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Ein neuer Blick auf den Rhein?

 

 

 

 

 

 


Internet-Quelle [1]

Kehren wir zurück ins Jahr 1919. Frankreich grenzt wieder an den Rhein. In Straßburg entsteht eine neue, eine französische Universität (49). Die Leitung des Institut d'histoire moderne (im Sinne von neuerer, nicht von zeitgenössischer Geschichte) übernimmt der damals 41jährige Lucien Febvre [2] , der bis dahin einen Lehrstuhl für burgundische Geschichte in Dijon innehatte und während des Krieges an diversen Frontabschnitten eingesetzt war. Als Besatzungsoffizier kam er zum ersten Mal ins Rheinland. Als Historiker fuhr er dann von Straßburg aus in regelmäßigen Abständen nach Mainz, um am dortigen Centre d'études germaniques Vorlesungen zur deutschen Geschichte des 16. Jahrhunderts zu halten - auf Französisch natürlich und nur für Franzosen, denn die deutsche Bevölkerung nahm von solchen Besatzungsinstitutionen keine Notiz. Die krisenhafte Atmosphäre der rheinischen zwanziger Jahre hat Febvre also selbst erlebt.

Die Neuregelung der deutsch-französischen Grenze im Versailler Vertrag

Durch den Versailler Vertrag musste Deutschland nicht nur 13% seines Reichsgebiets mit 10% seiner Bevölkerung abtreten, sondern verlor auch alle seine Kolonien. Zudem wurde das Landheer auf 100.000, die Marine auf 15.000 Mann beschränkt. Auch hohe Reparationsleistungen in Geld- und Sachlieferungen sowie zahlreiche wirtschaftliche Beschränkungen und schliesslich die Zuweisung der alleineigen Kriegssschuld liessen den Versailler Vertrag in Deutschland auf breite Ablehnung stossen.

Quelle: F.A. Brockhaus A.G.

Heute wird sein Name v.a. mit dem der Zeitschrift Annales [3]  verbunden, die er 1929 zusammen mit Marc Bloch [4]  gründete und mit der wir die Durchsetzung einer innovativen Sozialgeschichte [5]  assoziieren. Weniger bekannt ist, dass auch dieses Projekt bereits in den allerersten Nachkriegsjahren entstand: als eine Art internationales, demokratisches Gegenstück zur deutschen Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte [6] (50) Führend beteiligt war der belgische Historiker Henri Pirenne, der vor 1914 Mitherausgeber der VSWG war und jetzt, nach den Erfahrungen des Krieges, den er als Deportierter in Deutschland verbringen musste, eine radikale Revision seines Verhältnisses zur deutschen Wissenschaft vornahm: Ce que nous devons désapprendre de l'Allemagne ("Was wir von Deutschland verlernen müssen"), lautete der Titel und der Tenor seiner Ouverture solennelle als Rektor der Genter Universität im Jahr 1921 (51). Pirenne forderte keineswegs einen Kreuzzug gegen die "science allemande"; aber er wollte den früher oft stillschweigend tolerierten Hegemonieanspruch der "deutschen Wissenschaft" kritisieren und ihre aggressiven, chauvinistischen Züge herausheben (52).

Marc Bloch (1886 - 1944)

Marc Bloch war einer der großen Historiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Er wurde 1886 als Sohn einer elsässischen Familie jüdischer Herkunft geboren. Am 16. Juni 1944 wurde er in der Nähe von Lyon als Widerstandskämpfer von der Gestapo erschossen.
Bloch, der zuerst an der Strasburger Universität, später dann an der Pariser Sorbonne lehrte, war ein herausragender Spezialist auf seinem Gebiet der spätmittelalterlichen Geschichte. Gleichzeitig war er ein innovativer Gelehrter, der mit seinen Darstellungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und seinen zahlreichen Schriften zur Methologie neue Impulse zu geben verstand. 1929 gründete er mit seinem Freund Lucien Febvre die Zeitschrift Annales, um die sich eine der fruchtbarsten historischen Schulen bildete. Ihr Kennzeichen ist insbesondere ein interdisziplinärer und vergleichender Ansatz.


