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'Die Polarisierung des Feindes und ihre Ambivalenzen'
 
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Die Polarisierung des Feindes und ihre Ambivalenzen

Der Krieg von 1870/71 [1]  brachte die neue deutsche Wirklichkeit schlagartig weiten Kreisen der französischen Öffentlichkeit ins Bewusstsein. In der Tat hat man in Frankreich den preußisch-deutschen Sieg nicht nur als militärische Operation gewertet, sondern auch und ganz besonders als Sieg der deutschen Wissenschaft. Dieses Ereignis eröffnete in der französischen Geschichte die Periode, die Claude Digeon [2]  (1992) als "deutsche Krise des französischen Denkens" bezeichnet hat. Damit ist ein grundlegend ambivalentes Verhältnis bezeichnet. Einerseits ist das Bismarcksche Reich nun der entschiedene nationale Gegner, der seine Interessen gegen Frankreich richtet und rücksichtslos ausspielt, den humanistischen Schleier fallen lässt und seine wahre barbarische Natur offenbart, die Antithese zum universalistischen französischen Konzept der menschheitsbeglückenden "civilisation". 

Abbildung 7:

Der deutsch-französische Krieg 1870/71 markiert ein Ereignis in der deutsch-französischen Geschichte, die Claude Digeon in seinem 1992 erschienen Buch als "deutsche Krise des französischen Denkens" bezeichnet hat.

 

 

 

 

 

Internet-Quelle [3]

Auf der anderen Seite jedoch wurde Preußen zu einer Art Modell: So wie es 1806 gegen Napoleon darniedergelegen habe, sich durch radikale Reformen, effizientes Wirtschafts-, Verwaltungs-, Bildungssystem und von einem zähen Willen getragen hochgekämpft habe, so müsse nun Frankreich einen ähnlichen Weg einschlagen, um den im Augenblick noch triumphierenden Gegner einzuholen und Revanche für die Abtrennung Elsass-Lothringens zu üben. Man brauche einen französischen Fichte [4] , so hieß es, der die Nation wachrütteln und den Weg zur "régénération" weisen solle - ein gutes Beispiel für die Interaktivität der fraglichen Prozesse, in diesem Fall die Rezeption der Theorie von der Geburt der deutschen Nation aus den Stein-Hardenbergschen Reformen [5] .

Aus dieser Zeit datiert auch die Unterscheidung zwischen einem "guten" und einem "schlechten" Deutschland. Das "gute" Deutschland sei friedfertig, philosophisch verträumt, poetisch, weltfremd, ungeschickt aber großherzig und altruistisch: das Deutschland der Madame de Staël. Das "böse" Deutschland sei militaristisch, unzivilisiert und vielfach noch barbarisch, selbstsüchtig, falsch, nur auf seine eigenen Interessen bedacht, dabei kaltblütig und preußisch effizient: das Deutschland Edgar Quinets [6] , das in Bismarck Gestalt gewonnen habe. Dem ersten fühle sich Frankreich verwandt, es sei sein positives Gegenbild. Dem anderen gegenüber müsse es seine Existenz verteidigen, verharre es in unversöhnlicher Feindschaft.

Abbildung 8:

Trop chargé - ça crèvera! Diese Karikatur von Honoré Daumier aus dem Charivari der 1860er Jahre vermittelt das Deutschlandbild Frankreichs, das in einem von Preußen geeinten Deutschland mehr und mehr eine imperialistische Gefahr sieht, von der die Demokratie und das Selbstbestimmungsrecht der Völker missachtet werden.

 

 

Quelle: Le Charivari, 16.04.1867 (vgl. Beitrag von Bendick/v.Seggern [7] )

Abbildung 9:

Die deutsch-französischen Beziehungen waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem durch den Konflikt um die Vorrangstellung in Europa geprägt.

 

 

 

Internet-Quelle

Zwei Beispiele mögen diese mehrschichtige Sichtweise kurz erläutern, die Hochschulpolitik und die Wagner-Rezeption. Was das Bildungssystem anlangt, so herrschte in Frankreich nach 1870 die Meinung vor, die deutsche Universität habe einerseits ihre technische Überlegenheit im Krieg bewiesen. Insofern müsse man sich von den Methoden und Konzepten des deutschen Hochschulsystems inspirieren lassen. Zugleich jedoch habe die deutsche Wissenschaft - exemplarisch verkörpert in Mommsens Aufruf an die Italiener, - die Ideale der uneigennützigen Forschung verraten. Nun verstehe man mit einem Mal, so hieß es in der ursprünglich sehr deutschfreundlichen Revue critique, mit welchen Hintergedanken die deutschen Linguisten die Sprachgrenze in Lothringen so genau ausgemessen hätten. Und von daher erklärt sich nun die Umkehrung, die man bei vielen akademischen Republikanern findet: es sei nunmehr an Frankreich, die Idee der ursprünglich "deutschen" Wissenschaft hochzuhalten und zu bewahren, nachdem die Deutschen selbst sich ihrer unwürdig erwiesen hätten.

