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Die sozialräumliche Wirkung der Stadterneuerung

Schon während des Stadtumbaus im 19. Jh. flüchteten jene, die sich die teuren Neubauwohnungen nicht mehr leisten konnten, in die wenig attraktiven, aber billigen Quartiere der Stadt. Dieses "Ausweichen" ist seit dem Beginn der Abbruchsanierungen im Rahmen der Umsetzung der Ziele des Planungsprogramms auch im Pariser Osten zu beobachten. Allerdings liegt das neue Auffangbecken der weniger Privilegierten nicht mehr im Kernstadtbereich, sondern in den Villes Nouvelles an der urbanen Peripherie.

Die Praxis des Abbruchs ganzer Straßenzüge bei gleichzeitiger Reduktion der Zahl der Wohnungen in den Neubauten schafft gleichzeitig massive Probleme auf dem Pariser Wohnungsmarkt [1] . Zwar ist der Boom der 1990er Jahre, Wohnungen in Büros umzuwandeln, nach einer Sonderaktion zur Schaffung von Wohnungseigentum in der Kernstadt wieder beendet, doch kann die Nachfrage nach Wohnungen [2] weiterhin nicht zur Gänze befriedigt werden.

Dazu kommt, dass der Sozialwohnbau in Paris mit einer jährlichen Bauleistung von ca. 4.000 Wohnungen als Marktsegment so gut wie keine Rolle spielt. Gleichzeitig stehen nach Schätzungen des Planungsinstitutes I.A.U.R.I.F. mehr als 136.000 Wohnungen leer - das sind etwa 10% des Gesamtwohnungsbestandes der Stadt. Sowohl für Alt- als auch für Neubauten ist ein klares West-Ostgefälle des Preisgefüges erkennbar. Als erste Adresse in der Kernstadt gilt das 16. Arrondissement mit seinen zahlreichen großbürgerlichen Wohnhäusern und Botschaften. In diesen Bestlagen existieren weder für Miete noch für Kauf Preisobergrenzen. Ähnliches gilt für den Innenstadtbereich der rive droite rund um den Louvre, wo selbst für desolate Wohnungen Höchstpreise gezahlt werden (bisheriger Spitzenwert: 15.000.- Euro pro m², erzielt 1996 für eine renovierungsbedürftige Eigentumswohnung in der Nähe vom Palais Royal).

Bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von ca. 1.750 Euro wird es hingegen nicht nur für Familien immer schwieriger, Wohnraum in der Kernstadt [3] zu finanzieren. Daher bleibt auch für jene, die nicht unmittelbar als Folge von Sanierungsmaßnahmen ihre Wohnungen verlassen müssen, häufig nur der Weg in die Villes Nouvelles [4] .

Diese "neuen Städte" wurden in den 1960er Jahren als neue Zentren rund um Paris konzipiert und sollten - am Reißbrett geplant und auf der grünen Wiese errichtet - als Wohn- und Arbeitsplatzzentren die Pariser Innenstadt entlasten. Obwohl bis in die 1980er Jahre hinsichtlich des Erfolges eher differenziert beurteilt, sind die fünf neuen Städte [5] (Cergy-Pontoise [6] , St. Quentin-en-Yvelines [7] , Evry [8] , Mélun-Sénart [9] , Marne-la-Vallée [10] ) heute Wohnorte für ca. 730.000 Menschen. Mit Ausnahme von Marne-la-Vallée weisen sie bis heute nicht die ursprünglich geplante Einwohnerzahl von je 200.000 Personen auf, sind aber mittlerweile zu wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungspolen in der Pariser Agglomeration geworden.

Abbildung 13:

Die neuen Wachstumspole der Pariser Agglomeration

 

 

 

 

 

 

Unabhängig vom Faktum, dass die Entlastungsstädte zu nahe an der Kernstadt geplant wurden, die Freiflächen zwischen den Villes Nouvelles [11] und Paris mittlerweile bebaut und die Siedlungsteile zu einer Mega-Agglomeration zusammengewachsen sind, gelten die Neuen Städte heute als Schauplätze sozialer Probleme, die ihre Ursache auch in der Stadterneuerungspolitik haben. Lange Jahre fehlte ihnen entsprechende Infrastruktur (Freizeiteinrichtungen etc.), so dass das Image als Wohnstandort weniger positiv ausfiel und die Wohnungspreise aufgrund der mangelnden Nachfrage niedrig blieben. Jene Bevölkerungsschichten, die durch die Sanierungs- und Aufwertungsmaßnahmen in der Pariser Kernstadt selbst keine erschwingliche Wohnung fanden, wanderten in die Großwohnsiedlungen, die mittelfristig zu einem Auffangbecken für ethnische Minderheiten und sozial Benachteiligte wurden. Ähnliche Probleme sozialer und ethnischer Segregation [12] stellen sich auch in den Satellitenstädten aus den 1960er Jahren (z.B. Sarcelles), denn mittlerweile beträgt die Jugendarbeitslosigkeit in manchen dieser Siedlungen mehr als 20%, und die Bereitschaft zur Gewalttätigkeit steigt.