Internet-Quelle [7]

Als Febvre im Dezember 1919 in Straßburg seine Antrittsvorlesung mit dem Titel L'histoire dans le  monde en ruines ("Geschichtsschreibung in der Trümmerwelt") hielt, prangerte er ebenfalls den nationalistischen Missbrauch von Wissenschaft an. "Eine Geschichtsschreibung, die dient, ist eine dienerische Geschichtsschreibung", sagte er seinen Hörern (53). "Als Professoren der französischen Universität Straßburg sind wir keine zivilen Missionare eines offiziellen Evangeliums." Deshalb habe er keinerlei "Gegengift" zur Bekämpfung der deutschen Geschichtsmythologie anzubieten und erst recht keine Ersatzdroge: "Wir bringen die Wahrheit nicht als Gefangene in unserem Gepäck mit. Wir suchen sie." Solcher Offenheit entsprach es, wenn Febvre, Bloch und andere künftige Mitarbeiter der Annales, wie z.B. Maurice Halbwachs, von Straßburg aus auf die andere Rhein-Seite schauten und ihr Verlernen mit ei­nem Lernen verbanden. Febvres Geographie-Buch von 1922, sein Luther-Buch von 1928 und eben auch das Rhein-Buch von 1931 waren Ergebnisse dieser Auseinandersetzung. (54)

Auszug aus einer Rezension der Neuauflage von 1997

« Dans ce livre rédigé en 1931, en pleine montée du nazisme, et jamais réédité depuis 1935, Lucien Febvre s'attache à démontrer que loin d'avoir toujours été un fleuve allemand, cette prétendue «frontière naturelle» ou «prédestinée» séparant deux entités nationales, le Rhin - «le vieux Père Rhin» -, a longtemps été un lieu du génie européen brassant, à travers le Saint Empire né sur ses rives, peuples et langues, de la Méditerranée à la mer du Nord. «Le Rhin, fleuve romain, fleuve du monde autant et plus que fleuve allemand», écrivait déjà Michelet cité par l'auteur. Fleuve germanique, mais d'un cosmopolitisme éclatant qui, de Bâle à Dordrecht, ménage à la Rhénanie au cours du Moyen Age une autonomie - dira-t-on une identité? - face aux grands ensembles politiques qui se construisent. » (Daniel Bermond)

Internet-Quelle [8]

Sprechen wir also über dieses Rhein-Buch [9] , das kaum bekannt ist, kaum gelesen wird und auch in Frankreich erst 1997 wiederaufgelegt wurde (55). Dies hängt zunächst mit seiner äußeren Beschaffenheit und seiner Entstehungsgeschichte zusammen. Denn eigentlich handelt es sich "nur" um eine Auftragsarbeit der 1881 gegründeten Straßburger Société Générale Alsacienne de Banque/Allgemeine Elsässische Bankgesellschaft (SOGENAL), die zu ihrem fünfzigjährigen Jubiläum eine anspruchsvolle Festschrift publizieren wollte und dafür das naheliegende Rheinthema auswählte. Wie aus dem Firmenarchiv hervorgeht (56), waren zunächst ganz andere Bearbeiter vorgesehen, nämlich ein hauseigener Ökonom und der oben erwähnte Historiker Charles Schmidt, der nach 1918 die elsässisch-lothringischen Archive reorganisiert hatte. Schmidt hatte seinerseits den an der Sorbonne lehrenden Geographen Albert Demangeon ins Spiel gebracht. Und erst als Schmidt selbst 1928 zum Inspecteur général der französischen Archive und Bibliotheken ernannt wurde und sich aus dem Projekt zurückziehen musste, hatte er Febvre als Ersatz vorgeschlagen. Febvre wiederum war mit Demangeon - der ja auch ein Mitarbeiter der Annales war - seit langem bekannt und hoffte auf eine gute Zusammenarbeit. "Ein Buch über ein solches Thema aus der Feder französischer Wissenschaftler», so schrieb er dem Direktor der SOGENAL, „dürfe einfach „nicht mittelmäßig“ sein; das sei für ihn „eine Frage des Gewissens“ (57) Da die Bank außerdem beiden Autoren das erkleckliche Honorar von je 25 000 Francs anbot, fiel ihnen die Zusage in diesen schwierigen Zeiten besonders leicht. Im Mai 1930 wurden die Autoren außerdem zusammen mit ihren Gattinnen von der Bank zu einer fünftätigen Rheinreise von Mainz nach Rotterdam eingeladen, deren frische Impressionen sich noch in einigen Passagen des Buches wiederfinden (58). So begleitete der Fluss gleichsam ihr Werk.

