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Zur gelungenen Akkulturation der Hugenotten im 18. Jahrhundert: Die Nachkommen der "réfugiés" als französische Kulturträger und preußische Patrioten

Im Jahre 1785 feierten die Nachkommen der "réfugiés" in Brandenburg-Preußen das einhundertjährige Jubiläum des Edikts von Potsdam in großem Stil. Festgottesdienste in allen Kolonien, eine Festschrift und eine Festmedaille, entworfen von dem berühmten Künstler und Berliner Gemeindeglied Daniel Chodowiecki [1] (1721-1801), (Abbildung 4) waren beredter Ausdruck für die Bedeutung, welche die Nachkommen der "réfugiés" sich in Brandenburg-Preußen beimaßen - dankten sie doch dem Hause Hohenzollern nicht nur für die an den Tag gelegte Unterstützung ihrer Vorfahren, sondern feierten sich zugleich selbst als eine Bereicherung für Brandenburg-Preußen.

Abbildung 4:
Radierung von Daniel Chodowiecki (1758)
Sechs Damen und der sitzende Künstler (Ausschnitt).

 

Quelle: Ursula Fuhrich-Grubert / Jochen Desel (Hg.): Daniel Chodowiecki (1726-1801). Ein hugenottischer Künstler und Menschenfreund in Berlin. Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 34), Bad Karlshafen 2001, ohne Seitenzählung (Titelbild).

Die von Chodowiecki aus Anlass des Jubiläums entworfene Medaille (Abbildung 5) vereint beide Gedanken. Auf der Vorderseite (Abbildung 6) kniet vor der Büste des Großen Kurfürsten eine verschleierte Frau, die in der Rechten das Evangelium hält. Im Hintergrund ist eine brennende Ortschaft abgebildet, darunter steht vierzeilig: "Les Réfugiés consolés/ dans leurs Infortunes par le/ Grand Elécteur le XXIX /Oct. MDCLXXXV".

Abbildung 5: Abbildung der Festmedaille
(Avers und Revers) für das 100jährige Jubiläum des Edikts von Potsdam 1785, entworfen von D. Chodowiecki.

Quelle: Barbara Dölemeyer / Jochen Desel (Hg.): Deutsche Hugenotten- und Waldensermedaillen (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 27), Bad Karlshafen 1998, S. 23.

Abbildung 6: Abbildung der Festmedaille
(Avers) für das 100jährige Jubiläum des Edikts von Potsdam 1785, entworfen von D. Chodowiecki.

 

 

 


Quelle: Barbara Dölemeyer / Jochen Desel (Hg.): Deutsche Hugenotten- und Waldensermedaillen (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 27), Bad Karlshafen 1998, S. 23.

Auch einhundert Jahre nach der Aufnahme durch den Kurfürsten Friedrich Wilhelm hatte sich offenbar an der noch immer Züge von Vergötterung tragenden Verehrung seiner Person nichts geändert: Die verschleierte Frauengestalt als Allegorie auf die verfolgte Religion und für das "refuge" kniete in Demut und Dankbarkeit vor dem Herrscher. Gerade das Knien der Gestalt ist besonders symbolträchtig: Mochte es im weltlichen Bereich des 18. Jahrhunderts durchaus üblich sein, so war es in der reformierten kultischen Tradition besonderen Anlässen vorbehalten. Und hier kniete die Religion als Ausdruck der geistigen Macht zudem vor der weltlichen Macht, die der Kurfürst für die Reformierten wohl in erster Linie repräsentierte. Davon abgesehen, dass es sich bei dieser Abbildung um eine höchst realistische Beschreibung der tatsächlichen Machtverhältnisse zwischen protestantischer Kirche und weltlicher Obrigkeit im Preußen des 18. Jahrhunderts handelte, stellte dieser Gestus aus reformierter Tradition einen Akt von besonderer Unterwürfigkeit, (Anm. 1) von Loyalität gegenüber der weltlichen Obrigkeit dar. Religiosität und Loyalität gegenüber den hohenzollernschen Herrschern schienen quasi eins.

Auf der Rückseite der Medaille (Abbildung 7) kniet erneut eine verschleierte weibliche Gestalt, die Allegorie der Religion beziehungsweise des "refuge", diesmal vor einem Opferaltar in einer Säulenhalle, in der das Bildnismedaillon Friedrichs II. angebracht ist. Daneben steht die Allegorie der göttlichen Vorsehung auf einer Kugel, eine Kerze und ein Füllhorn tragend. Im Abschnitt darunter ist eingefügt: "Les Enfants des Refugies heureux sous Frederic le Grand le XXIX Oct. MDCCLXXXV".

