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Montparnasse, Belleville und Goutte d'Or - Stadterneuerung und die Folgen

Die Frage nach den Verfallspotentialen in Paris steht in engem Zusammenhang mit dem Alter der Bausubstanz und den Bautypen [1] . Dabei ist es nicht jene Bebauung bis zur Mitte des 19. Jh., die die Sanierung durch Haussmann überstanden hat und die heute am stärksten von Verfallserscheinungen betroffen ist. Vielmehr verfallen heute gerade jene Viertel, die ab 1850 im Zuge der Aufschließungen im Rahmen der Industrialisierung und der Eingemeindungen als Arbeiterquartiere errichtet worden waren.

Die im Folgenden vorgestellten Viertel Montparnasse, Belleville und Goutte d'Or repräsentierten bis vor wenigen Jahren relativ geschlossene Gebiete mit Bausubstanz aus der zweiten Hälfte des 19. Jh., die in Form billiger und schlecht ausgestatteter Mietwohnungen speziell für Arbeiter errichtet worden war. Seit diese Areale ins Blickfeld der Stadterneuerung geraten sind, vollzieht sich die Transformation in Form des Abbruchs der Arbeitermiethäuser bei gleichzeitiger Auswechslung der Bevölkerungsschichten. Noch gilt Belleville als eines der wenigen Rückzugsgebiete für ärmere Bevölkerungsgruppen in der Kernstadt. Montparnasse gerät immer stärker in die Hände von privaten Spekulanten, die durch den Bau von qualitativ hochwertigen Wohnungen zur Umstrukturierung in ein Mittelschichtsviertel beitragen. Goutte d'Or als traditioneller Wohnbezirk für Maghrebiner und Schwarzafrikaner ist heute durch die Sanierungsmaßnahmen der Stadtregierung komplett transformiert, die Zuwanderer in die Vorstädte verdrängt.

Montparnasse [2] : Das Viertel rund um den Boulevard Montparnasse - der Name stammt von Studenten der Sorbonne, die nach einer Gebietsabtretung der Universität an Margarethe von Valois im 17. Jh. heimatlos geworden waren und sich auf einem der Abraumhügel [3] der zahlreichen Steinbrüche ansiedelten - gelangte an der Wende vom 19. zum 20. Jh. zu legendärem Ruf. Der Rummel auf dem Montmartre bewog nämlich zahlreiche Künstler, sich in eine ruhigere Ecke von Paris zurückzuziehen. Sie entschieden sich für Montparnasse. Maler wie Modigliani, Picasso und Chagall, Schriftsteller und politische Emigranten siedelten sich rund um die rue de Gaité an und verhalfen der Gegend zum Ruf eines neuen Pariser Künstlerviertels.

Die Straßenzüge südwestlich der Avenue du Maine blieben von diesem Boom allerdings verschont. Ihre Entwicklung ist eng mit der Gare Montparnasse, dem klassischen Ankunftsbahnhof für Zuwanderer aus der Betragne, verknüpft.

Der Bahnhof war seit 1842 Endpunkt einer Bahnstrecke, die zunächst Versailles mit der Stadt verbinden sollte, später aber bis in die Bretagne ausgebaut wurde. Bis zum Bau der Bahnlinie lag das Gebiet, das später den Namen "Plaisance" erhielt, als unbebaute Fläche im Vorfeld der Befestigungsmauer, denn die Stadt erstreckte sich zu diesem Zeitpunkt nur bis zu den "Fermiers Généraux", der Zollmauer, die etwa im Bereich der heutigen rue de Vaugirard und des Boulevard Edgar Quinet verlief.
Der Bau der Eisenbahn ermöglichte die Aufschließung des Brachlandes und die Beseitigung der Zollmauer. Im Zuge der Industrialisierung strömten vor allem Bretonen nach Paris und ließen sich in unmittelbarer Nähe ihres Ankunftsbahnhofes nieder. Plaisance blieb ein Jahrhundert lang ein von Arbeitern und kleinen Handwerkern dominiertes Viertel mit schlechten Wohnbedingungen und zweifelhaftem Ruf.

