- Kulturelle und territoriale Vielfalt bis zum Zeitalter der Revolution
- Einführung - Zur Geschichte der Hugenotten in Frankreich und deren Flucht ins "Alte Reich"
- Zur Aufnahme der Hugenotten: Die erste Generation der "réfugiés" zwischen Ablehnung und Anerkennung
- Zur gelungenen Akkulturation der Hugenotten im 18. Jahrhundert: Die Nachkommen der "réfugiés" als französische Kulturträger und preußische Patrioten
- Resümee: Wandel und Kontinuitäten hugenottischer Identitäten
- Quellenverzeichnis
- Didaktisch-methodische Hinweise für den Unterricht
- Migrationen und kultureller Austausch seit 1815
- Wirtschaftliche Migration, politisches Exil und soziale Kritik: Deutsche in Paris im 19. Jahrhundert
- Minderheiten, Immigranten und Integration in Frankreich
- Einwanderung und Probleme der Integration in Deutschland seit 1960
- Laizität und Religionen im heutigen Frankreich
- Gesellschaftsvergleiche
- Das Jahr 1968 und die Folgen
- Begegnungen im Alltag
'Zur Geschichte der Hugenotten und ihrer Bilder im 19. und 20. Jahrhundert: Zwischen den "besten Deutschen" und den "rassisch" guten Deutschen'
Sie sind hier: Deuframat > ... >
Zur Geschichte der Hugenotten und ihrer Bilder im 19. und 20. Jahrhundert: Zwischen den "besten Deutschen" und den "rassisch" guten Deutschen
Mit der Eroberung Brandenburg-Preußens durch die Napoleonischen Truppen nach 1806 kam es nicht nur zu einer Identitätskrise unter den Nachkommen der "réfugiés" - galt es für sie doch nun, sich definitiv zu einer nationalen Identität zu bekennen, also sich zwischen Frankreich und Deutschland zu entscheiden -, sondern auch zu grundlegenden organisatorischen Reformen im preußischen Staat. Seit 1809 existierten die Französischen Kolonien als bürgerliche Gemeinwesen nicht mehr. Die eigene Kirchenverwaltung auf Konsistorialebene wurde so gut wie beseitigt. Allein auf Gemeindeebene blieb scheinbar alles beim Alten. Dennoch begann - auch in Zusammenhang mit der Einführung deutschsprachiger Gottesdienste in den französisch-reformierten Kirchengemeinden - ein Gemeindesterben großen Ausmaßes. Viele französisch-reformierte Gemeinden verschwanden oder fusionierten mit deutsch-reformierten beziehungsweise lutherischen Gemeinden und verloren auf diese Weise den ihnen eigentümlichen konfessionellen Charakter. Es hatte den Anschein, als wäre der völlige Niedergang der französisch-reformierten Gemeinden als letzte Institutionen, die noch eine Sonderidentität für eine im Grunde schon völlig "assimilierte" Gruppe stifteten, vorprogrammiert.
Um 1870 jedoch kam es zu einem unerwarteten Aufschwung, quasi einer Hugenottenrenaissance. In Berlin wurden die sogenannte "Réunion" und die "Hugenottische Mittwochsgesellschaft" gegründet - Vereinigungen, die dem Gemeindesterben in Brandenburg-Preußen Einhalt gebieten und zugleich das Gemeinschaftsgefühl unter den Nachkommen der "réfugiés" wiederbeleben wollten. Eigene Zeitschriften entstanden. (Anm. 1) (Abbildung 8) In ihnen wurde der Versuch unternommen, den Lesern anstelle der französisch-reformierten Konfession eine spezifische historische Tradition zwecks hugenottischer Identitätsstiftung zu vermitteln, eine Tradition, die auf einem bisher so nicht bekannten Geschichtsbild beruhte.

Abbildung 8:
Abbildung des Kopfes der Zeitschrift "Die Kolonie" und des Kopfes der Zeitschrift "Die Französische Colonie".