Dieser Genese des Projekts entsprechend haben sich Konzeption und Gliederung des Buches mehrfach geändert: Am Anfang war eine Dreiteilung in Geschichte, Geographie und Ökonomie geplant; dann schlug Demangeon ein systematischeres Konzept vor, bei dem wirtschafts- und verkehrsgeographische Aspekte im Vordergrund standen und die Historie nur exkursartig eingreifen sollte. Febvre hat schließlich wieder eine Trennung in Historie und Geographie bzw. Ökonomie durchgesetzt. Das Buch erhielt also zwei große Teile: Le problème historique du Rhin ("Das historische Problem des Rheins") und Les problèmes économiques du Rhin ("Die wirtschaftlichen Probleme des Rheins"). Aus Febvres Briefen lässt sich schließen, dass für diese strikte Zweiteilung nicht zuletzt pragmatische Gründe sprachen: Ihm selbst war nämlich der Komplexität des Themas viel stärker bewusst als dem fakten-positivistisch denkenden Demangeon; auch war seine Schreibweise eine völlig andere. Nur durch eine Trennung der Beiträge waren also Konflikte zu vermeiden und eine rasche Niederschrift zu garantieren (59). Das Problem stellte sich 1932 erneut, als es darum ging, das im Jahr zuvor in einer großformatigen, illustrierten und limitierten Luxusausgabe von (immerhin) 1200 Exemplaren erschienene Werk noch einmal für den Buchhandel zu überarbeiten. Febvre war jetzt um eine stärkere Verknüpfung der beiden Teile bemüht - v.a. durch ein gemeinsames Vorwort und eine gemeinsame Conclusio - , aber sein Mitautor war daran kaum beteiligt. "Eine mühsame Arbeit", bemerkte Febvre dazu im Sommer 1932 gegenüber Bloch: "Ich kann De[mangeon] nicht darum bitten, das ist nicht sein Stil, und wenn es nach ihm ginge, würden wir das Buch unverändert nachdrucken. Was mich betrifft, so bin ich dagegen. Wegen der S.[ociété] Gén.[nérale] habe ich mich bewusst kurz gefasst und dadurch auch verkürzt: nichts über Frankreich am Rhein, obwohl dies doch ein großes Thema ist. Und nichts darüber, wie die 'Rheingrenze' mit Haßgefühlen und Leidenschaften aufgeladen wurde. All das muss jetzt neu geschrieben werden..." (60).

Damit wird auch deutlich, wie unzufrieden Febvre mit der ersten Fassung des Buches war. Die Bank-Festschrift war für ihn nur eine "Pflichtübung", ein "pensum" gewesen, wie es in mehreren Briefen heißt. Auch wusste er nur zu gut, dass er nicht die Zeit hatte, die nötigen Forschungen zu unternehmen. So konnte das Ergebnis allenfalls vorläufigen Charakter tragen - über viele Abgründe hinweg. An Pirenne schrieb Febvre 1932, diese Arbeit habe ihn gezwungen, "über tausend Untiefen hinweg zu segeln. Man kann diesen Strom zwar 'befestigen', aber er bleibt immer noch äußerst gefährlich - zumindest für den Historiker!" (61 ). Für die 1935 erschienene Buchhandelsausgabe ist der Text dann auch weitgehend verändert, gestrafft und verbessert worden. Vor allem hat Febvre ein langes Kapitel über die historische und ideologische Funktion des Rheins als "Grenze" neu hinzugefügt. Dadurch erhielt das Ganze eine noch kritischere Ausrichtung.

Wenn wir dieses Buch in die Hand nehmen und lesen, stellen wir fest, dass Febvre ganz ausdrücklich keine Geschichte des Rheins geschrieben hat. Er skizziert vielmehr "Probleme", d.h. er schneidet sich, wie er sagt, ein "Stück aus der Gesamtgeschichte des Rheins" heraus (62). Auf diese Weise will er dazu beizutragen, "die aufziehenden schweren Gewitterwolken zu zerstreuen [1932/35!] und an Stelle einer partikularistischen Geschichtsschreibung des Krieges und des Hasses eine friedliche Geschichtsschreibung des Austauschs und der Kooperation durchzusetzen". Längerfristig solle das Buch, "die Erarbeitung einer menschlichen Geschichte des lebendigen Rheins vorbereiten" (63). Dazu wählt Febvre einen interdisziplinären Zugang: Er stützt sich auf sein geographisches und historisches Wissen, aber auch auf sprachwissenschaftliche Forschungen, wie die von Antoine Meillet, oder auf archäologische Arbeiten, wie die Siedlungsarchäologie Karl Schumachers. Da er um die Lückenhaftigkeit seiner Kenntnisse und der französischen Forschung weiß und da er sich ohnehin an ein breites Publikum "gebildeter Leser" (64) und nicht bloß an Fachkollegen wendet, entspricht seine Schreibweise hier stärker als in jedem anderen seiner Bücher der lockeren Form des historischen Essays. Er verwendet zum Beispiel immer wieder das Stilmittel des "sprechenden Bildes" (65) greift auf eigene Reise-Erlebnisse - wie z.B. Museumsbesichtigungen in Mainz oder Köln - zurück oder wendet sich an die Leser in einer Art fiktivem Dialog. Kein Zweifel: Febvres Text ist ein sprachliches "Feuerwerk", wie ein deutscher Kritiker halb naserümpfend, halb bewundernd vermerkte (66). Innerhalb von Febvres Oeuvre stellt er insofern eine Art Gegenstück zu seinem opus magnum über Rabelais dar, Le problème de l'incroyance au XVIe siècle, das er erst 1942 nach über zehnjähriger Forschung publizierte. Von diesem ebenfalls brillanten und durchkomponierten, aber hochgelehrten Werk schreibt er ausdrücklich im Vorwort: "Ich wäre sehr enttäuscht, wenn man es nur als die Eingebung eines Essayisten, als geistreiche Skizze, als Improvisation betrachten würde" (67). Die Gefahren einer vorschnellen, apodiktischen Essayistik waren Febvre durchaus bekannt. Sein Rhein-Buch aber konnte eben nichts anderes sein als ein Essay, "eine brillante Skizze, eine Improvisation". Darin lag ein Dilemma, vielleicht aber auch eine Chance.

