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'Bildungseffekte'
 
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Bildungseffekte

Zusammenfassend können die Bildungseffekte struktural wie folgt beschrieben werden:

Flexibilisierung des Selbstbezuges

Polyvokalität und -perspektivität: Die dabei von mir favorisierte bildungstheoretische Perspektive fokussiert das, was ich als Virtualitätslagerung bezeichne. Unter diesem Begriff verstehe ich, dass Menschen offline ein Leben in sozialen Räumen organisieren und lebensfähig gestalten und dass sie parallel dazu beginnen, ein Leben online in digitalen Welten zu gestalten. Gemeint ist der Möglichkeitsraum, wie Menschen online Erfahrungen machen, ihre Identität entwerfen und damit ihr Offline-Leben erweitern. Der Sachverhalt der Virtualitätslagerung bezieht sich also auf das Ausmaß, inwieweit das Selbst dezentriert ist, inwieweit es in vielen verschiedenen Welten existiert und zur selben Zeit verschiedene Rollen spielt, inwieweit es gleichsam verschiedene Leben parallel lebt. Die Differenz von on-screen und off-screen life ist keine relevante Differenz mehr. Polyvokalität ist Netzalltag. Das Internet eröffnet – und das gehört auch dazu – die Möglichkeit, dass man sich sowohl offline als auch online selbst präsentieren kann. Die selbstentwerfende Funktion digitaler Welten hat Howard Rheingold in seinen Werken Virtual Reality (1991) und Virtual Communities (1993) in klassischer Weise beschrieben: "The online world is like an empty canvas".

Virtuelle Welten – Die Welt öffnet sich per Computer










(Quelle: http://www.defcon.org/html/defcon-3/vr-world.html [1] ).

 

 

 

 

 

 

 

Computernetze setzen Pluralisierungs- und Differenzierungsprozesse fort, wie sie für die heutige Gesellschaft typisch sind. Im Internet ist zu jedem Gegenstand eine Vielzahl von Perspektiven, Informationen, Meinungen und Urteilen vorzufinden. Das heißt, Polyperspektivität gehört zum kleinen Einmaleins: "It’s a good way to meet people from all over the world, and get their opinions" (Tapscott 1998, S. 108).

Reflexivitätssteigerung: Daten sind kontextlos und unorganisiert; zu Informationen werden sie, wenn sie organisiert werden (z. B. bezogen auf eine Problemstellung oder einen Kontext): zu Wissen werden Informationen, wenn die implizierten Werte (die Wertigkeit) reflektiert werden und eine Relationierung zu anderen Informationen hergestellt wird. Das, was im Netz gesehen wird, muss nicht notwendigerweise wahr sein. Quellenkritik und damit kritisches Denken als ein weiterer Modus von Reflexivität ist gefordert. Reflexivitätssteigerung hat aber auch noch eine andere Dimension, die ich hier nur andeuten will. In modernitätstheoretischen Kontexten wird beispielsweise von Anthony Giddens (1991) die These der reflexiven Moderne entfaltet. Diese These besagt auf makrosozialer Ebene, dass moderne Gesellschaften im hohen Maße mit Problemen konfrontiert werden, die sie selbst verursacht haben. Auf mikrosozialer Ebene bedeutet dies, dass aufgrund der in modernen Gesellschaften zu verzeichnenden Kontingenzsteigerung Menschen im hohen Maße Prozesse der Biographisierung des eigenen Lebens reflexiv begleiten und ständig mit Optionen deliberativ umgehen müssen. Dieser erhöhte Reflexionsdruck könnte durch virtuelle Welten nochmals eine andere Dimension bekommen, wie Sherry Turkle ausführt: "The Internet has become a significant social laboratory for experimenting with the constructions and reconstructions of self that characterize postmodern life. In its virtual reality, we self-fashion and self-create" (Turkle 1995, S. 180): Vgl. auch Marotzki 1997; 1998.

Flexibilisierung des Weltbezuges und der Sozialität

Plurale Konstruktionen von Welten und Transformationen von Sozialität: Tapscott kommt zu dem Resultat, dass es den Jugendlichen und Kindern nicht darum geht, den Strukturen des Netzes zu folgen und neue Dinge zu entdecken – das auch –, sondern hauptsächlich darum, neue Strukturen zu erschaffen, z. B. auf der eigenen Homepage.

Teleteaching – Was fehlt ist die face-to-face Kommunikation




(Übertragung einer Vorlesung von Augsburg nach Ulm, Quelle: http://www.jeckle.de/vorlesung/xml/teleteaching/impressionen.html [2] ).

 

 

Dass die Verankerung in lebensweltlichen Bezügen durch den Aufenthalt in virtuellen Welten nicht gelockert wird, habe ich in meinen bisherigen Ausführungen dargelegt. Trotzdem, denke ich, muss man Transformationen von Sozialität im Auge haben, die hier stattfinden: Internet-Kommunikation und face-to-face-Kommunikation weisen natürlich entscheidende Unterschiede auf: Fehlen von Gestik und Mimik, Stimmkontur, leiblicher Präsenz incl. Kleidung sowie Kontextinformationen. Diese werden – wie bekannt – durch über 100 Smileys und durch Acronyme überbrückt. Aber bereits Sherry Turkle weist darauf hin, dass diese fehlende leibliche Präsenz nicht nur Nachteile hat: "They don’t look at your body and make assumptions" (Turkle 1995, S. 185). Und bei Tapscott heißt es: "People don’t judge you based on what you look like" (Tapscott 1998, S. 91) Da der Leib aus der Selbstpräsentation ausgeklammert werden kann, kann soziale Selbstachtung im Internet aufgebaut und gesteigert werden, wie wir heute aus der Analyse von Selbsthilfegruppen und Communities im Internet wissen (vgl. Thimm 2000).

Symmetrische Kommunikation und Anerkennung: Netzkommunikation ist symmetrische Kommunikation, wie Wetzstein u. a. 1995 schon früh gezeigt haben. Hierarchische Strukturen werden in heterarchische überführt. Daraus folgt, dass Anerkennung eine conditio sine qua non wird. Daraus wiederum folgt die Erwartung symmetrischer Umgangsformen in der wirklichen Welt: Kids suchen Unterstützung, nicht Ratschläge, wie Tapscott prononciert diesen Sachverhalt formuliert. Daraus folgt nicht, dass der elterliche Einfluss zurückgedrängt wird. Es heißt aber wohl, dass die Umgangsformen sich verändern.