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Abschließende Bemerkungen

Uns scheint, dass hier noch deutlicher als in anderen Zeichnungen spürbar wird, wie sehr für DDR-Zeichner (und wenn unsere eingangs formulierten Annahmen über die weitgehende Kongruenz der Produzenten- und Rezipientenperspektive zutreffen, heißt das: auch für die Eulenspiegel-Leser) Frankreich - genauer: die französische Republik - die Qualitäten und die Funktion eines positiven Mythos' bzw. einer konkreten Utopie hatte. Es dürfte die Utopie jener Bevölkerungsteile, insbesondere der Intellektuellen, gewesen sein, für die die häufige (sich oft symbolisch, z. B. in Straßennamen ausdrückende) Bezugnahme auf frankreichorientierte linksrepublikanische Autoren wie Heinrich Heine und Heinrich Mann Teil einer progressiven DDR-Identität war. Deren Hoffnungen und Projektionen auf Frankreich wurden gewiss auch von den Mächten und Interessen, die Adenauer und de Gaulle vertraten, zerstört, wie das Kurt Poltiniaks Rotkäppchen-Titelbild von 1959 deutlich macht. Doch hausgemachte Gründe, insbesondere die Selbsteinmauerung, haben das Ihrige, wohl das Entscheidende, dazu beigetragen. Als 1961 der Mauerbau im Eulenspiegel als Tat des Volkes und zugleich als Vollzug Heinescher Gedanken dargeboten wurde, wurde damit -wohl unfreiwillig und dem Autor unbewusst - eingestanden, dass die Berufung auf linksrepublikanische Traditionen nunmehr zur blanken ideologischen Phraseologie herabgesunken war (11). Bilder wie die von uns untersuchten waren nun nicht mehr zeitgemäß (12). 

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Anmerkungen

(11) Auf besagter Zeichnung von E. Jazdzewski (Eulenspiegel 36 / 1961, S. 3) stattet ein NVA-Offizier dem Dichter Rapport ab ("Befehl ausgeführt, Genösse Heine!") und salutiert vor ihm, der eher als Dandy dargestellt ist - eine abstrus-perverse Figurenkonstellation -, wobei dem Leser durch ein im oberen Teil der Zeichnung eingeblendetes Heine-Zitat deutlich gemacht wird, welcher "Befehl" gemeint ist: "Und es ist das Brandenburger Tor / Noch immer so groß und so weit wie zuvor, / Und man könnt' euch auf einmal zum Tor hinausschmeißen, / Euch alle, mitsamt dem König von Preußen - / Die Menge tut es."

(12) Während der Drucklegung des vorliegenden Buches erhielt ich von Jean-Claude Gardes (Université de Bretagne occidentale, Brest) den Hinweis, dass er soeben einen Aufsatz mit sehr ähnlicher Thematik abgeschlossen habe. Nach Austausch unserer Manuskripte stellten wir eine durchaus erfreuliche weitgehende Übereinstimmung in unseren Interpretationen fest. Um eine Nuance weichen unsere Einschätzungen ab, wenn es bei Gardes heißt: "L'objectif primordial de la revue n'est jamais de présenter un modèle politique français, de s'attirer les sympathies des Français, mais de faire apparaître dans le miroir français le militarisme du voisin allemand et l'absence de légitimité r&lle de l'Etat ouest-allemand qui prétend toujours représenter l'ensemble des Allemands." Demgegenüber würde ich stärker betonen, dass sich so manche DDR-Zeichnung sehr wohl als Liebeserklärung an Frankreich lesen lässt. Der speziell interessierte Leser sei darauf hingewiesen, dass sich unsere beiden Arbeiten bei aller grundsätzlichen Übereinstimmung in verschiedener Hinsicht komplementär zueinander verhalten. Unterschiedliche Methodiken haben eben unweigerlich unterschiedliche Stärken und Schwächen. So bezieht Gardes sich auch auf von mir nicht berücksichtigte (da nicht mit Marianne operierende) Zeichnungen und thematisiert z.B. die auch mir wesentlich erscheinende Kritik am französischen Kolonialismus stärker, als das hier der Fall sein könnte -Gardes' Aufsatz trägt den Titel "Rôle et fonction des représentations de la France dans la presse satirique est-allemande des années cinquante" und ist erschienen in der von Ernst Dautel und Gunter Volz herausgegebenen Festschrift Horizons inattendus. Mélanges offerts à Jean-Paul Barbe (Stauffenburg-Verlag, Tübingen 1999). Nach Auskunft von Jean-Claude Gardes beruht sein Aufsatz auf einem Kapitel seiner leider nicht gedruckt zugänglichen Habilitationsschrift L'Image de la France dans la presse satirique allemande. 1870-1970. Paris VIII. Thèse d'État 1990. 4 Bde (Band 4: Illustrationen).

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