Natürlich lässt sich dieses Buch hier nicht im einzelnen referieren. Aber seine wichtigsten Themen, die fast alle das überlieferte Rheinbild in Frage stellen - und zwar sowohl auf deutscher wie auf französischer Seite - sollen wenigstens kurz angedeutet werden:

  • Erstes Thema: Der Rhein, wie wir ihn erleben, ist keine Naturgegebenheit, sondern ein Produkt der menschlichen Geschichte. Nicht nur die Menschen haben sich dem Fluss angepasst, auch der Fluss ist nicht ohne menschliche Eingriffe denkbar. Es gibt also weder einen geographischen, noch einen humanen Urzustand, wie dies zum Beispiel aus rassenbiologischer Sicht behauptet wird. 
  • Zweites Thema: Der Rhein als Grenze spielt erst seit dem 16. Jahrhundert eine Rolle. Jede retrospektive Identifikation von Deutschen und Germanen, von Deutschland und Reich usw. ist unzulässig. Gegenüber der so beliebten retrospektiven Projektion nationaler Gegensätze des 19. und 20. Jahrhunderts auf das römische oder fränkische Rheinland betont Febvre die Andersartigkeit der spätantiken und mittelalterlichen Gesellschaften, die sich nicht in die Schemata der Gegenwart pressen lassen: „Die Geschichte ist kein Maskenball" (68). In der Entfaltung dieses entscheidenden Themas liegt zweifellos eine der Stärken des Buches. 

Der Rhein als Grenze im 17. Jh.

 

 

 

 

 

Internet-Quelle [10]  

  • Drittes Thema: Die Geschichte des Rheins ist in erster Linie eine Geschichte der Städte und der stadtbürgerlichen Kultur. Der damit verbundene Stadt-Land-Dualismus war allerdings "fatal". Er wirkte destabilisierend und begünstigte die nationale Zersplitterung. Bei diesem Thema kann Febvre endlich auf seinen eigenen Forschungsfundus zurückgreifen. Auch wenn er die frühneuzeitlichen Städte keineswegs verherrlicht - er hebt immer wieder den Egoismus des Bürgertums hervor - , bieten die Stadtrepubliken - und darunter nicht zuletzt Straßburg - in seinen Augen das flüchtige Idealbild einer Kultur, die "zugleich bürgerlich, urban und rheinisch" war.
  • Viertes Thema: Die Tragik der Rheinlande (im Plural) liegt darin, dass sie zwischen Frankreich und Preußen-Deutschland, zwischen Ost und West zerrieben und immer wieder zum Gegenstand von Kriegen und Gebietsschachern wurden - wie etwa 1815 in Wien. Jeder Leser konnte und musste sich hier "Versailles" hinzudenken. Auf die Situation der Nachkriegsjahre geht Febvre nämlich merkwürdigerweise nirgends ein. Seine Skepsis gegenüber einer erzwungenen Französisierung oder separatistischen Politik ist freilich nicht zu verkennen. Auch die Kontroversen des 19. Jahrhunderts erwähnt er nur beiläufig. Um so ausführlicher behandelt er die jahrhundertelange Vorgeschichte des Konflikts und deren nachträgliche Aufbereitung durch die Historiker, die freilich wiederum nur selten beim Namen genannt werden. Febvre kritisiert und dekonstruiert also ein Spektrum historiographischer Positionen; er liefert keine Detailkritik an Texten oder Autoren.

