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'Kampf dem Alldeutschtum'
 
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Kampf dem Alldeutschtum

Noch vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Hansi seine scharf anti-deutsche Satire "Professor Knatschke" (7), die er in späteren Auflagen immer wieder ergänzte und von der annähernd 100 000 Stück verkauft wurden. Ein alldeutscher Professor bereist mit seiner Tochter das deutsche Elsass, den "Wasgau"; er entdeckt und kommentiert die regionalen Verhältnisse und vergleicht sie mit den Verhältnissen im Altreich. Diese Schrift machte Hansi nicht nur im Elsass, sondern auch in Frankreich und im Deutschen Reich schlagartig berühmt. 1909 stand Hansi wegen einer Karikatur des Direktors des Colmarer Lyzeums, der das Modell für den Professor Knatschke abgab, erstmals vor Gericht. Die Strafe von 500 Mark beglich er mit den Einnahmen, die er aus dem Verkauf von Zeichnungen in Paris bezog. 

Abb. 5: Titelblatt des Buches "Professor Knatschke" von Hansi. (Mülhausen 1913)

 

 

 

 

 

 

Aus: Daniel Poncin, En Pays mal conquis: Les allemands vus par l'Alsacien Jean-Jacques Waltz, dit Hansi. In: J.-C. Gardes et D. Poncin (éd.): L'étranger dans l'image satirique. Poitiers 1994, S. 135-158

Wenig bekannt ist eine als Zeitschrift aufgemachte Publikation Hansis, die 1912 in Colmar unter dem Titel "Die Westmarken. Alldeutsche Bilder u. Blätter v. Hansi" erschien. (8) Auf dem Titelbild sieht man das Ebenbild des Professors Knatschke, jetzt allerdings in der Rüstung eines Ritters, ein Steckenpferd reitend. Offensichtlich hat er - darauf weist das nachstehende, auf dem Titelblatt abgedruckte Gedicht hin - gerade "Frankenlands Verwelschungsdrachen" besiegt:

An das Elsaß!

Dort von Deutschland wird das Heil dir kommen,
Dort wo Kraft im deutschen Herzen wohnt,
Dort von Deutschlands waldbewachs'nen Kämmen,
Wird sich ein Erlöser nahn
Und dem blau-weiß-roten Rachen
Wird er dann entreißen Dich
Frankenlands Verwelschungsdrachen
Siegreich schlagen ewiglich."

Im übrigen macht sich Hansi in den "Westmarken" über die Deutschen und ihr ihm manchmal eigenartig vorkommendes Brauchtum lustig.

In Paris, kommt er in Kontakt mit französischen Nationalisten, die sich aus Mitgliedern der Ligue des patriotes rekrutierten. (9) In seiner noch vor dem Krieg erschienenen "Histoire d'Alsace racontée aux petits enfants" wendet er sich jetzt als "oncle Hansi" an ein ganz neues Publikum, wie als ob er seine drastische politische Botschaft als Kinderbuch tarnen müsste, um nicht Gefahr zu laufen, verboten zu werden. Die Vergangenheit des Elsass leuchtet, solange es mit Frankreich verbunden war, in den schönsten Farben; alle Deutschen - von den Germanen bis zu den Alldeutschen der Gegenwart - werden bestenfalls mit Spott, schlechtestenfalls mit stark vergröberten Klischees und Stereotypen überzogen. Sie sind "des lâches, des brutes, des voleurs et des rustres". (10) Die Grenze zwischen Deutschland und dem (französischen) Elsass, zwischen zwei Rassen und zwei Kulturen, verläuft an der Kehler Rheinbrücke. Ein Schild, verziert mit den Insignien der Französischen Revolution (phrygische Mütze, Kokarde und Fasces), verkündet: "République française - Une et Indivisible - Ici commence le pays de la Liberté." (11) 

Abb. 6: Die Deutschen aus der Sicht Hansis in l'Alsace heureuse

 

 

 

 

 

