Zuschauer zum Kommunikator: Zeit, vor dem Fernseher verbracht, sei passive Zeit; Zeit, im Internet verbracht, sei aktive Zeit: lesen, schreiben, suchen, Aufgaben und Probleme lösen, Resultate abschätzen und Quellen beurteilen.

Der soziale Ort der Auseinandersetzung mit Sinn- und Orientierungsfragen in der Pubertät ist ganz wesentlich die peer group, also der Zusammenschluss von Gleichaltrigen. Diese sozialen Orte scheinen jetzt auch – so argumentiert Tapscott – zu virtuellen zu werden. Die peers würden nicht mehr zwingend face-to-face-Communities darstellen. Jugendliche gehen mit Beginn der Pubertät verstärkt ins Netz, also in einer Zeit, in der es für sie darum geht, ihre eigene Identität in entscheidender Weise auszubilden, sich selbst zu erkunden und vielleicht auch sich selbst neu zu erfinden. Das gilt auch für die typischen Probleme der Pubertät, über die im Netz kommuniziert werden kann (beispielsweise www.bravo.de [3] ). Dabei spielen synchrone Formen der Kommunikation, wie z. B. Chat, eine signifikant große Rolle. Die Online Community "Milwaukee-based KidsCom [4] " wies bspw. von der Gründung im Februar 1995 bis 1997 150.000 registrierte Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren auf. Tapscott selbst organisierte im April 1995 in Seattle (Washington) zu Forschungszwecken FreeZoone, eine webbasierte virtuelle Gemeinschaft von 30.000 Kids im Alter von 8 bis 14 Jahren. Es ist nicht die Absicht Tapscotts, soziologische Verteilungsanalysen vorzulegen. Natürlich sieht er, dass nicht alle Kinder digital aufwachsen [5] , sondern nur eine Minderheit. Er sieht dies für Amerika, aber auch im Weltmaßstab: Tapscott leugnet auch nicht die These der wachsenden Wissenskluft, derzufolge die Gesellschaft sich in zwei Gruppen polarisiere: eine, die das neue Wissen für eigene Zwecke einzusetzen versteht und dadurch Vorteile erzielt und eine andere, die – aus welchen Gründen auch immer – keinen Zugang zu neuen Technologien gefunden hat und sie insofern auch nicht für eigene Zwecke einsetzen kann. Trotzdem sind seine Recherchen hilfreich, um zu analysieren, was im Netz geschieht.

KidsCom Milwaukee – Ausschnitt aus der Homepage








(Quelle: http://www.kidscom.com/ [6] )

 

 

 

 

 

Es ist viel über die Auswirkungen des Internet auf die sozialen Beziehungen der Menschen diskutiert worden und viel darüber, inwieweit es die Anbahnung neuer Beziehungen ermöglicht (Rheingold 1993; Turkle 1995; 1997; Döring 1999). Dabei ist nicht strittig, dass es Unterschiede zwischen online und offline relationships gibt, strittig ist vielmehr, wie gravierend diese Unterschiede sind und was daraus folgt. Pädagogisch besorgte Fragen, die sich auf das Verhältnis von sozialen und digitalen Welten beziehen, ob also z. B. der vermehrte Aufenthalt in digitalen Welten dazu führe, reale lebensweltlich verankerte soziale Gruppen zu vernachlässigen, so dass letztlich soziale Isolation auftrete, beantwortet Tapscott eindeutig: Möglicherweise gibt es die Gefahr; empirisch seien solche Effekte jedoch nur vereinzelt nachzuweisen. Andere vorliegende empirische Studien (z. B. die frühe Studie von Wetzstein u. a. 1995, S. 119) bestätigen diesen Befund: Netzarbeit, so ein zentrales Resultat der Studie von Wetzstein u. a., mache persönliche Kontakte nicht überflüssig. Die „Annahme einer Verdrängung von persönlich-direkter Kommunikation durch Netze [ist] eine unsinnige Vermutung“ (Wetzstein u. a. 1995, S. 296). Auch Befürchtungen, wonach computergestützte Kommunikation zur Verarmung unseres kommunikativen Haushalts, zur Austrocknung von kommunikativer Vielfalt führe, können vor dem Hintergrund vorliegender Studien nicht bestätigt werden. Die besondere Kommunikationssituation im Netz führe, so Wetzstein u. a., nur im geringen Maße zu Veränderungen der kommunikativen Gattungen selbst: Die Flexibilität, die Kids erwerben – so Tapscott –, wenn sie ihre Identität in virtuellen Welten entwerfen, macht sich auch auf reale soziale Situationen bemerkbar. In seinen zehn Thesen zur Netz-Generation führt Tapscott u. a. aus, dass diese Generation durch die Arbeit im Internet stärker sozial verankert sei als Jugendliche ohne Netzaktivität. Sie weise eine globale Perspektive bei der Informationssuche und Kommunikation auf.

Tapscott geht von der Umkehrung der konstitutiven Asymmetrie des Generationenverhältnisses in Bezug auf die neuen Informationstechnologien aus. "We’ve shifted from a generation lack to a generation lap" (Tapscott 1998, S. 36). Eltern lernen von Kindern den Umgang mit neuen Technologien. Es sei wie bei Emigranten: Die Kinder lernen die neue Kultur und die neue Sprache schneller und leichter als die Eltern. Sie werden damit zu Übersetzern und erhalten eine andere Funktion. Eltern geben ihre Erfahrungen der traditionellen Kultur weiter, und Kinder geben die Erfahrungen der neuen Kultur an die Eltern weiter. Es ist mehr ein Geben und Nehmen. Der Informationsvorsprung der Eltern ist nicht mehr universal, sondern wird gleichsam regionalisiert, gilt also nur noch für bestimmte Erfahrungsbereiche. Bei den neuen Technologien müssen die Eltern die Kinder als jene anerkennen, die mehr wissen, die mehr können, von denen sie also lernen können, die sie fragen müssen, wenn sie etwas wissen wollen.

Eine weitere Konsequenz für Tapscott ist – und das schließt an den ersten Teil meiner Überlegungen an –, dass die klassische Verteilung von Lehren und Lernen, die mit einer sozialen Rollenzuweisung korreliert, ins Wanken gerät. Dass Kinder zu neuen Autoritäten werden, bedeutet, dass sie als solche anerkannt werden wollen und müssen. Dass damit auch traditionelle Erziehungskonzepte tangiert werden, will ich hier nur erwähnen. Zusammenfassend – und auf meine hier verfolgten Zwecke bezogen – kann gesagt werden, dass Tapscott eine neue Generation, die Net-Generation heranwachsen sieht, die sich durch veränderte Selbst- und Weltbezüge auszeichnet.