Quelle: Ursula-Marianne Mathieu / Ursula Fuhrich-Grubert (Hg.): Die Kolonie 1875-1877; 1880-1882. Die Französische Colonie 1887-1906. Namensregister (=Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 31), Bad Karlshafen 2000, ohne Seitenzählung (Titelbild).
Mit den Feierlichkeiten zum 200jährigen Jubiläum des Edikts von Potsdam erreichte die Hugenottenrenaissance ihren Höhepunkt und hier wurde das neue Geschichtsbild in einer Vielzahl von Publikationen, (Abbildung 9) die im Umfeld der Feier entstanden, besonders deutlich.
Theodor Fontane [1] (1819-1898), (Abbildung 10) als Hugenottennachkomme und seit 1885 Gemeindeglied der Französischen Kirche zu Berlin steuerte einen Prolog [2] zur Feier des Jubiläums und den Text zu sechs "lebenden Bildern" aus der Hugenottengeschichte bei.
Schließlich schrieb Eduard Muret, Gymnasiallehrer und als Hugenottennachkomme ebenfalls Angehöriger der französisch-reformierten Gemeinde in Berlin, eine umfassende "Geschichte der Französischen Kolonie in Brandenburg-Preußen, mit besonderer Berücksichtigung der Berliner Gemeinde", die 1885 erschien. (Abbildung 11) In ihr kommt Stolz auf die Wirkung des "refuge" in der preußischen Geschichte zum Ausdruck (Anm. 2) und nicht mehr wie noch einhundert Jahre zuvor auf die französische Besonderheit des "refuge".
Wegen ihrer historisch begründeten, besonders engen Verbundenheit zum preußischen Staat verstanden sich die Nachkommen der "réfugiés" 1885 als gute, ja als bessere Preußen. Hatten sie doch nach ihrer Überzeugung durch ihre wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen eine der Voraussetzungen für den Aufstieg Preußens zu einer europäischen Großmacht geschaffen.
Ins Bild gesetzt wurde diese Überzeugung auch auf der Gedenkmedaille des Jahres 1885. (Abbildung 12) Sie war nach dem Entwurf des Ältesten der französisch-reformierten Gemeinde in Berlin und zugleich Vorsitzenden der "Hugenottischen Mittwochsgesellschaft", J. Bertrand, geprägt worden.

Abbildung 12: Festmedaille (Avers und Revers) für das 200jährige Jubiläum des Edikts von Potsdam 1885, entworfen von J. Bertrand.
Quelle: Barbara Dölemeyer / Jochen Desel (Hg.): Deutsche Hugenotten- und Waldensermedaillen (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 27), Bad Karlshafen 1998, S. 24.
Beherrscht wird deren Rückseite, (Abbildung 13) die hier zuerst betrachtet werden soll, da sie sich allegorisch mit den Réfugiésnachkommen beschäftigt, von der mit der Königskrone geschmückten Borussia. Sie hält mit dem Schwert in der Rechten schützend den Schild der Toleranz über ihre Kinder, die Nachkommen der "réfugiés", von denen je drei zu beiden Seiten durch ihre Symbole (von links nach rechts) Kanne, Spaten, Kreuz, Kelch, Zahnrad und Buch, die sie in Händen halten, Glaubenstreue, Wirtschaftsfleiß und wissenschaftliches Wirken repräsentieren. Weitere Attribute der Wissenschaft (Buch), der bildenden Kunst (Palette) und der Landwirtschaft (Früchte und Gemüse) liegen unter der Gruppe. Die Umschrift lautet: "Deuxième centenaire de l`Eglise du Refuge en Prusse".
Abbildung 13: Festmedaille (Revers) für das 200jährige Jubiläum des Edikts von Potsdam 1885, entworfen von J. Bertrand.
Quelle: Barbara Dölemeyer / Jochen Desel (Hg.): Deutsche Hugenotten- und Waldensermedaillen (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 27), Bad Karlshafen 1998, S. 24.