Der Dank der verfolgten Religion, des "refuge", an die Vorsehung für die Wohltaten Friedrichs II. sollten hier zum Ausdruck gebracht werden. Ein entsprechender Text war ursprünglich auch geplant. Aber das "consistoire" lehnte ihn letztlich ab und entschied sich für die oben zitierte Variante. Im zunehmend verweltlichten Preußen Friedrichs II. passten offenbar in Worten ausgedrückte, allzu deutlich vergötternde Ausführungen nicht mehr in die Zeit. Vermutlich hätte der sich als aufgeklärter Philosoph verstehende, deistische König eine solche Unterschrift nicht gutgeheißen, hatte er sich doch gegenüber ihm nahestehenden "réfugiés" entsprechend geäußert. Gerade für ihn aber wurde ein Exemplar der Münze in Gold geprägt. Rücksichtnahme und Loyalität gegenüber der Obrigkeit in allen Bereichen waren demnach auch 1785 die Devise der Nachkommen der "réfugiés", und sie wurde ihnen gedankt: Der König schickte die goldene Medaille mit der Maßgabe zurück, sie für die Armen der Gemeinde zu verkaufen. Das heißt, Friedrich setzte hier wie auch sonst die Protektion der Hugenotten, die sein Urgroßvater begonnen hatte, fort. Sie dankten es ihm durch eine spezifische Form der Borussophilie und des Royalismus, die der französisch-reformierte Pastor Abel Burja in seiner Festpredigt 1785 auf den Punkt brachte: Die "réfugiés" hätten mit Hilfe der Hohenzollern "Frankreich im Herzen Deutschlands" wiedergefunden. (Anm. 2) Die Enkel der 1685 eingewanderten "réfugiés" begriffen sich 1785 als eine privilegierte, exklusive und elitäre Gruppe französischer Kulturträger und zugleich preußischer Patrioten, als eine Gruppe von staatsunmittelbaren Preußen, als quasi preußische "citoyens".

Hier stellt sich nun aber die Frage nach den Beziehungen zwischen den Nachkommen der französischen Immigranten und ihrer "deutschen" Umgebung zum Zeitpunkt des Jubiläums von 1785, also einhundert Jahre nach deren Einwanderung. An dieser Stelle ist auf die eingangs geschilderte Anekdote vom Storch zurückzukommen. Sie war bekanntlich in einer Geschichte des "refuge" von einem Nachkommen der "réfugiés" um 1785 herum publiziert worden. (Anm. 3) Obwohl die Anekdote die negative Botschaft transportierte, die Franzosen seien in Brandenburg-Preußen von den Einheimischen als unerwünscht abgelehnt worden, wurde sie von deren Nachkommen als "witzige Geschichte" in der Öffentlichkeit weiter verbreitet. Neben einem ausgeprägten Selbstbewusstsein jener Nachkommen spiegelt sich im Umgang mit ihr die fraglos zwischenzeitlich erfolgreich verlaufene Akkulturation der Hugenotten in die brandenburg-preußische Gesellschaft wider. Eine Gefahr, von der umgebenden Bevölkerung abgelehnt und ausgegrenzt zu werden, wurde von den Betroffenen offenbar nicht mehr wahrgenommen. Sie war Geschichte geworden. Der Akkulturationsprozess war soweit vorangeschritten, dass das ehemalige Zeichen der Fremdheit, das "Fröschefressen", das "Paddenschlucken", von den Nachkommen der Fremden ohne Ausgrenzungsängste in Stellvertretung ihrer Vorfahren angenommen werden konnte. Auf die zunehmende Akkulturation der ehemals Fremden verweist zugleich die wachsende Zahl von Wechselheiraten zwischen Koloniefranzosen und Deutschen seit Mitte des 18. Jahrhunderts, die Abnahme von Französisch- und Zunahme von Deutschkenntnissen innerhalb der Französischen Kolonie und die vielfachen Bemühungen von Deutschen, dort aufgenommen zu werden.

Die kontinuierliche obrigkeitliche Patronage der Immigranten in Verbindung mit einem auch für die deutsche Umgebung der Réfugiénachkommen erstrebenswerten bürgerlich-juristischen Sonderstatus der Französischen Kolonien in Brandenburg-Preußen zusammen mit der Teilhabe der Nachkommen der "réfugiés" an der französischen Kultur als der europäischen Hochkultur im 18. Jahrhundert hatte die einheimische Bevölkerung innerhalb von etwa zwei Generationen veranlasst, ihre ablehnende Haltung den "réfugiés" gegenüber aufzugeben. Die Hugenotten wurden nunmehr als das akzeptiert, was sie bereits in den Augen von Teilen des Adels, der Gelehrtenwelt und der gesamten kurfürstlich-königlichen Obrigkeit in Brandenburg-Preußen von Beginn an gewesen waren, nämlich als eine quantitativ zwar minoritäre, qualitativ jedoch elitäre Gruppe.

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Anmerkungen

  1. Obwohl die entsprechenden Darstellungen zweifellos auf Verhaltensmuster außerhalb des kirchlichen Bereichs verweisen, so trägt die vorliegende bildliche Darstellung doch sehr stark religiöse Züge. Zum Knien vgl. die "discipline ecclésiatique des églises réformées de France". Danach war es etwa bei der Ordination von Geistlichen ("discipline ecclésiastique", Kap. 1, Art. 8, abgedruckt bei: Ernst Mengin: Das Recht der französisch-reformierten Kirche in Preußen. Urkundliche Denkschrift (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, N. F. 4), Berlin 1929, S. 70) oder bei der Taufe von sogenannten Heiden ("discipline ecclésiastique", Kap. 11, Art. 19, abgedruckt ebd., S. 156) üblich.
  2. Abel Burja: Le Prix de la liberté religieuse et civile, ou sermon prononcé dans le temple de Frédéricstadt, le 29 octobre 1785. Pour la célébration du jubilé de la fondation des Colonies Françoises, in: L'heureuse colonie, ou célébration du Jubilé des colonies françoises établies dans les Etats du Roi: consistant en un Recueil de Sermons prononcés dans les cinq paroisses françoises de Berlin, Berlin 1785, S. 1-27, hier S. 15.
  3. Als Quelle wurde neben mündlicher Überlieferung folgendes Werk genannt:
    Samuel Buchholtz: Versuch einer Geschichte der Churmarck Brandenburg
    von der ersten Erscheinung der deutschen Sennonen an bis auf jetzige Zeiten, Bd. 4, Berlin 1771, S. 317.