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'Aufenthalt in Paris'
 
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Aufenthalt in Paris

Die meisten deutschen Revolutionsreisenden kamen nur zu einem Kurzaufenthalt nach Paris, in der Regel in den Jahren 1790 und 1791, die man auch als die schönen Jahre der Revolution bezeichnen kann. Einige sind länger geblieben, Schlabrendorff, Oelsner und Reinhard beispielsweise, und nur wenige haben die revolutionären Ereignisse bis zum Thermidor und darüber hinaus erlebt oder besser gesagt überlebt. Der Kriegsausbruch im Frühjahr 1792 hatte zur Folge, dass kaum noch Reisende nach Paris kamen, und wenn, dann geschah dies im Gefolge des Krieges, wie im Falle des verbummelten Magisters Christian Laukhard, der schon bald in einer umfangreichen Autobiographie von seinem Leben als preußischer Soldat, Gefangener und Deserteur berichtete und dabei anschaulich die politischen Zustände in Frankreich beschrieb.

Portrait Georg Forsters, der erstmals 1790 Paris besuchte. Im März 1793 kam er als Abgesandter des rheinisch-deutschen Nationalkonvents nach Paris, eine Reise, die ihn in den Strudel der Terreur der Jakobiner zog. Seine Eindrücke fasste er in einer Reisebeschreibung zusammen, in der er über die Schilderung der unmittelbaren politischen Begebenheiten auch über den Sinn und das Wesen der Revolution reflektiert. (vgl. Text)

Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Adam_Forster

Mehr unfreiwillig war der Aufenthalt Georg Forsters [1] in Paris im Winter 1793. War er im Frühjahr 1790, begleitet von Alexander von Humboldt, nur für wenige Tage in Paris, ohne dass damals die Revolution sein eigentliches Ziel war, so kam er im März 1793, nun durch die revolutionären Vorgänge politisiert, als Abgesandter des rheinisch-deutschen Nationalkonvents nach Paris, um der bewunderten französischen Republik die Aufnahme der linksrheinischen Gebiete zwischen Landau und Bingen anzubieten. Doch der Vorstoß der Koalitionstruppen vereitelte nicht nur diesen Anschluss, sondern schnitt Forsters Rückweg nach Mainz ab. Mit ihm verfasste der erste deutsche politische Emigrant im revolutionären Frankreich seine Reisebeschreibung, die über die Schilderung von unmittelbaren politischen Begebenheiten, öffentlichen Meinungen und Verhältnissen hinaus Reflexionen über Sinn und Wesen der Revolution enthielt und sich damit weit von den emphatischen Reiseschilderungen der Anfangsphase entfernt hatte.

Dem politisch Verfolgten Forster, der nach wenigen Monaten in Paris an einer schweren Krankheit starb, folgten bald andere Emigranten: der Kieler Universitätsprofessor Karl Friedrich Gramer, dem man 1794 wegen seiner revolutionären Gesinnung seinen Lehrstuhl entzogen hatte; der Publizist Georg Friedrich Rebmann [2] , der sich der Verhaftung in Sachsen durch seine Flucht über das dänische Altona nach Paris 1796 entzog. Denn mittlerweile hatten die deutschen Regierungen ihre anfängliche Offenheit gegenüber der Französischen Revolution und ihren deutschen Sympathisanten längst aufgegeben, und umgekehrt war die politische Reiseliteratur sehr viel direkter und offensiver geworden, nachdem die Freiheitspilger der ersten Jahre allenfalls verdeckte Spitzen gegen die deutschen Zustände vorgebracht hatten.

Auch für deutsche Revolutionsreisende war die Terreur eine Zeit höchster Bedrohung, in der sie sich der Verhaftung oft nur durch Flucht oder Untertauchen entziehen konnten. Das Bild von Charles-Louis Muller trägt den Titel "Appel des dernières victimes de la terreur à la prison Saint Lazare à Paris les 7-9 Thermidor an II."