Die Borussia, das Symbol Preußens, deren alles beherrschende Größe bereits auf ihre herrschaftliche Macht deutet, die wiederum durch das Symbol des Kampfes, des Schwertes unterstrichen wird, steht hier auf dem Boden von Wissenschaft, Kunst, oder weiter gefasst, Kultur und Landwirtschaft. Auf ihnen beruht also die Größe Preußens. Zugleich aber verweisen Wissenschaft, Kultur und Landwirtschaft auf jene Tätigkeitsbereiche, welche die "réfugiés" in Brandenburg-Preußen "besetzt" hatten. In der Kindergruppe tauchen dann Handel und Gewerbe dreimal allegorisch auf: als Zahnrad, Spaten und Kanne. Die zugehörigen Berufe wurden am ehesten als solche der "réfugiés" identifiziert. Der Glaube, die Frömmigkeit, ist nur noch zweimal vertreten, in den Symbolen Kreuz und Kelch. Die Religion spielte nur noch eine nachgeordnete Rolle in den hugenottischen Traditionen und für die Selbstwahrnehmung der Hugenottenabkömmlinge des Jahres 1885. In der Kindergruppe nochmals aufgenommen wird das für Wissenschaft, Literatur und Bildung stehende Buch. Damit wurde die Bedeutung dieses Symbols und zugleich die Verbindung zwischen der Basis für die Größe Preußens und den Leistungen der "réfugiés" unterstrichen. Wenn die Hugenotten, eigentlich Kinder Frankreichs, als Kinder Preußens dargestellt werden, so deutet dies nicht nur auf eine aus ihrer Geschichte ableitbaren, ehemaligen Schutzbedürftigkeit hin, der - siehe der Schild - mit preußischer Toleranz auch Rechnung getragen wurde, sondern vor allem auf die "Wahlverwandtschaft" zwischen Hugenotten und Preußen. Als Kinder der Borussia waren sie "echte" Preußen, sprich: völlig "assimiliert".
Abbildung 14: Festmedaille (Avers) für das 200jährige Jubiläum des Edikts von Potsdam 1885, entworfen von J. Bertrand.
Quelle: Barbara Dölemeyer / Jochen Desel (Hg.): Deutsche Hugenotten- und Waldensermedaillien (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 27), Bad Karlshafen 1998, S. 24.
Auch die andere Seite, die Vorderseite der Medaille, (Abbildung 14) ist dem Thema Preußen gewidmet, allerdings diesmal in Bezug auf die herrschende Dynastie. Unter dem Hohenzollernadler, über dem der Sinnspruch der Hohenzollern "non soli cedit" ausgeführt ist, sind die von Eichenlaub umgebenen Profilportraits des Großen Kurfürsten und Kaiser Wilhelms I. abgebildet. Zwischen den Portraits ruht auf zwei Schilden die Kaiserkrone. Die Schilde wiederum zeigen den Kurhut und die Jahreszahl 1685 bzw. die Königskrone und die Jahreszahl 1885. Darunter stehen die Worte: "Dieu protège nos souverains".
Auch hier geht es also um einen Aufstieg, diesmal um den der preußischen Dynastie vom Kurfürstentum über das Königtum hin zum Kaisertum. Wenn dieser Aufstieg mit dem Großen Kurfürsten beginnt, so hat das neben der fraglos gegebenen Historizität auch den Grund, dass er als erster Gönner der "réfugiés" besonders geehrt und gefeiert werden soll. Zugleich feierten sich die Nachkommen der "réfugiés" mit dieser Darstellung auch selbst, meinten sie doch - wie beschrieben - an dem Aufstieg Preußens und der Hohenzollern einen erheblichen Anteil gehabt zu haben. Mochte auch das alte Selbstbild der Hugenotten 1885 von einem neuen abgelöst worden sein, die unverbrüchliche Loyalität gegenüber den Hohenzollern blieb als Konstante bestehen. Nicht umsonst lautete die Umschrift dieser Seite der Medaille: "Gott schütze unsere Herrscher".
Die veränderte Wahrnehmung ihrer Geschichte, die sich während der 200-Jahrfeier in Bild und Schrift äußerte, blieb nicht auf die Gruppe der Hugenotten beschränkt. Ihre nunmehr von dieser Wahrnehmung mitgeprägte Identität wirkte auch auf das Bild, das sich ihre Umgebung von ihnen machte. Der Reichskanzler Otto von Bismarck brachte es auf den Punkt, als er von den Hugenotten als von den besten Deutschen sprach (Anm. 3) - ein Wort, mit dem sich die Hugenotten im Folgenden gern identifizierten.
