| "Die alte Linke setzt ihre Organisationsmacht ein und bricht
die Handlungsstrategie und Zielorientierung der Neuen Linken. Die
Austragung des Konfliktes wird in die institutionellen Bahnen des
Tarifvertragssystems überführt." |
Die kommunistisch orientierte Gewerkschaft CGT
geht nicht auf "autogestion" als Ziel eines gesamtgesellschaftlichen
Wandlungsprozesses ein, sondern wertet die Konzeption, die primär
auf Veränderung der Macht- und Entscheidungsstrukturen, nicht der
Eigentumsverhältnisse orientiert ist, als "formule creuse"
[13]
ab. Sie bekämpft die Koalitionen von Studentenbewegung und Arbeiterbewegung,
sie verhindert, wo immer möglich, einen direkten Kontakt zwischen
Studenten und Arbeitern in den Betrieben und grenzt sich vehement von
der Symbolfigur der Studentenbewegung, Daniel Cohn-Bendit,
ab. Sie setzt ihre ganze Organisationsmacht ein, um die soziale Bewegung,
die bereits eine Paralyse des gesamten Wirtschaftslebens herbeigeführt
hat und potenziell (7,5-9 Millionen Franzosen befinden sich im Streik)
in eine revolutionäre Situation umschlagen kann, in die geregelten
Bahnen des intermediären Interessenausgleichs zu überführen.
Als treibende Kraft einer schnellen tarifvertraglichen Schlichtung, die
in die Vereinbarungen von Grenelle (27. Mai) mit Vertretern von Regierung
und Unternehmern mündet, entdramatisiert sie die soziale Krise, indem
sie sich traditioneller Konfliktlösungsmuster bedient. Durchzusetzen
vermag sie indes ihre Strategie und Zielorientierung an der Basis der
Streikbewegung zunächst nicht.
|
Daniel Cohn-Bendit während
der Maiunruhen in Paris 1968
|
 |
|
|
|
Die Vollversammlungen in den Betrieben begehren gegen die Tarifvereinbarungen
auf. Die Arbeit wird nicht wieder aufgenommen. Doch die Streikbewegung
bleibt auch nach Grenelle unter Führung der Gewerkschaften, wenngleich
die Ergebnisse der Tarifverhandlungen abgelehnt worden sind. Sie leiten
auf Betriebs- und Branchenebene neue Verhandlungen über die Neugestaltung
der Arbeitsbeziehungen und Lohnskalen ein und setzen weiterhin alles daran,
die spontanen Proteste auf eine institutionelle Ebene zu transferieren.
Die Streikbewegung wird zum Arbeitskonflikt, dessen heterogenen Forderungen,
auf verschiedene Kommissionen und Gremien zur Beratung verteilt, wirtschaftlich
berechenbaren Kompromißlösungen zugeführt werden. Weder
die Unternehmensverfassung noch die Wirtschaftsordnung stehen mehr zur
Disposition. Indes ist der einsetzende Dialog zwischen Arbeitgebern und
Gewerkschaften die Folge des Drucks der Streikbewegung, welche die Bereitschaft
zu Tarifverhandlungen seitens der Arbeitgeber und deren Kompromißfähigkeit
überhaupt erst erzwangen. In den Vereinbarungen von Grenelle erklärten
sich die französischen Unternehmer erstmals zur Anerkennung der Gewerkschaften
in den Betrieben bereit. Sie garantieren die freie gewerkschaftliche Betätigung
der Gewerkschaftssektionen in den Betrieben, das Versammlungsrecht für
Gewerkschaftsmitglieder, das Recht zum Anschlagen gewerkschaftlicher Mitteilungen im Betrieb, die Verbreitung gewerkschaftlicher Zeitungen. [14]
So mündet die spontane Streikbewegung in eine Stärkung der Stellung
der Gewerkschaften im Betrieb.
|
|
Revolte im Quartier Latin 1968
|
| Internet-Quelle |
|
Verglichen mit der Bundesrepublik erreichen die Arbeiter damit noch kein
der Institutionalisierung der industriellen Beziehungen vergleichbares
Niveau. Mitbestimmung i. S. der deutschen Gewerkschaftstradition wurde
von den französischen Gewerkschaften jedoch auch gar nicht gefordert,
da Mitbestimmung aus ihrer Sicht eine Begrenzung ihres Handlungsspielraumes
implizierte; auch eine Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen mit dem
Ziel einer für eine festgeschriebene Vertragsdauer beidseitig bindenden
Pflicht zur Einhaltung der Vereinbarungen lehnten sie ab. Die Parole "autogestion"
brachte eine Stimmung zum Ausdruck, wurde von einer Minderheit inhaltlich
ausgedeutet, fand jedoch ebenfalls keine institutionalisierbare Form.
Der Aufbau einer Selbstverwaltung in den Betrieben wird nur in wenigen
Fällen probiert, die Mehrzahl der Streikenden sucht die Lösung
der sozialen Krise auf der politischen Ebene, macht nicht in der "pouvoir
patronat", sondern im Gaullismus den Gegner fest. Sie forderte einen
politischen Machtwechsel als Voraussetzung sozialer Strukturreformen.
Damit verschieben sich die Zielorientierung der Bewegung und die Mittel
zur Lösung des Konflikts. Die Gewerkschaften haben Lösungen
angebahnt, durchzusetzen vermögen sie diese zunächst nicht.
Nach dem Scheitern der Vereinbarungen von Grenelle treten sie als Akteure
hinter die politischen Parteien zurück. Die soziale Bewegung tritt
in eine neue Arena ein, in der sie aufgrund ihres spontanen und antiparteilichen
Charakters strukturell nicht verankert ist und auf die ihre zentralen
Trägergruppen konzeptionell nicht vorbereitet sind.
|