Aus: Daniel Poncin, En Pays mal conquis: Les allemands vus par l'Alsacien Jean-Jacques Waltz, dit Hansi. In: J.-C. Gardes et D. Poncin (éd.): L'étranger dans l'image satirique. Poitiers 1994, S. 135-158

Diese Technik der antithetischen Gegenüberstellung wählt Hansi auch für "Mon village", für "L'Alsace heureuse" und "Le paradis tricolore". Im Mai 1913 wurde er zu einer Strafe von 900 Mark verurteilt, weil er in der "Histoire d'Alsace" das deutsche Volk verunglimpft habe. Ein knappes Jahr später, im März 1914, erhielt er eine dreimonatige Gefängnisstrafe, weil er den Sitzplatz eines deutschen Offiziers der Colmarer Garnison "purifiziert" hatte, indem er mit Alkohol getränkten Zucker darauf abbrannte. Noch bevor er diese Strafe verbüßt hatte, sah er sich wegen seines Buches "Mon village" neuerlich angeklagt, diesmal vor dem Reichsgericht in Leipzig. Die Anklage lautete auf Aufreizung zur Revolte und Beleidigung der Lehrer und Gendarmen im Elsaß. Der am 9. Juli 1914 gegen ihn verhängten Gefängnisstrafe - 15 Monate Haft wegen Aufwiegelung der Bevölkerung, abzusitzen in Cottbus - konnte er sich nach Stellung einer Kaution durch Flucht in die Schweiz entziehen. (12) Von dort gelangte er nach Frankreich, wo er nach Beginn des Krieges als Freiwilliger in das 152. Infanterie-Regiment in Gerardmer, also unmittelbar hinter der deutsch(elsässisch)-französischen Grenze, eintrat. 

Hansi hat damit einen Schritt vollzogen, den in den Jahrzehnten vor dem Krieg mehrere hunderttausend Elsässer und Lothringer bereits getan hatten: die Emigration nach Frankreich. Folgt man deutschen Statistiken, so sind zwischen 1871 und 1910 insgesamt 462 000 Personen ausgewandert; nach französischen Angaben soll sich die Zahl der Emigranten auf rund 500 000 Personen belaufen haben, und dies bei einer Bevölkerung von 1,6 Millionen im Jahr 1871 und 1,9 Millionen im Jahr 1910. (13) Ein Monat nach Kriegsbeginn, am 1. September 1914, erschien in Colmar eine vom dortigen Ortskommandanten von Mellenthin unterzeichnete Bekanntmachung, mit der Hansi, der Rechtsanwalt Albert Helmer und der Zahnarzt Karl Huck "für Landesverräter erklärt" wurden und all jenen, die diesen drei Personen Aufenthalt gewährten oder deren Aufenthalt verheimlichten, die Erschießung angedroht wurde. (14) Im Elsässer Kurier Nr. 179 vom 13. September 1916 erschien schließlich die Mitteilung, dass dem Zeichner Johann Jakob Waltz aus Colmar und dem Verleger Zislin in Mülhausen die elsaß-lothringische Staatsangehörigkeit aberkannt worden sei.

Während des Kriegs diente Hansi als Kundschafter in den Vogesen und als Dolmetscher beim Verhör deutscher Kriegsgefangener, dann als Propagandist in Paris, wo er einfach zu lesende Propagandaschriften für deutsche Soldaten schrieb, um deren Moral zu untergraben. Daneben produzierte er eine Reihe antideutscher Kriegspostkarten. (Abb. 7a und 7b) Ausgezeichnet als Ritter der Ehrenlegion hielt sich Hansi einige Zeit in jenem kleinen elsässischen Zipfel des Deutschen Reiches auf, der gleich zu Beginn des Krieges von französischen Truppen erobert worden war und bis zum Kriegsende in französischer Hand verblieb (Massevaux, Dannemarie, Thann). Resultat dieses Aufenthaltes in der Heimat war das Album "Le paradis tricolore".