Abbildung 10:

Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835) ordnete das preußische Bildungssystem neu, indem er die Ausbildung an den Gymnasien und Universitäten reformierte

 

 

 

 

 

 

 

Internet-Quelle (http://philosophy.sas.upenn.edu)

In diesem allgemeinen Bezugssystem siedelte sich dann die Diskussion um die Reform des Bildungs- und Universitätssystems an, die sich bis zum Ende des 19. Jh. hinziehen und zur Neugründung der Sorbonne führen sollte. Die Partei der Reformer bestand in der großen Mehrheit aus Wissenschaftlern, welche in Deutschland studiert oder sich sonst länger dort aufgehalten hatten: Gabriel Monod [8] , Michel Bréal [9] und Gaston Paris [10] für die Zeit direkt nach 1870, dann Ernest Lavisse [11] , Charles Seignobos [12] , Georges Blondel, Camille Jullian, Emile Durkheim. Auch Marc Bloch [13] , Lucien Herr, Charles Andler und viele andere, die erst in der Zwischenkriegszeit in leitende Positionen aufrückten, kannten die deutsche Universität aus erster Hand, verfolgten die fachliche Produktion der deutschen Kollegen, mit denen sie in regelmäßigem Kontakt standen. Ähnliches gilt, mutatis mutandis, für die Naturwissenschaftler, besonders die Mathematiker und Physiker. So war die deutsche Universität zugleich Modell, dessen Vorzüge man nachahmen, und Schreckbild einer nationalen Pervertierung von Wissenschaft, die man überwinden wollte.

Die Wagner-Rezeption bietet eine andere, ebenfalls aufschlußreiche Konstellation. Schon seit dem "Lohengrin"-Skandal [14] von 1861 mischten sich, etwa in den Schriften des einflußreichen Kritikers Fétis, nationale Argumente in die Ablehnung Wagners. Die nationale Argumentation verstärkte sich nach dem Krieg von 1870, zumal ja auch Wagner selbst ins nationale Horn geblasen hatte. Die Wagner-Anhänger rekrutierten sich in Aristokratie und Großbourgeoisie, darunter auch ein bedeutender jüdischer Anteil. Von einer sozialen Elite getragen, wurde Wagner hier zur Verkörperung der musikalischen Avantgarde, wobei man sich über die politischen Argumente des sich antideutsch profilierenden Wagner-Widerstands der konservativen Kreise erhaben fühlte. So kristallisierten sich in der Rezeption die Ambivalenzen im Verhältnis zu Deutschland ebenso wie die inneren Spannungen der Eliten.

Abbidlung 11:

Richard Wagner, wegen seiner "nationalen" Themen eine der umstrittensten Persönlichkeiten der deutschen Musik, dessen Aufführungen im Paris der 1860er Jahre Skandale auslösten.

 

 

 

 

 

 

 

Internet-Quelle

 

Auch auf dem Gebiet der Bildenden Künste - wie die Musik ein Sektor, auf dem sich ein hoher Grad von Internationalisierung der entsprechenden Märkte und kritischen Foren mit nationalen Diskursen verband - bestanden intensive Wechselbeziehungen. Erinnert sei nur an die von der französischen Avantgarde in Deutschland ausgelösten Diskussionen, an die Tätigkeit der Sammler und Kunstkenner wie Meyer-Graefe und Harry Graf Kessler oder Kunstverleger wie Paul Cassirer, sowie an die Tatsache, dass öffentliche Museen in Deutschland auf Hinwirken von Persönlichkeiten wie Tschudi Werke der französischen Moderne ankauften, lange bevor diese Eingang in französische Museen finden sollten.

Schließlich sorgte der rasche Fortschritt der Informationsmedien und des Transportwesens für eine intensive Vernetzung der öffentlichen und privaten Kommunikation. Das internationale Echo auf die Dreyfus-Affäre [15] belegt z. B. die Entstehung einer transnationalen Öffentlichkeit, in der die Argumente rasch zirkulierten und wo sich die nationalen Diskussionssphären partiell - negativ wie positiv - miteinander verkoppelten; dies ein Zeichen nicht nur von früher Globalisierung des Meinungsmarktes, sondern auch für die wachsende wirtschaftliche Verflechtung der Produktions- und Konsumtionsmärkte in und außerhalb von Europa.