Die Wende setzte 1965 ein, als der Beschluss zum Abriss des historisch bedeutsamen Bahnhofsgebäudes gefasst wurde. Hier war 1944 der Waffenstillstand mit dem Vertreter der deutschen Besatzung in Paris unterzeichnet worden, doch nun sollte das Gebäude 500 Meter südwestlich neu gebaut und an Stelle des alten Bahnhofskomplexes ein Bürohochhaus errichtet werden.
Der Bau eines Hochhauses beim Montparnasse-Bahnhof war bereits 1958 beschlossene Sache. Nach heftigen Protesten und einer Reihe von Umplanungen bedurfte es der Intervention des damaligen Kulturministers und Schriftstellers André Malraux [4] , ehe 1969 mit dem Bau begonnen werden konnte. Insgesamt beteiligten sich 46 internationale Finanzierungsgesellschaften an seiner Errichtung und die Verantwortlichen beeilten sich, bei Baubeginn zu versichern, der Büroturm und die Bauten des Sanierungsgebietes würden sich den Pariser Gegebenheiten anpassen. Trotzdem wurde die Tour Montparnasse [5] - der erste Wolkenkratzer in der Pariser Innenstadt - bald zum Symbol der Freigabe historischer Viertel an die Spekulanten.

Abbildung 9:

Blick vom Montparnasse-Hochhaus auf die Bahnhofsanlagen und das sanierte Viertel

 

 

 

 

 

 

 

Photo: Paal 1997

Unmittelbar neben dem neuen Bahnhof entstand das mit Stahlblech verkleidete Hotel "Montparnasse Parc" und auf dem durch den Abriß ganzer Straßenzüge geschaffenen Freiraum im Süden errichtete der Stararchitekt Ricardo Bofill [6] eine hufeisenförmige, pseudoklassizistische Anlage [7] mit 270 Sozialwohnungen, die sich hinter Glassäulen rund um die Place de Séoul verstecken. Durch diesen Stadtumbau kam eine Entwicklung in Gang, die auch das Viertelsmilieu nachhaltig veränderte. Die Gründe für den Wandel liegen einerseits in der Aufwertung des Viertels durch den Bahnhofsneubau und des Büroturms selbst, andererseits in der Radikalsanierung, durch die milieutragende Bevölkerungsschichten verdrängt und durch einen neuen Mittelstand ersetzt wurden, der nicht mehr willens oder imstande ist, die kleinteilige Viertelskultur zu erhalten.

Abbildung 10:

Abbruchhäuser im Montparnasse-Viertel. Das Zumauern der Fenster- und Türöffnungen soll die Besetzung durch Obdachlose verhindern

 

 

Photo: Paal 1999

Radikale Eingriffe in das Erschließungssystem führten zur Abtrennung der rue de L'Ouest von der Gare Montparnasse und zur Verlagerung der Viertelsaktivitäten (Einzelhandel, Cafés und Restaurants) in die rue Raymond Losserand. Sie ist heute die wichtigste Geschäftsstraße des Viertels. Hier befindet sich auch die Métrostation als Verbindung zum Bahnhof und der rive droite. Trotzdem wird auch hier der Rückzug alter Gewohnheiten spürbar. Für die ältere Generation gehört es immer noch zu den fixen Ritualen des Tages, einen Teil der Zeit diskutierend in einem der Bistros der rue Raymond Losserand zu verbringen. Die neu zugezogenen Einwohner der Neubauten in der Planungs- und Erneuerungszone Guilleminot-Vercingétorix [8] bleibt für derartigen Müßiggang keine Zeit - schließlich verschlingen die Wohnungskosten einen beträchtlichen Teil der Familienbudgets. Wenn man bedenkt, dass an einem relativ unattraktiven Wohnstandort wie dem 14. Arrondissement schon 1992 eine 80 m² große Wohnung nur selten unter sechs Millionen Francs angeboten wurde, versteht man, dass die Cafés häufig nur mehr von Laufkundschaft frequentiert werden.
Da die großen Sanierungsmaßnahmen abgeschlossen sind, liegt der Hauptanteil der Sanierungstätigkeit in der Hand von privaten Immobilienbüros, die nun versuchen, die Reste der alten Vorstadtverbauung im Hinblick auf die zukünftige Nutzung durch Bevölkerungsgruppen mit überdurchschnittlichem Einkommen zu Maisonette-Wohnungen, Künstlerateliers und Luxus-Etagenwohnungen umzubauen.