 Die deutsch-französische Grenze (1871-1918) in historischen Postkarten

 

 

 

 
Internet-Quelle [11]

Von allen vier Themen enthielt das vierte natürlich den meisten politischen Sprengstoff. Wer die Rheinlande als Geschichtslandschaft zwischen West und Ost skizzierte, sagte damit zugleich, dass sie keineswegs jenes unverzichtbare deutsche "Herzland" waren, das die Nationalisten der zwanziger Jahre beschworen. Und wer den Rhein als "europäischen Strom" charakterisierte, als "Verbindungslinie" oder "Bindeglied" zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen, argumentierte zugleich gegen die These vom "heiligen deutschen Strom". Aber obwohl Febvre die expansionistische Variante der französischen Politik und den Mythos der "natürlichen Grenzen" ablehnte, kam seine Charakterisierung der deutschen Einigungsbewegung und der Rolle Preußens in ihrer Skizzenhaftigkeit, ja Holzschnitthaftigkeit dem französischen common sense doch erstaunlich nahe. Auch in der zweiten, überarbeiteten Fassung enthält das Buch noch eine Reihe von Passagen, in denen der patriotische Impuls zum Argument avanciert, während der historische Sachverhalt weitgehend im Dunkeln bleibt. Die Ostexpansion der französischen Monarchie etwa und die Eroberung (der "Anschluß") des Elsass durch Ludwig XIV. werden quasi als Befriedung hingestellt (69). Preußen dagegen wird immer wieder ressentimenthaft mit dem Attribut des Östlichen, quasi "Asiatischen" belegt und die preußische Hegemonialpolitik des 19. Jahrhundert ausdrücklich als "Reconquista" bezeichnet. Man ahnt, was der laizistische Autor damit sagen wollte.

Dennoch zeugt gerade dieses Kapitel über die neuere Geschichte der deutsch-französischen Grenze von einem großen Gespür für die eigentliche Probleme der zwischen den "Fronten" lebenden Menschen und die möglichen Wege sozialhistorischer Forschung. Febvres Text ist hier voller expliziter Fragezeichen, und skizziert Ansätze einer neuen Problematik, die man als Mentalitätsgeschichte des deutsch-französischen Grenzraums bezeichnen könnte (70). Diese soll sich weder an fragwürdigen Langzeitdeterminanten wie Rasse, Volk oder auch Sprache orientieren, noch an den kurzfristigen politischen Verfeindungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Hinblick auf die Reaktion der Rheinländer gegenüber den revolutionären Reformen des ausgehenden 18. Jahrhunderts entwickelt Febvre z.B. folgendes Forschungsprogramm: 

"Wo bleiben Analysen der Sozialstruktur, die uns [...] die Reaktionen der Rheinlande gegenüber den revolutionären Reformen verständlich machen würden? Leider tut man so, als ob die Geschichte bis ins letzte Detail nur aus den Vormärschen oder Rückmärschen von Custine bestehen würde, aus diplomatischen Verhandlungen der Rheinländer und Ausschusssitzungen der revolutionären Versammlungen. Niemand fragt [...] nach ideengeschichtlichen Filiationen, die es erlauben würden, dies alles und insbesondere die häufig feindlichen Reaktionen der Völker, Klassen und Religionen gegenüber durchaus liberalen und rationalen Systemen auszuloten. Man denke nur an Trajan, von dem Voltaire sagte, dass er Reformen durchsetzen wollte, ohne den Begünstigten vorher den entsprechenden Wunsch und die entsprechende Begeisterung vermittelt zu haben. Hier liegt der Schlüssel für so viele Schwierigkeiten, die im Laufe der Revolutionsjahre auftraten. Waren die Rheinlande etwa eine tabula rasa, in die erst unsere Revolution ihren [...] Dekalog eingravierte? Solche Vorstellungen sollte man ein für allemal ablegen. Statt dessen möchte ich folgendes Prinzip vorschlagen: Wenn zwei Dynasten, die sich auf einem Terrain festgesetzt haben und es ausbeuten, entlang der Felder auf Kosten der Allgemeinheit einige mit ihrem Wappen geschmückte Steine setzen lassen oder in der Mitte eines Stroms eine ideale Trennlinie ziehen, so sind das noch keine Grenzen. Eine Grenze besteht erst dann, wenn jenseits einer Linie eine andere Welt beginnt, ein Zusammenhang von Ideen, Gefühlen und Begeisterungen, die den Fremden überraschen und verwirren. Mit anderen Worten: Was eine Grenze in den Boden 'gräbt', sind weder Gendarmen noch Zöllner noch Kanonen auf Befestigungswällen. Sondern Gefühle, erregte Leidenschaften - und Haß". (71)

Was Febvre hier und an anderen Stellen als Desiderat formuliert, ist ein Programm zur Erforschung von Lebensweisen und Lebenswelten, Gefühlen und Mentalitäten, die sich nur langsam, in Zeiten des Umbruchs aber auch plötzlich verändern und den nationalen Zugehörigkeitswillen einer Bevölkerung bestimmen (72). Denn gegen diesen Willen, das wusste Febvre, der in Nancy aufgewachsen war und von 1919 bis 1933 in Straßburg lebte, waren alle militärstrategischen, geographischen oder auch sprachgeschichtlichen Argumente am Ende machtlos. 

