| "Der Studentenprotest wird in die Arbeiterschaft vermittelt
durch ein 'kritisches Ereignis'." (Bourdieu) |
Das "kritische Ereignis", das die Wahrnehmung sozial heterogener
Gruppen synchronisiert, ist die Nacht
der Barrikaden (10./11. Mai), in der Studenten und Jugendliche, im
Anschluß an eine friedliche Demonstration, eine Enklave innerhalb
des Quartier Latin besetzen. Spontan und spielerisch beginnen sie innerhalb
des besetzten Gebietes, Barrikaden zu bauen, entschlossen, das durch sie
abgeriegelte Gebiet erst zu verlassen, wenn die Regierung ihre Forderungen
erfüllt hat. Diese beziehen sich auf die Freilassung von im Verlauf
einer Demonstration gefangen genommenen und inhaftierten Studenten, auf
die Wiedereröffnung der Sorbonne, die der Rektor schließen
und von Polizeikräften bewachen ließ und auf den Abzug der
Polizei aus dem Quartier Latin.
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Die Nacht der Barrikaden im Quartier
Latin (10. auf 11. Mai 1968)
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| Internet-Quelle |
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Die Barrikaden von Paris in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai sind ein
historisches Zitat. Errichtet von Schülern und Studenten in Kenntnis
der Bedeutung der Barrikaden in den Tagen der Kommune (1871) und der Befreiung
der Stadt von der deutschen Besatzung (1944), beschwören sie Erinnerungen
an Vorbilder
herauf, ohne deren Abbilder
zu sein. Sie haben keinen instrumentellen, sondern expressiven Charakter.
Erst im Verlauf dieser provokativen Aktion und des ihr folgenden Polizeieinsatzes
werden die Proteste der Studenten politisiert durch das Echo der Medien,
die Reaktion der Öffentlichkeit, die Maßnahmen der Regierung
und der Gewerkschaften.
Der Aktionismus der Studenten zieht die Massenmedien an. Durch die Vermittlung
zweier Radioübertragungswagen, die unmittelbar nach Errichtung der
ersten Barrikaden in das besetzte Gebiet gefahren sind, wächst die
Außenwirkung der Bewegung. Sie sprengt nicht nur die Grenzen des
Quartier Latin, sondern wirkt weit über die Hauptstadt hinaus. Durch
die Medienberichterstattung wird eine Öffentlichkeit konstituiert,
die aufmerksam registriert, was passiert und sich ein Meinungsbild macht.
Der Studentenprotest springt von Paris auf die Provinz über.
Die Regierung gerät unter einen Erwartungsdruck und Zugzwang, wobei
ihr Legitimitätsverlust droht; gleichviel, ob sie nachgiebig reagiert
oder repressiv. Unter Handlungsdruck gestellt, fehlt es ihr an einer überzeugenden
Handlungskonzeption und Entscheidungsfähigkeit. In Abwesenheit des
Premierministers haben die zuständigen Ressortminister Schwierigkeiten,
sich zu koordinieren. Nach langem Zögern läßt der Innenminister
die Barrikaden durch Polizei- und CRS-Truppen
in den frühen Morgenstunden des 11. Mai räumen. Die Brutalität
des Polizeieinsatzes (eine "Schlacht ohne Gnade" wie "Der
Spiegel" schreibt) ruft noch in der Nacht vehemente öffentliche
Proteste hervor.
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"La Police attaque l'Université"
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Das "kritische Ereignis" Barrikadennacht durchbricht den Alltag
und die normale Ordnung der Dinge, synchronisiert die Wahrnehmung sozial
heterogener Gruppen, macht die Zeit zur öffentlichen Zeit, identisch
für alle, gemessen an denselben Bezugspunkten. Es führt die
Solidarisierung der französischen Gewerkschaften mit der Studentenbewegung
und ihren Forderungen herbei - nicht nur in Worten, sondern Taten. Die
Gewerkschaften rufen landesweit zum 24-stündigen Generalstreik und
zu Protestkundgebungen auf, um gegen die Repression zu protestieren und
den Forderungen der Studenten Nachdruck zu verleihen. Um mehr geht es
zunächst nicht.
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