Abbildung 11:

Spekulation mit alter Bausubstanz - Vorstadthäuser im Montparnasse-Viertel vor dem Abbruch

 

 

 

Photo: Paal 1999

Die Neubauten an der Place de Catalogne und der Place de Séoul wirken wie eine Barriere zum alten Teil von Plaisance. Die einstmals enge funktionale Verknüpfung des Viertels mit dem Bahnhof wird durch die vollzogene Transformation der Baublöcke unterbrochen. Die Fußgängerströme konzentrieren sich rund um die Tour Montparnasse und die rue Raymond Losserand, doch die dazwischen liegenden Neubauzonen wirken selbst tagsüber menschenleer.
Erst wenn man die rue du Chateau hinter sich gelassen hat, belebt sich die Szene. Das Leben im alten Viertel ist noch viel "pariserischer" als in den anderen ehemaligen Arbeitervierteln der Stadt. Lokale oder Restaurants aller Nationalitäten sind zwar auch hier anzutreffen, doch befinden sie sich gegenüber den einheimischen eindeutig in der Minderheit. Die Bevölkerung deckt ihren Bedarf in unmittelbarer Nachbarschaft - ein Interaktionsmuster, das in den Neubauzonen nicht beobachtet werden kann, denn die dortigen Supermärkte reichen hinsichtlich der Angebotsqualität an die kleinen Lebensmitteleinzelhändler nicht heran. Mittlerweile versuchen Bürgerprotestbewegungen [9] , die Infrastruktur ihres Viertels zu bewahren - ein Kampf, der bereits in den 1970er Jahren die großflächige Abbruchsanierung zugunsten einer etwas kleinräumigeren Erneuerungsstrategie stoppte.
Im Montparnasse-Viertel herrscht allgemein ein Mangel an öffentlichen Grünflächen. Erst im Zuge der Umgestaltungen in der rue Vercingétorix und der Ablehnung der Schaffung eines Autobahnzubringers plante man an seiner Stelle eine 16.000 m² große eher peripher gelegene Grünfläche. Die Beurteilung solcher Lösungen ist allgemein schwierig, weil Erholungsflächen dieser Art in der Regel Lückenfüller für die umgebende Architektur sind und die Passanten nicht zum Verweilen einladen.

Belleville: Das Gebiet der ehemaligen Gemeinde Belleville [10] ist - den Bemühungen der Abbruchsanierer zum Trotz - immer noch eine Welt für sich. Noch im 18. Jh. bedeckten Weingärten etwa drei Viertel der heutigen Fläche Bellevilles. Außerhalb der Fermiers Généraux [11] gelegen, war die Gegend im 19. Jh. eines der beliebtesten Ausflugsgebiete der Pariser.
Im Zuge der Industrialisierung errichteten Spekulanten auch hier - ähnlich wie in Montparnasse - schäbige Behausungen für die zugewanderten Arbeiter. Es entstand ein Viertel mit verschachtelten, am Hang der Buttes-Chaumont gelegenen Baublöcken, kleinen Arbeiterhäusern, Fabriken und Hinterhofbetrieben. Als Belleville 1860 eingemeindet wurde, zählte es 70.000 Einwohner und stand damals an 13. Stelle der größten Siedlungen Frankreichs.
Zur Zeit der Commune 1871 war Belleville die letzte Bastion der Aufständischen und wurde in heftigen Straßenkämpfen verteidigt. Diese Tradition blieb lebendig: 1920 wurde hier die "Fédération communiste anarchiste" gegründet, 1940 lebte immerhin ein Viertel aller kommunistisch wählenden Pariser in Belleville.
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. ist das Viertel ein Immigrantenquartier, wobei die Zuwanderung zunächst die Pariser Bevölkerung selbst betraf. Durch die Sanierungen Haussmanns und die steigenden Mietpreise in den neuen Vierteln aus dem Stadtzentrum vertrieben, ließ sich "le peuple" hier nieder. Um die Jahrhundertwende siedelten sich Juden aus Osteuropa an, die vor den zaristischen Pogromen aus Rußland geflüchtet waren. Ihnen folgten in der Zwischenkriegszeit Armenier, Griechen und Spanier. Die jüngste Einwanderergeneration rekrutiert sich aus dem Maghreb und aus dem Fernen Osten - letztere stellen in Belleville bereits 30 % der Bevölkerung.
Das Besondere an Belleville besteht weniger in einem spezifischen Milieu als in der Summe von durch die einzelnen ethnischen Zuwanderergruppen geschaffenen Identitäten, die zueinander in keinem Widerspruch zu stehen scheinen. Zusammenhängende Wohnbereiche von Minderheiten sind auch in Paris nicht ungewöhnlich - siehe "Chinatown" an der Place d'Italie. In Belleville, oder vielmehr in jenem Teil des Viertels, das seinen Namen im Hinblick auf das historische Bauerbe noch verdient, leben auf engstem Raum zwischen der rue du Faubourg du Temple, der rue de Belleville, der rue Ramponeau und der rue Orillon orthodoxe Juden, Moslems, Schwarzafrikaner und Chinesen scheinbar konfliktfrei nebeneinander. Auf alteingesessene Franzosen trifft man nur selten. Sie haben sich hügelaufwärts in die Straßenzüge rund um die rue des Pyrénées zurückgezogen.
Aufgrund der vielfältigen Aktivitäten in den Hauptgeschäftsstraßen wirkt der Kontrast zu den Erneuerungsgebieten rund um den Parc de Belleville [12] noch dramatischer. Die Anlage einer zusammenhängenden Grünfläche erstreckt sich auf ca. 4,5 ha über einen Hang in Westlage. Die Gestaltung orientiert sich an den Landschaftsparks des 19. Jh.. Von der durch den Abriß mehrere Häuserblöcke entstandenen Terrasse bietet sich an klaren Tagen ein Panorama über einen Großteil der Stadt und vor allem auf das neue, transformierte Belleville. Die beiden Renovierungssektoren Besson und Pali-Kao schließen direkt an den Park an und wirken - ähnlich wie das neue Montparnasse - menschenleer und anonym. Die Bewohner reagieren im Wissen um das Verdrängtwerden aus dem bisherigen Wohnumfeld mit Protesten, aber auch mit Aggression in Form von Vandalismus. Ausgebrannte Wohnungen und Devastierungen im Bereich der Hauseingänge sind keine Seltenheit. Der Grad der Verschmutzung und Vernachlässigung des unmittelbaren Wohnumfeldes steht gleichzeitig in Zusammenhang mit bevorstehenden Rehabilitationsmaßnahmen, die Schranken zur Aufrechterhaltung eines relativ geordneten Wohnumfeldes fallen mit dem Beginn der ersten Delogierungen.