Febvres Rhein-Buch, so möchte ich zusammenfassen, vollzieht im Vergleich zur französischen wie zur deutschen Rhein-Literatur einen tendenziellen Terrainwechsel. Tendenziell deshalb, weil es sich nur um eine Skizze, einen Essay handelt, der sein Programm nicht wirklich einlösen kann. Aber dennoch ein Terrainwechsel, denn Febvres Text ist sowohl mit der traditionellen Politik- und Diplomatiegeschichte als auch mit der morphologischen Landesgeschichte, die eine Art geographischen und ethnischen (bzw. rassischen) Determinismus unterstellt, unvereinbar (73). 

Das spürten auch die deutschen Fachkollegen, die das Buch in den dreißiger Jahren als besonders gefährlich denunzierten. Schon kurz nach Erscheinen der Buchhandelsausgabe widmete ihm der Freiburger Geograph und Landeskundler Friedrich Metz die Hälfte eines Referats, das er auf einer der vorhin erwähnten vertraulichen Tagungen der "Westdeutschen Forschungsgemeinschaft" 1935 in Bad Dürkheim hielt. Während Metz am Demangeon-Teil kaum etwas zu "beanstanden" findet, sieht er in Febvres historischen Abschnitten den Versuch, die französische Politik mit neuen, subtileren Argumenten zu legitimieren:

"Der Rhein erscheint hier nicht mehr als ein deutscher Strom, sondern als ein europäischer. Der Rhein ist die Linie, wo West- und Osteuropa aneinandergrenzen. Seine Aufgabe ist es, ganz Europa zu dienen und die Völker zu verbinden. Dieser Fluß darf nicht einem einzelnen Volk gehören, sondern muß unter eine internationale Kontrolle gestellt werden. Es sei das große Verdienst Frankreichs, den Rhein von drückenden nationalen Fesseln be­freit zu haben. Das Werk von Demangeon-Febvre stellt sich damit als eine neue wissenschaftliche Rechtfertigung des Versailler Diktats heraus". (74)

Auch in den Rheinischen Vierteljahrsblättern, dem Organ des Bonner Instituts, erschien eine ausführliche Rezension des Geographen Gottfried Pfeifer, die anschließend von dem Historiker Paul Wentzcke in der Historischen Zeitschrift ausdrücklich zitiert wurde (75). Pfeifer moniert ebenfalls die These vom "europäischen Strom" und vom rheinischen "Grenzsaum [...] zwischen West- und Mitteleuropa" (76). Febvres "Grundfehler", so schreibt er, liege darin, "dass er sich die eine große und entscheidende Tatsache, die der Zugehörigkeit der Rheinlande zum deutschen Volks- und Kulturboden, nicht eingestehen will" (77).

Textauszug aus dem Geleitwort von P. Wentzcke:
Der deutschen Einheit -Schicksalsland, München 1921: 8/9

"Wiederum darf das Schicksal Elsaß-Lothringens erhöhte Teilnahme im ganzen großen Deutschland erwarten, nachdem auch unser Geschlecht die Verteidigungs-werke Straßburg und Metz zu Ausfalltoren der französischen Ausdehnungspolitik werden sah. Weit bis in das Gebiet der Niederlande und insbesondere in der deutschen Schweiz spüren Kultur und Wirtschaft deutlich genug bis in die feinsten Nerven hinein, was die Sperre des Rheins nun auch für die neutralen Länder an Quelle und Mündung des deutschen Stromes für die Bewahrung ihrer Eigenart und Selbständigkeit bedeutet. Das Zeitalter Ludwigs XIV. scheint über Mitteleuropa heraufzuziehen ...

Heutzutage klingen solche Kontroversen nur noch wie fernes Waffengeklirr. Der Rhein ist nicht bloß de facto, sondern auch politisch, kulturell und im Selbstverständnis aller Anrainer ein europäischer Strom geworden. Neuere Darstellungen, wie Etienne Julliards L'Europe rhénane, Pierre Ayçoberrys und Marc Ferros Une histoire du Rhin oder - auf deutscher Seite - das Düsseldorfer Sammelwerk mit dem Titel: Der Rhein. Mythos und Realität eines europäischen Stromes (78), belegen eindrücklich, dass sich der Ansatz von Febvre und Demangeon durchgesetzt hat. Aber wie steht es mit dem seinerzeit entworfenen Konzept einer "anderen", also nicht nationalistisch-konfrontativen, sondern wissenschaftlich-komparativen Geschichte der Grenzmentalitäten? Hinsichtlich einer solchen Mikrogeschichte der Grenzräume sind Historiker, Soziologen und Anthropologen über Ansätze und erste Studien noch kaum hinausgekommen (79). Dabei dürfte einleuchten, dass solche Forschungen nicht nur für die weitere Entwicklung der deutsch-französischen Integration, sondern auch der anderen europäische Grenzregionen wichtig sind: Sind Bug, Prut und Drau nicht auch europäische Flüsse?