Das Bild von den Hugenotten als den besten Deutschen blieb aus hugenottischer Perspektive bis zum Ende des "Dritten Reiches" identitätsstiftend, mochten die NS-Ideologen in ihrer rassistischen Perspektive den Hugenotten auch nicht ganz diesen Status zugestehen: Deutsche mit französischen Vorfahren schienen für sie nicht besser als Deutsche mit deutschen Vorfahren. Hugenottennachkommen waren vielmehr "nur" genauso "zu achten ... [wie] ein sonstiger deutscher Volksgenosse". (Anm. 4) Allerdings galten sie - ganz anders als etwa die jüdische Minorität im nationalsozialistischen Deutschland - dennoch stets als eine positiv zu bewertende Minderheit: "Die Hugenotten, die seinerzeit aus Frankreich ins Reich kamen, [stellen] eine besonders positive Auslese besten germanischen Blutes [dar]." (Anm. 5)
Abbildung 15: Foto der Gefallenenehrung auf dem Friedhof der Französischen Kirche zu Berlin in der Liesenstraße durch Pfarrer Richard Lagrange am 31. Oktober 1935.
Quelle: Karl Ahrendts (Hg.): Die Feier der 250. Wiederkehr der Aufnahme der Hugenotten durch den großen Kurfürsten in Brandenburg-Preußen. (Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685 durch die Französische Kirche in Berlin), Berlin 1936, S. 53.
Im Gegenzug suchten sich die Abkömmlinge der "réfugiés" diese Einschätzung nicht zuletzt durch größtmögliche Loyalität in Wort und Tat gegenüber dem NS-Staat zu erhalten und auszubauen. Das beweisen die Reden und Publikationen zum 250jährigen Jubiliäum des Edikts von Potsdam im Jahre 1935. (Abbildung 15) So erklärte etwa Richard Lagrange, Pfarrer der Französischen Kirche zu Berlin, im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten am 31. Oktober 1935: "Gerettet aus der Not empfanden unserer Väter ihre Pflicht und Schuldigkeit gegen Gott. [...] In Treue erfüllten sie in ihrem bürgerlichen Leben ihre Pflicht. [...] Ihre Treue [soll] lebendig werden in unserer Treue und es soll uns keiner übertreffen in der Liebe zu unserem Führer [Adolf Hitler] und zu diesem unserem deutschen Volk und Land". (Anm. 6)
__________________________
Anmerkungen
- Es handelte sich um Die Kolonie (1875-1877, 1880-1882) und Die Französische Colonie (1887-1906). Vgl. dazu: Ursula Fuhrich-Grubert: Von der "Kolonie" zur "Französischen Colonie", in: Hugenotten 65 (2001), S. 113-123, hier insbesondere S. 116 und S. 118.
- Vgl. Eduard Muret: Geschichte der Französischen Kolonie in Brandenburg-Preußen, unter besonderer Berücksichtigung der Berliner Gemeinde. Aus Veranlassung der Zweihundertjährigen Jubelfeier am 29. Oktober 1885, Berlin 1885, S. 55.
- ANONYM: Eine Bismarck-Erinnerung, in: Der Deutsche Hugenott 1 (1929), S. 10.
- Evangelisches Zentralarchiv Berlin, 7/11424, Schreiben der Parteikanzlei an das Consistorium vom 20.9.1941.
- Evangelisches Zentralarchiv Berlin, 7/11424, Schreiben der Parteikanzlei an das Consistorium vom 20.9.1941.
- Karl Ahrendts (Hg.): Die Feier der 250. Wiederkehr der Aufnahme der Hugenotten durch den großen Kurfürsten in Brandenburg-Preußen. (Edikt von Potsdam vom 29. Oktober 1685 durch die Französische Kirche in Berlin), Berlin 1936, S. 54.