Quelle: www.histoire-image.org/site/oeuvre/analyse.php

Dass der Zeitpunkt der jeweiligen Begegnung mit der Französischen Revolution und die Dauer dieser Erfahrung bei grundsätzlich ähnlichen theoretischen Voraussetzungen zu einem konträren politischen Urteil führen können, beweisen nicht zuletzt Oelsner und Forster, die zu einer völlig gegensätzlichen Einschätzung der revolutionären Volksbewegung und ihrer Rolle für den Fortgang der Revolution kamen. Freilich blieb es Forster erspart, wie Wilhelm von Humboldt mit Blick auf das Chaos der Schreckensherrschaft kühl konstatierte, die Widersprüche zwischen seinen großen Hoffnungen auf einen notwendigen Fortgang der Revolution im Dienste der Menschheit und den tatsächlichen politisch-sozialen Bedingungen unter der revolutionären Diktatur des Jahres II der Republik selbst zu erleben.

Über die materiellen Lebensbedingungen der Deutschen im revolutionären Paris wissen wir bislang wenig; ihre Schriften geben darüber kaum Auskunft. Aus unveröffentlichten Briefen Oelsners, der von seiner Feder leben musste, geht hervor, dass er sich oft nur von einer Tasse Schokolade pro Tag ernähren konnte. Immer wieder bat er seine Freunde um Unterstützung und Vorschüsse. Was für ihn galt, dürfte auch für andere zutreffen: die Teuerung und rasche Geldentwertung ging auch an den Revolutionspilgern nicht spurlos vorüber, nachdem die mitgebrachten Mittel bald aufgebraucht waren und die finanzielle Verbindung zur Heimat durch den Krieg abgerissen war.

Die Hinrichtung König Ludwigs XVI. am 27. Januar 1793 stellte einen der Höhepunkte der Terreur unter den Jakobinern dar (zeitgenössischer Stich).

Quelle: perso.wanadoo.fr/j.marchal/histoire/datgh79.html

Zu einer Existenzbedrohung wurde schließlich ein Dekret des Konvents vom 1. August 1793, das allen Fremden, die nach dem 14. Juli nach Frankreich gekommen waren, die Verhaftung androhte. Die wenigen Revolutionsfreunde, die unter der Terreur noch im Lande geblieben waren, konnten sich dem nur durch Flucht oder Untertauchen entziehen.

Mehr wissen wir über das politisch-gesellige Leben der Deutschen in Paris. Vielfach bezeugt sind ihr enger Kontakt untereinander und ihre Verbindung mit einzelnen politischen Repräsentanten wie dem Abbé Sieyès [3] , Mirabeau [4] , Condorcet [5] oder den Girondisten [6] . Halem berichtet 1790 von einem deutschen Klub im Hotel de la Marine, Rue des Petits Champs, den er "einem jeden Reisenden empfehlen" könne. Dort fänden sich "in einigen hübschen Zimmern ... die besten vaterländischen Journale". Der Klub zählte etwa dreißig Mitglieder, lauter Deutsche und Schweizer, und mit einem "Empfehlungsschreiben von einem geachteten und bekannten deutschen Gelehrten versehen", könne man dort ohne besonderes Aufnahmegeld bei einem monatlichen Beitrag von sechs Franken Mitglied werden.

Emmanuel Joseph Sieyès, dit l'Abbé Sieyès, ecclésiastique, est élu en 1789 député du Tiers Etat où il joue un rôle important lors des journées du Jeu de Paume et au début de la constituante. Il travaille surtout à la rédaction des constitutions successives. Membre du Directoire en 1795 puis en 1799, il prend part au coup d'Etat de Bonaparte du 18 brumaire.

Quelle: revolution.1789.free.fr/Les_personnages.htm

Mittelpunkt der deutschen Kolonie war Graf Schlabrendorff, der in seinem kleinen Zimmer im Hotel des Deux Siciles, in der Rue de Richelieu, die übrigen deutschen Besucher empfing: Oelsner, Reinhard, Kerner, Förster, Wilhelm von Humboldt und andere. Auch stellte er Kontakte zu den politischen Klubs der Hauptstadt und den politischen Führern der Revolution her. Auch Oelsner, ein enger Gefolgsmann Schlabrendorffs, war auf Grund seiner langen und intimen Kenntnisse der Stadt und ihrer politischen Szene bald ein wichtiger Kontaktmann. Wie gut seine politischen Beziehungen waren, beweist auch die Tatsache, dass er seit 1790 Mitglied der Nationalgarde war, eine Auszeichnung, die das Gesetz Ausländern in der Regel erst nach fünfjährigem Aufenthalt zubilligte. Wie wichtig solche politischen Kontakte auch für die politische Erfahrung und Anschaulichkeit waren, zeigt nicht zuletzt die Dichte der politischen Berichte von Oelsner.