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Anmerkungen

(49) Vgl. John E. Craig, Scholarship and Nationbuilding. The Universities of Strasbourg and Alsatian Society, 1870-1939, Chicago 1984, S. 195 ff.

(50) Vgl. ausführlicher: Peter Schöttler, "Désapprendre de l'Allemagne": les "Annales" et l'histoire allemande pendant l'entre-deux-guerres, in: Hans Manfred Bock u.a. (Hg.), Entre Locarbo et Vichy. Les relations culturelles franco-allemandes dans les années 1930, I, Paris 1993, S. 439-461.

(51) Henri Pirenne, Ce que nous devons désapprendre de l'Allemagne, Gent 1922.

(52) Vgl. Peter Schöttler, Henri Pirenne, historien européen, entre la France et l´Allemagne, in: Revue Belge de Philologie et d´Histoire, 76 (1998), S. 875-883.

(53) Lucien Febvre, L'Histoire dans le monde en ruines, in: Revue de synthèse historique, 30 (1920), S. 4.

(54) Vgl. Lucien Febvre, La terre et l'évolution humaine. Introduction géographique à l'histoire, Paris 1970 (zuerst: 1922); ders., Martin Luther, un destin, Paris 1988 (zuerst: 1928; dt. Übers. : Martin Luther, hg. v. Peter Schöttler, Frankfurt/New York 1996); ders., Demangeon, Le Rhin (wie Anm. 48).

(55) Die folgenden Ausführungen zur Entstehungsgeschichte und Situierung des "Rhein-Buches" nehmen Aspekte auf, die ich im Nachwort zur deutschen Übersetzung der von Febvre verfaßten Kapitel ausführlicher dargestellt habe: Lucien Febvre, Der Rhein und seine Geschichte, hg. v. Peter Schöttler, Frankfurt/New York 1994, S. 217-263. Eine analoge französische Neuausgabe ist 1997 unter dem Titel Le Rhin. Histoire, mythes et réalités erschienen. Alle Zitate im Text entstammen diesen beiden Neuausgaben.

(56) An dieser Stelle möchte ich Herrn Antoine Gaugler (Straßburg) herzlich danken, der mir die betreffende Korrespondenz zugänglich machte.

(57) Archiv der SOGENAL, Straßburg, Brief Lucien Febvres an René Debrix, 2. Februar 1929.

(58) Das Programm dieser Rhein-Reise ist im Nachlaß Lucien Febvres erhalten. Herrn Dr. Henri Febvre (Paris), der mir die Arbeit an diesen Materialien ermöglichte, sei (auch) an dieser Stelle sehr herzlich gedankt.

(59) Nach Demangeons Tod (1940) publizierte Febvre sogar eine explizite Kritik an dessen "wirtschaftsgeschichtlicher" Interpretation des Rheins: Quelques réflexions sur l'histoire économique du Rhin, in: Etudes strasbourgeoises, Straßburg 1953, S. 17-26; deutsche Übers. in: Febvre, Der Rhein, S. 208-216 (wie Anm. 55).

(60) Lucien Febvre, Brief an Marc Bloch v. 28.7.1932, gedruckt in: Marc Bloch, Lucien Febvre, Correspondance, Bd. 1, 1928-1933, hg. v. Bertrand Müller, Paris 1994, S. 315.

(61) Lucien Febvre, Brief an Henri Pirenne v. 22.4.1932; gedruckt in: Bryce and Myary Lyon (Hg.), The Birth of Annales History: The Letters of Lucien Febvre and Marc Bloch to Henri Pirenne (1921-1935), Brüssel 1991, S. 143.

(62) Lucien Febvre, Der Rhein (wie Anm.55), S. 95.

(63) Ebenda, S. 13-14.

(64) Formulierung von Marc Bloch in einer seiner drei (!) Rezensionen des "Rhein"-Buches: Revue historique, 169 (1932), S. 618).

(65) Vgl. Lucien Febvre, Der Rhein, S. 28.

(66) Gottfried Pfeifer, Rheinische Vierteljahrsblätter, 6 (1936), S. 96.