Abb. 7 a: Avant la bataille de la Marne (Quelle: chez.com/hansi/ cari1.html, 16.01.2005)
Abb. 7 b: Après la bataille de la Marne (Quelle: chez.com/hansi/ cari2.html, 16.01.2005)

Nach dem für Frankreich siegreichen Kriegsausgang feiert Hansi auf zahlreichen Postkarten das Ende der deutschen Herrschaft im Elsass und die Rückkehr der Franzosen. 1918 erscheint zunächst "Le paradis tricolore", ein Jahr später "L'Alsace heureuse", das "mit einigen traurigen und vielen fröhlichen Bildern" illustriert ist und sich in erster Linie an Kinder richtet. Er schildert darin seine Prozesse mit den deutschen Behörden, seine Haft in Colmar, seine Flucht, seine Tätigkeit in der französischen Armee. Noch einmal tauchen hier die verhassten deutschen Typen auf, der Präsident des Alldeutschen Verbandes, der von der Affäre von Zabern her berüchtigte Leutnant von Forstner, "un ignoble polisson", der Soldat mit der Pickelhaube, der Lehrer usw., allesamt als "Boches" bezeichnet. Das Buch findet seine Apotheose in der siegreichen und lang ersehnten Ankunft der "plus beaux soldats du monde", mit denen im Elsass eine neue Zeit anbricht: "Et voici le beau temps". (15) (Abb. 8) 

Abb. 8: Les voici!

 

 

 

 

 

 

 

Aus: L'Alsace heureuse, 1919; Reprint Mulhouse/Riquewihr 1990, S. 27 

Ganz anders die deutsche Sicht der Dinge: Während des Krieges war man in Deutschland überzeugt davon, dass sich bei einer Wahl im Elsass "mindestens 80 Prozent für Deutschland und nur allerhöchstens 20 Prozent für Frankreich erklären würden" (16) - eine Annahme, die wohl genau so wenig der Realität entsprochen haben dürfte wie die Überzeugung, die aus dem nachstehenden Gedicht (17) spricht:

Wenn im Elsaß abgestimmt würde

Das eine weiß ich ganz genau:
Herr Gottfried und der Münsterbau,
In hehrer Höh' und Tiefe gleich,
Sie wählten sich das Deutsche Reich!

Für Franzen nicht hat Grünewald
Einst Isenheims Altar gemalt,
Und Sesenheim, uns so vertraut,
Hat nie nach Frankreich ausgeschaut!

Bleibt, dass die Gansleberpastet'
Fürs Frankenreich optieren tät, -
Selbst das weiß ich nicht ganz gewiß,
Und wenn, adieu dann nach Paris!


(Vgl. dazu auch untenstehendes Flugblatt von Hansi anlässlich der Landtagswahlen 1911)

Aus: D. Poncin: En pays mal conquis: Les Allemands vus par l'Alsacien Jean-Jacques Waltz, dit Hansi. Poitiers (La Licorne) 1994

____________________

Anmerkungen

(7) Mir liegt ein Reprint einer frühen (der ersten?) französischen Übersetzung vor; diese war 1912 erschienen: Professeur Knatschké. Oeuvres choisies du Grand Savant Allemand et de sa fille Elsa, receuillies et illustrées pour les Alsaciens par Hansi, Paris 1916. Der Reprint wurde vom Musée Hansi in Riquewihr veranlasst und erschien 1995. Er enthält auch die Ergänzungen, die Hansi dem Buch nach dem Zweiten Weltkrieg hinzugefügt hat. Die erste (deutsche) Fassung erschien 1908 ("Professor Knatschke. Des großen teutschen Gelehrten und seiner Tochter ausgewählte Schriften. Den Elsässern mitgeteilt und illustriert von Hansi"), zunächst im Feuilleton der Mülhausener Zeitung "L'Express"; vgl. Perreau: Avec Hansi (wie Anm. 1), S. 23; Tyl (wie Anm. 1), S. 10. - Noch im Ersten Weltkrieg wird das Buch von französischen Soldaten im Schützengraben gelesen; s. Louis Grobon: Visions de guerre de la vallée de Munster. Carnet de route d'un ancien combattant de la première guerre mondiale, in: Annuaire de la Société d'Histoire du Val et de La Ville de Munster XIX (1964), S. 109: "La truffe qui loge avec nous [im Schützengraben, G.S.] nous amuse en lisant, avec un accent tudesque fort bien imité, le ‚Professeur Knatschké' de Hansi".