Abbildung 12:

Eine mittlerweile historische Aufnahme aus dem Goutte d'Or: die Abbruchhäuser wurden nun durch Neubauten ersetzt, die Bevölkerung an den Stadtrand verdrängt.

 

 

 

 

 

 

Photo: Paal 1994

Goutte d'Or: Das Viertel Goutte d'Or liegt an der östlichen Flanke des Montmartre-Hügels. Noch zu Beginn des 19. Jh. war die Gegend nur von jenen bewohnt, die die fünf Windmühlen am Hang betrieben. Erst zwischen 1830 und 1840 für Arbeiterhäuser aufgeschlossen, wurde die Siedlung 1860 in das Pariser Stadtgebiet eingemeindet. Im Gegensatz zu Montparnasse und Belleville orientiert sich die Anlage der Straßen und Parzellen stärker an der Topographie. Dementsprechend individuell passen sich die Miethäuser dem Straßennetz an - ein Umstand, der später Rehabilitationen unter Beibehaltung der ursprünglichen Bausubstanz extrem erschweren wird.In den 1960er Jahren entwickelte sich das Viertel zum Zentrum der Zuwanderung aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika. Wohnungen, wenn auch schlecht ausgestattet und in schlechtem Allgemeinzustand, waren billig und zogen nicht nur Immigranten, sondern auch jene an, die sich das Wohnen in den sanierten Stadtteilen nicht mehr leisten konnten. Sozialstruktur und Bauzustand rückten in den frühen 1980er Jahren aber auch Goutte d'Or ins Blickfeld der Stadterneuerer. Abbruchsanierung wurde in großem Stil praktiziert, obwohl mittlerweile auch Fachleute gegen diese Maßnahmen Einspruch erhoben und Gegenvorschläge zur Erhaltung der historischen Bausubstanz vorlegten.

Mittlerweile ist es den Verantwortlichen gelungen, mit Hilfe der Erneuerungsmaßnahmen eine völlig neue Einwohnerstruktur zu schaffen. Zwar wurden den ehemaligen Bewohnern 10 m² in den Neubauwohnungen gratis angeboten, doch blieb der Kaufpreis für die restlichen 60 bis 70 m² unerschwinglich, so dass an eine Rückkehr nicht mehr zu denken war. Heute ist Goutte d'Or weitgehend gentrifiziert - ein Vorgang, dem auch der neue sozialistische Bürgermeister von Paris, Delanoë, nur wenig kritisch gegenübersteht und der die Arbeiten auch auf das benachbarte Château Rouge [13] auszudehnen gedenkt.