(67) Lucien Febvre, Das Problem des Unglaubens im 16. Jahrhundert. Die Religion des Rabelais (franz. zuerst: 1942), Stuttgart 2003, S. 20. (Meine Übersetzung ist modifiziert.)

(68) Lucien Febvre, Der Rhein, S. 79.

(69) In diesem Punkt konnte sich Febvre allerdings auf das kurz zuvor erschienene Werk von Gaston Zeller berufen: La réunion de Metz à la France (1552-1648), 2 Bde., Paris 1926. Vgl. auch ders., Tausend Jahre deutsch-französische Beziehungen, Baden-Baden 1954 (zuerst: 1931).

(70)Als begriffsgeschichtliche Vorarbeit siehe bereits Lucien Febvre, "Frontière" - Wort und Bedeutung (1928), in: ders., Ein Historiker prüft sein Gewissen, hg. von Ulrich Raulff, Berlin 1988, S. 27-37.

(71) Lucien Febvre, Der Rhein, S. 163-164.

(72) Da Febvre wußte, dass die konkrete historische und ethnologische Rheinlandforschung auf französischer Seite weit geringer entwickelt war als auf deutscher, regte er 1935 als Vorsitzender der "Commission de recherches collectives" der Encyclopédie Française entsprechende Untersuchungen an. Siehe den Bericht von André Varagnac: Quelques résultats de la recherche collective en France. La route du Rhin et les paysans rhénans, in: Revue de synthèse, 11 (1936), S. 83-87. Zum Kontext dieser Enqueten vgl. Tiphaine Barthélemy, Florence Weber (Hg.), Les campagnes à livre ouvert. Regards sur la France rurale des années trente, Paris 1989, bes. S. 227 ff.

(73) Vgl. ausführlicher Peter Schöttler, Das "Annales-Paradigma" und die deutsche Historiographie 1929-1939. Ein deutsch-französischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert?, in: Dieter Jordan, Bernd Kortländer (Hg.), Nationale Grenzen und internationaler Austausch. Studien zum Kultur- und Wissenschaftstransfer in Europa, Tübingen 1995, S. 200-220, sowie ders., Die intellektuelle Rheingrenze (wie Anm. 24).

(74) Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin, R 60274, fol. 62167-70. Zu Friedrich Metz (1890-1969) vgl. Mechthild Rössler, Die Geographie an der Universität Freiburg 1933-1945, in: Michael Fahlbusch u.a., Geographie und Nationalsozialismus, Kassel 1989 (Urbs et Regio Bd. 51), S. 98 ff.

(75) Historische Zeitschrift, 160 (1939), S. 162.

(76) Gottfried Pfeifer, Rheinische Vierteljahrsblätter, 6 (1936), S. 96.

(77) Ebenda, S. 100.

(78) Etienne Julliard, L'Europe rhénane. Géographie d'un grand espace, Paris 1968; Pierre Ayçoberry, Marc Ferro (Hg.), Une histoire du Rhin, Paris 1981; Hans Boldt u.a. (Hg.), Der Rhein. Mythos und Realität eines europäischen Stromes, Köln 1988. Wenn man bedenkt, wie sehr Demangeon und Febvre seinerzeit dafür kritisiert wurden, ist dieser Hinweis auf den "europäischen Strom" um so bemerkenswerter 

(79) Vgl. jedoch z.B. die Arbeiten von Peter Sahlins über die spanisch-französische Pyräneen-Grenze (Boundaries. The Making of France and Spain in the Pyrenees, Berkeley, Calif. 1989), von Daniel Nordmann über die französischen Grenzen in der frühen Neuzeit (Frontières de France, wie Anm. 8), von Claudia Ulbrich über das Saarland (Rheingrenze, Revolten und Französische Revolution, in: Volker Rödel (Hg.), Die Französische Revolution und die Oberrheinlande, 1789-1798, Sigmaringen 1991, S. 223-244) oder von Franz Irsigler über den pfälzisch-luxemburgischen Raum (Der Einfluß politischer Grenzen auf die Siedlungs- und Kulturlandschaftsentwicklung, in: Siedlungsforschung, 9 (1991), S. 9-23). Aus soziologischer Perspektive siehe auch die Studien des " Laboratoire de sociologie de la culture européenne" in Straßburg , in : Revue des Sciences sociales de la France de l'Est, no 19, 1991/92) Zur theoretischen Reflexion siehe: Hans Medick, Grenzziehungen und die Herstellung des politisch-sozialen Raumes. Zur Begriffsgeschichte und politischen Sozialgeschichte der Grenzen in der frühen Neuzeit, in: Bernd Weisbrod (Hg.), Grenzland. Beiträge zur deutsch-deutschen Grenze, Hannover 1993, S. 195-207.