(8) Vgl. Perreau. Avec Hansi (wie Anm. 1), S. 193ff.; dort auch die ganzseitige Wiedergabe des Titelbildes mit dem nachstehend zitierten Gedicht.

(9) S. hierzu Tyl (wie Anm. 1), S. 10f.

(10) Tyl (wie Anm. 1), S. 11. Vgl. auch die Analyse bei Julia Schroda: Hansi (Jean-Jacques Waltz). Die Konstruktion der Grenze in der Karikatur, in: Grenzgänger zwischen den Kulturen, hrsg. v. Monika Fludernik und Hans-Joachim Gehrke (=Identitäten und Alteritäten, Bd. 1), Würzburg 1999, S.267-273; hier S. 268f. Vgl. auch Bruand (wie Anm. 4), S. 79ff., der die von Hansi und Zislin benutzten Klischees in einem Katalog zusammenstellt.

(11) L'Histoire d'Alsace, racontée aux petits enfants d'Alsace et de France par l'oncle Hansi. Avec beaucoup de jolies images de Hansi et de Huen, Paris 1913, S. 71.e", Erklärung Chiracs am 17.2.2003; zitiert in allen französischen Tageszeitungen am 20.2.2003.

(12) Zu den Einzelheiten: Magnus Hirschfeld/Andreas Gaspar (Hrsg.): Sittengeschichte des Ersten Weltkrieges, Nachdruck der 2. Aufl. Hanau 1929, S.454. Vor dem Gericht habe er "mit zynischer Ruhe und Offenheit" erklärt, das Buch "L'histoire d'Alsace" aus Rache geschrieben und gezeichnet zu haben. Im übrigen habe man ihn nach der Verurteilung in Leipzig auf Ehrenwort vor Antritt der Haft noch einmal freigelassen, damit er in Colmar persönliche Dinge regeln konnte. Hansi, "ein häßlicher, gebückter Mensch", habe diese Gelegenheit zur Flucht genutzt; s. Artur Babillotte: Hansi, der Hetzer, in: Reclams Universum 32 (1915/16), S. 31. Einige interessante Details aus dem zeitlichen Umfeld des Prozesses enthalten die Briefe, die Hansi, sein Vater André und andere im Sommer 1914 schrieben; in Auszügen finden sie sich in dem Artikel von Jacques Betz: André Waltz et son fils Hanis à travers quelques lettres, in: Annuaire de la Société historique et littéraire de Colmar XXI (1971), S. 101-116.

(13) Jörg Roesler: Die misslungene Integration Elsass-Lothringens in das Deutsche Reich nach 1871 als warnendes Beispiel, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 96 (1996), S. 142. In der Frist bis zum 1. 10. 1872, die der Vertrag von Frankfurt für jene Elsässer gesetzt hatte, die für Frankreich optierten, verließen 128 000 Personen das Land, das sind etwa 1/12 der Gesamtbevölkerung; s. Alfred Wahl: L'option et l'émigration des Alsaciens-Lorrains en 1871-1872, Strasbourg 1974; Roland Oberlé: L'Alsace au temps du Reichslands 1871-1914, Mulhouse o.J. [1990], S. 9.

(14) Ein Faksimile der Bekanntmachung findet sich unter: www.chez.com/hansi/avisderecherche.htm.

(15) L'Alsace heureuse. La grande pitié du Pays d'Alsace et son grand bonheur racontés aux petits enfants par l'Oncle Hansi. Avec quelques images tristes et beaucoup d'images gaies, Paris 1919 ; Reprint Mulhouse und Riquewihr 1990, S. 24f.

(16) Eugen Lerch: Elsaß-Lothringen und die Franzosen, in: März 11 [1917] IV, S. 1085.

(17) Das Gedicht von A. Schmidhammer ist abgedruckt in der Zeitschrift Jugend Nr. 33/1917, S. 662.

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