Gleichwohl blieben die deutschen Revolutionspilger in ihrer Mehrheit nur Zuschauer, deren Zeugnis oft von der Zufälligkeit der Augenzeugenschaft abhängig war. Ihre Informationen bezogen sie meist aus der Presse und aus der Flut der publizierten Dekrete und Protokolle. Hinzu kamen unmittelbare Eindrücke durch gelegentliche Besuche auf den Zuschauerrängen der Nationalversammlung im Ballhaus in Versailles und seit dem Oktober 1789 in der Salle de Manege in Paris oder in den politischen Klubs, ergänzt durch gelegentliche persönliche Kontakte. Doch keiner von ihnen wurde zum politischen Akteur. Nur wenige Reiseberichterstatter haben die Französische Revolution über einen längeren Zeitraum erlebt und auch durchlebt. Das erlaubte es ihnen, eine einmal gefasste Meinung von der Revolution beizubehalten und durch ihren Besuch nur bestätigt zu finden. Das gilt für den Enthusiasmus der Anfangsphase, aber auch für die rasche Abkehr von der Revolution seit 1792. Immer wieder bestimmen Missverständnisse und Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse das Urteil.

Medien für die "Aufklärung des Volks": Die Pressefreiheit wurde 1789 in der Erklärung der Menschenrechte proklamiert und in die Verfassung von 1791 aufgenommen. Eine Flut von Zeitungen, Pamphleten und Flugschriften wurde publiziert und erreichte alle Volksschichten.

Quelle: www.univie.ac.at/igl.geschichte/europa/FR/Petz/Startseite.htm

Oelsner, dessen intensive Erfahrung der Revolution ihn zu immer neuen Revisionen seines Geschichtsbildes zwang, hat beschrieben, wie das vielfach enthusiastische Urteil seiner Landsleute zustande kam: "Jeder Fremde, besonders aber Deutsche, der nach Frankreich kommt, wird geblendet von den Eigenschaften des Volkes. Nie hat solches mehr stattgefunden als zu Anfang der Revolution. Man traf da in dem Munde des gemeinsten Mannes die reifsten Grundsätze der Staatskunst, man hörte ihn seine Sprache mit mehr Leichtigkeit und Präzision reden, als man in Deutschland nur noch sehr selten im Umgange der gebildeteren Klassen findet. Dabei standen hundert Journalisten und zehntausend Gesellschaftsplauderer bereit, die Klugheit und den Verstand des gemeinen Mannes herauszustreichen und Bonmots aus seinem Munde zu erzählen ... Die öffentlichen Ereignisse hatten nur erst die gemäßigten Leidenschaften der Eitelkeiten und so weiter aufgeregt, so dass die Vernunft das Übergewicht behauptete und gesunde Einsichten gleichsam ansteckend geworden waren. Ein Fremder musste also geblendet werden. Ich übertrieb mir daher anfangs wie alle anderen die Aufklärung des Volkes. Beobachtung und fleißiger Besuch der Volksgesellschaften lehrten mich jedoch früher als tausend andere, dass die angebliche Volksaufklärung in vielen wesentlichen Stücken bloße Gleißnerei sei, den gebildeten Ständen abgeborgter Glanz und die Erfahrung hat solches leider nur zu sehr bestätigt. Seitdem die gebildeteren Klassen zerstört worden sind, ist die Freiheit in Frankreich weiter nichts als ein neuer Aberglaube an die Stelle des alten gesetzt."

"Der größte aller Despoten wird von der Freiheit überwältigt": Pariser Bürger stürzen 1792 ein Denkmal Ludwigs XIV., der Symbolgestalt des Absolutismus.
(zeitgenössischer Stich)

Quelle: Thamer 1989, S. 515

Oelsners schmerzlicher Lernprozess, der ihn vom aufklärerischen Utopisten zum skeptischen Liberalen machte, lässt sich als Reflex der wichtigsten Knotenpunkte in der Geschichte der Französischen Revolution bestimmen. Ihm wollen wir uns anschließend zuwenden und zunächst bei der Beschreibung des anfänglichen Enthusiasmus bleiben. Dort erwähnt Oelsner jenen Leitbegriff der Aufklärung, der zum Vehikel der frühen Revolutionsdeutung wird: die Vernunft.