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'Dezentralisierung und Deindustrialisierung'
 
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Dezentralisierung und Deindustrialisierung

Unter diesen Rahmenbedingungen setzte schon ab Mitte der 1950er Jahre der Verlagerungsprozeß vieler Industrieunternehmen ein. Dabei sind zwei räumliche Ebenen zu unterscheiden: die innerregionalen Standortverlagerungen, die sich innerhalb der Region Ile-de-France vollziehen, und die intraregionalen Bewegungen (in diesem Falle zwischen der Ile-de-France und den übrigen Regionen Frankreichs), denen im Rahmen der Dezentralisierungsbestrebungen des Staates ein besonderes Interesse galt.

Die Bedeutung der interregionalen Bewegungen wird unterschiedlich bewertet. Raumplaner und Politiker bezeichnen den Zeitraum zwischen 1945 und 1975 gerne als die Trente glorieuses [1] (die glorreichen Dreißig), wenn Sie auf die Erfolge der staatlichen Dezentralisierungspolitik verweisen wollen (GAUDRIAULT 1997, S. 4). Zwischen 1954 und 1981 verließen rund 4.000 Industrieunternehmen (mit durchschn. 150 Beschäftigten) die Region Ile-de-France, um sich in der Provinz anzusiedeln und hier rd. 500.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Weniger bedeutsam waren intraregionale Verlagerungen von größeren Dienstleistungsunternehmen. Hier wurden zwischen 1960 und 1980 rd. 700 Transfers registriert, die in der Provinz weitere 100.000 Arbeitsplätze schufen. Zu den besonders spektakulären Maßnahmen zählte in der Frühphase der Standortwechsel der Automobilwerke Citroën, die zu Beginn der 1960er Jahre wichtige Produktionszweige von ihrem Stammwerk in Paris in die bretonische Hauptstadt Rennes verlagerten. In den Jahren 1963 bis 1965 erreichte die Zahl der Dezentralisierungen von Industrieunternehmen ihren Höhepunkt, gefördert durch zahlreiche Investitionsanreize, die der französische Staat den Unternehmen bot.

Abbildung 5:

Abwanderung von Industrieunternehmen (mit durchschn. 150 Besch.)
aus der Ile-de-France (1954-1981)

 

 

Quelle: Gaudriault 1997, S. 2

Inwieweit diese Unternehmensverlagerungen tatsächlich als Dezentralisierungserfolge zu bewerten sind, wird kontrovers diskutiert. Brücher (1992, S. 147) verweist darauf, dass den abgewanderten Betrieben in nur 24 % der Fälle auch die Hauptverwaltungen folgten, zudem noch überwiegend die kleinerer Einbetriebsunternehmen, auf die nur 8 % der Arbeitskräfte entfielen. Hinzu kommt, dass weit über die Hälfte der Verlagerungen lediglich in die unmittelbar benachbarten Regionen der Ile-de-France erfolgten und damit innerhalb eines Radius von etwa 200 km im Pariser Beckens verblieben. Brücher spricht deshalb auch eher von einer Dekonzentration als von einer Dezentralisation. Den größten Gewinn an diesen Standortveränderungen hatte die Region Centre (42 %), gefolgt von Picardie (19 %), Obernormandie (15 %), Bourgogne (14 %) und Champagne-Ardenne (10 %) (Gaudriault 1997, S. 1).

Interessant ist, dass die Phase der intraregionalen Verlagerungen mittlerer und größerer Industrieunternehmen Anfang der 1980er Jahre praktisch zum Erliegen kam und damit zu dem Zeitpunkt, als mit der Präsidentschaft François Mitterrands (ab 1981) und der Verabschiedung der Dezentralisierungsgesetze (1982) neue Impulse ausgelöst wurden. Zwar verließen im Durchschnitt zwischen 1982 und 1992 jährlich 630 Unternehmen die Ile-de-France in Richtung der Nachbarregionen. Umgekehrt wurden aber auch pro Jahr 350 Verlagerungen zugunsten der Hauptstadtregion registriert. Der überwiegende Teil dieser Transfers betraf jedoch Kleinunternehmen, deren wirtschaftliche Bedeutung im Gesamtgefüge der Region nahezu marginal war.

Die innerregionalen Unternehmensverlagerungen haben hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Arbeitskräftetransfer ein wesentlich geringeres Ausmaß. Sie sind gleichwohl mit Blick auf die räumlichen Auswirkungen im Kernstadtbereich von erheblicher Bedeutung. Im Zeitraum zwischen 1986 und 1995 haben 321 Unternehmen (mit >100 Beschäftigten) den Kernstadtbereich verlassen, um sich im inneren oder im äußeren Ring der Region anzusiedeln. Im Gegenzug gaben nur 33 Betriebe dieser Größenordnung ihren Standort in der Region zugunsten der Kernstadt auf.

Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass die Verlagerung in stärkerem Maße dem inneren als dem äußeren Ring zugute kommt. Namentlich das Département Hauts-de-Seine, in dem sich z.B. mit La Défense der bedeutendsten Wachstumspol des Dienstleistungssektors von ganz Frankreich befindet, nimmt hier eine Sonderstellung ein. Unter den Großunternehmen mit über 1000 Beschäftigten, die vorher im inneren Stadtgebiet angesiedelt waren und die zwischen 1986 und 1995 ihren Standort nach La Défense verlagert haben, seien der Mineralölkonzern Total (vorher 16. Arr.), das Versicherungskonsortium COFACE (vorher 8. Arr.) oder die Worms-Bank (vorher 9. Arr.) genannt. Bei genauerer Betrachtung hat die räumliche Verlagerung einiger Unternehmen gerade eben die Verwaltungsgrenzen der inneren Stadt überschritten, etwa im Fall des Versicherungskonzerns Abeille Vie (vorher 17. Arr., jetzt Levallois-Perret) oder der Fernsehgesellschaft TF1 (vorher 7. Arr., jetzt Boulogne-Billancourt), beide ebenfalls mit jeweils mehr als 1.000 Beschäftigten. Bilanziert man diese Verlagerungen in ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, so hat die Kernstadt von Paris zwischen 1989 (1,81 Mio.) und 1999 (1,61 Mio.) rd. 200.000 Arbeitsplätze verloren, während im gleichen Zeitraum in der Petite Couronne eine Zunahme um 55.000 und in der Grande Couronne um rd. 210.000 verzeichnet wurde. Insgesamt hat sich die Zunahme der Arbeitsplätze in der Gesamtregion im Verlauf der letzten Jahre, wenn auch verlangsamt, fortgesetzt und scheint sich derzeit bei rd. 5 Millionen zu stabilisieren, während sich im übrigen Frankreich die Steigerung derzeit noch fortsetzt.

Abbildung 6:

La Défense

 

 

 

 

Internetquelle [2]